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WIEN / Kammeroper: ANTIGONE

01.12.2015 | KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien:
ANTIGONE von Tommaso Traetta
Premiere: 30. November 2015

Antigone, natürlich, die Tochter des Ödipus. Antigone, natürlich, Sophokles. Antigone – welche? Die Oper. Welche? Es gibt mehr als zwei Dutzend, und nicht einmal jene von Orff zählt zu den bekannten Opernwerken der Weltliteratur. Im Fall von Tommaso Traetta ist das wirklich schade. Wieder einmal ist das Bessere der Feind des Guten, aber wie viel Gutes ist aus diesen Gründen schon verloren gegangen!

Außer Theater- und Musikwissenschaftlern kennt wohl kaum jemand den Namen von Traetta, und in Wien weiß man vor allem deshalb von ihm, weil er hier am Hof Maria Theresias tätig war und 1763 zum Geburtstag von deren Gatten Franz Stephan sogar eine „Ifigenia in Tauride“ komponieren durfte. Fünf Jahre später ging er nach Russland, die barocken und spätbarocken Höfe waren international, Künstler reisten. In St. Petersburg wurde 1772 seine „Antigone“ zur Uraufführung gebracht, und das Programmheft der Kammeroper braucht uns nicht zu versichern, dass man es hier schon mit einer „Reformoper“ zu tun hat. Eigentlich ist man überzeugt davon: Stünde da als Komponistenname Gluck statt Traetta, diese Oper – die jetzt erstmals in Wien gespielt wird – würde weit öfter im Repertoire auftauchen.

Interessanterweise hat sich das Libretto von Marco Coltellini (auch er hat eine Wiener Geschichte, wurde hier Nachfolger von Metastasio, fiel aber wegen satirischer Tendenzen in Ungnade und zog seinerseits nach Russland weiter) ein Happyend, was natürlich gar nicht zur antiken Vorlage passt, die auf letale Tragödie angelegt ist: Hier soll sich König Creon angesichts des vermeintlichen Todes seines Sohnes Emone besinnen und Antigone begnadigen. Dass sie verurteilt wurde, weil sie ihren Bruder Polyneikes begraben hat, der im Gegensatz zu ihrem Bruder Eteokles (an sich haben sich die beiden gegenseitig erschlagen) aus politischen Gründen zum „Bösen“ erklärt wird, so weit stimmt die Geschichte des ersten Teils mit der klassischen Vorlage überein.

KO Antigone Szene

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov debutierte mit dieser Arbeit in Wien, und sagen wir gleich, was an sich konzeptionell stimmt: Dass er die Geschichte von seinem Ausstatter Zynovy Margolin (in Gewändern, die hier und heute signalisieren) in eine Familiengruft verlegen lässt, wo man die Toten in die Wand schiebt und die vielen berühmten Namen der Familie (natürlich Ödipus und Iocaste und viele andere mehr) an den Wandtafeln zu lesen sind. Das erspart Antigone auch, ihren Bruder einzugraben, sie schieb ihn einfach in eine Öffnung – so, wie sie dann in eine solche verfrachtet wird.

Freilich ist vieles an dieser Inszenierung weniger gelungen – schon dass zur Ouvertüre ein wackliger Film laufen muss, der die Familie am Zentralfriedhof zeigt, ist überflüssig – ein Opernpublikum kann wohl noch ein paar Minuten Musik pur ertragen, ohne dass man es mit Bildern überschütten muss. In der Gruft geht es dann ziemlich wild zu, aber es ist ja auch eine emotional wilde Handlung – immerhin, bis zur Pause scheint es zu stimmen.

Dann allerdings verläuft sich der Regisseur in die Exzentrik jener, die befürchten, dass sie sonst zu wenig bieten, worüber geredet werden kann (und worüber nicht, vielleicht auch entrüstet, geredet wird, das „ist“ nicht…) – also werden „Ideen“ aller Arten aufgepfropft, Grabplatten eingeschlagen, Skelett-Teile und Totenköpfe hervorgeholt, also macht Antigone aus ihrer Entschlossenheit zu sterben mit einem riesigen Kranz fast eine Posse, also muss plötzlich eine Sporttasche mit Leiberln hervorzogen werden, von denen Emone sogar eines übergezogen bekommt…

KO Antigone ViktorijaBakan im Grab x~1  KO Antigone Heiter im Grab~1

Und dann verwirrt der Regisseur, der laut Programmheft das „aufgesetzte Happyend“ als „grausame Irone“ begreift, die Zuschauer total – da bringt der alte Diener Adrasto plötzlich Creonte um (?), Emone, zuerst halb tot, bringt Sekt und Gläser mit, wenn er zu Antigone in ihre Gruft kriecht (wo sie ohnedies mit Handy und Zigaretten bewaffnet ist), das Happyend wird zu verblödetem Jux, wenn sich dann alle im Grab kauernd drängeln und miteinander anstoßen… aber so ist es doch nicht gemeint, liebe Leute, dann ganz zum Finale liegen alle tot herum und nur Ismene irrt begreiflicherweise verzweifelt umher, bevor sich der Vorhang senkt…

Und außerdem scheint der Regisseur von der ohnedies nicht gelungenen „Antigone“-Aufführung des Burgtheaters deren schlechtestes Element geklaut zu haben: Man erinnert sich, dass die Regisseurin das Publikum periodisch mit einer riesigen Batterie von Scheinwerfern blendete. Nun, Vasily Barkhatov zerhackt die Szene ununterbrochen, indem er plötzliche Blackouts verordnet (während die Musik weiterläuft), das Publikum von einer Lichtschranke an der Rampe geblendet wird – und die nächste Szene die Beteiligten in anderen Posen als zuvor zeigt. Sonst ist ihm nichts eingefallen?

Immerhin, die Musik versöhnt. Sie ist bemerkenswert in überaus ausdrucksstarken Arien, sehr schönen Chorszenen, die Stimmungen stark modulierender Orchestersprache. Keine leeren barocken Verzierungen, alles im Dienst einer Geschichte, deren vom Regisseur angebotene Komik in der Musik allerdings nicht zu entdecken ist… Attilio Cremonesi hat jedenfalls mit dem Bach Consort Wien einen Komponisten „entdeckt“, der nicht ganz vergessen sein sollte.

KO Antigone Sie und Kreon

Es ist der Abend der Viktorija Bakan, die zwar szenisch so einiges Unsinnige vollziehen muss, aber ihre Rolle so schön, nachdrücklich und souverän singt (die Koloraturen könnten exakter sein), dass sie wirklich unter die Haut geht. Natalia Kawalek ist keine sanfte Ismene, sondern eine wilde Leder-Braut, die zwar weniger zu singen hat, aber ihre Möglichkeiten voll nützt.

Jake Arditti, der in Wien schon bekannte Countertenor (vor einem Jahr war er der Rinaldo in der originellen à la Hitchcock-Aufführung), bohrte sich gelegentlich schmerzhaft in die Ohren, hat aber beeindruckendes Material, das auch größere Häuser füllen kann und dem man eine Karriere prophezeien möchte.

Auch keinerlei Mangel an Material zeigte der australische Tenor Thomas David Birch als Creonte, baritonal timbriert und stimmlich doch noch recht ungeschliffen, während Christoph Seidl wie immer eine ausgezeichnete Besetzung für die Bassrollen darstellt.

Es gab mehr Applaus, als man der Inszenierung gönnte, aber die Sänger und vor allem der wieder entdeckte Komponist haben ihn redlich verdient.

Renate Wagner

 

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