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WIEN / Jüdisches Museum: 100 JAHRE HOLLYWOOD

01.02.2012 | Ausstellungen

 

WIEN / Jüdisches Museum: 
BIGGER THAN LIFE
100 JAHRE HOLLYWOOD. EINE JÜDISCHE ERFAHRUNG 
Vom 19. Oktober 2011 bis zum 15. April 2012

Und die Nase der Streisand

Einen langen, nostalgischen Spaziergang durch die Geschichte Hollywoods kann man derzeit im Jüdischen Museum Wien unternehmen. Das neu renovierte Haus soll nach dem Wunsch von Direktorin Danielle Spera vor allem „lebendig“ sein. Angesichts des Reizes, den das Thema „Film“ auf breitester Ebene ausstrahlt, kann man sich vorstellen, dass die erste Ausstellung nach neunmonatiger Schließ- und Umbaupause gut gewählt ist. Und „Hollywood“ ist natürlich ein jüdisches Thema. Die Begabung der Juden für das Mediale konnte sich hier, in Kalifornien, voll entfalten. 

Von Heiner Wesemann

Aus Europa gespeist     Wie viele jener Männer, die als Pioniere „Hollywood“ erfunden und in der Folge dort gearbeitet haben, aus dem Bereich der ehemaligen Monarchie kamen, hat wohl noch niemand nachgezählt. Adolph Zukor beispielsweise, der das Studiosystem erfand, war 1873 im ungarischen Ricse geboren worden, als Teenager in die USA ausgewandert, Pelzhändler geworden und dann ins Filmgeschäft eingestiegen. Er und zahlreiche europäische Juden – ob Laemmle, Goldwyn (als Schmuel Gelbfisz geboren und Handschuhmacher), Warner – gründeten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Hollywood mit seinen großen Studios. Und niemand hat die Filmstadt  dermaßen überragend mit „Talenten“ an bedeutenden Regisseuren und Schauspielern gefüttert, wie Österreich und Deutschland, als Hitlers Rassenwahn ausbrach.

Rundgang durch die Geschichte     Das Jüdische Museum Wien ist dem Thema nun in aller Ausführlichkeit auf der Spur, wobei der erste Teil im 2. Stock beginnt und die fast als „Irrweg“ angelegte Ausstellung im 1. Stock weitergeht. Die Spannweite reicht dabei von jüdischen Sakralgegenständen des Beginns (eine Besamin-Büchse aus Minsk, woher MGM-Chef Louis B. Mayer vermutlich stammte) bis zu einem zwar schlichten, aber umso eindrucksvolleren Objekt, nämlich einem Baseballschläger – er wird von einem jüdischen Widerstandskämpfer in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ verwendet (ein Film, in dem ja „unser“ Christoph Waltz als Nazi-Sadist den Nebenrollen-„Oscar“ erhalten hat)… Es gibt noch andere Objekte „zum Angreifen“, wenn man sie auch besser nicht angreift, eine Replik der berühmten Harley Davidson aus „Easy Rider“ beispielsweise (die Originale gingen alle in die Hände langfingriger Fans über) oder ein Sessel aus Rick’s Café.

Große kleine Männer und schöne Frauen     Nicht alle Schauspieler Hollywoods haben sich so selbstverständlich als Juden deklariert wie etwa Charlie Chaplin oder Woody Allen, die für künstlerische Höhepunkte der Filmindustrie sorgten, und nicht alle schönen Frauen waren Jüdinnen wie Elizabeth Taylor, aber Marilyn Monroe trat für ihre Ehe mit Arthur Miller zum Judentum über. Und der Wiener Jude Billy Wilder hat die schönste Sexbombe, die die Traumfabrik je hervorgebracht hat, in „Manche mögen’s heiß“ als „Sugar Kane“ zu einer polnischen Einwanderin gemacht.

Casablanca – ein Exilprojekt     „Casablanca“, 1942 gedreht, hatte mit Humphrey Bogart einen „eingeborenen“ Amerikaner und mit Ingrid Bergman eine Schwedin als Liebespaar, aber ein Großteil des Films, der während des Krieges von den Emigranten in Nordafrika erzählte, war von der Bestückung her ein konzentriertes Meisterwerk jüdischer Künstler: von Regisseur Michael Curtiz, der als Mihaly Kertsez in Europa Bibelschinken gedreht hatte, über den wundervollen Komponisten Max Steiner bis zu den Emigranten, die Rick’s Café bevölkern und vielfach von echten jüdischen Emigranten wie Peter Lorre (richtiger Name: Laszlo Löwenstein) oder Szöke Szakall verkörpert wurden.

„Jewish Planet Hollywood“     „Merke: 1. Ja, es gibt eine Menge Juden im Filmgeschäft. 2 Nein, wir haben Christus nicht ermordet“, vermerkt bissig der britisch-jüdische Schriftsteller David Mamet, der hervorragende Beiträge zum Thema Film geleistet hat. Tatsächlich lag den Juden Hollywoods im allgemeinen ganz wenig daran, sich zu deklarieren, und angesichts der Unmasse von Filmen, die die „Traumfabrik“ herausgestoßen hat, sind die ganz spezifisch jüdischen Themen – von „Exodus“ über „Das Tagebuch der Anne Frank“ bis zu „Schindlers Liste“ – eher selten. Ebenso hat sich Hollywood nur zögernd in den Dienst der antideutschen Kriegspropaganda gestellt. Klassischer Fall einer sich mit Hilfe ihrer „jüdischen Nase“ deklarierenden jüdischen Schauspielerin war Barbra Streisand (wenngleich der Grund, sich dieses „Zeichen“ nicht wegoperieren zu lassen, vor allem bei der Angst um ihre Stimme lag). Sie hat zu einem jüdischen Selbstverständnis gefunden, das ihre Karriere positiv durchzog.

Plakate, Filme, bunte Welt       Die bunte Welt Hollywoods bedient die Ausstellung, in der jeder Filmfreund schwelgen wird, nicht zuletzt mit riesigen bunten Plakaten und mit zahllosen Filmausschnitten, die minutenkurz immer wieder flimmern. Von Chaplins „Immigrant“ – über die Ankunft in New York und das Problem der Immigration – bis zu Woody Allens „Stadtneurotiker“, die genuine Figur des jüdischen Intellektuellen, sind da die Juden, aber nicht ausschließlich sie vertreten: Denn schließlich haben die Studios ja ihre größten Erfolge – wie „Vom Winde verweht“ beispielsweise – mit durchaus „arischen“ Hauptdarstellern erzielt, sind aber dennoch Produkte, die aus dem unerschütterlichen Willen der jüdischen Begabung zum Film entstanden ist („Vom Winde verweht“ war letztlich das Produkt von Produzent David O. Selznick).

24 Kapitel durch die Geschichte     Die Ausstellung schneidet in 24 Kapiteln die mannigfaltigsten Themen an, die sich zum Thema „Hollywood“ stellen (beispielsweise auch die Frage vom Bild der Farbigen im Film, was eine mühsame Geschichte langsam aufgebauter Akzeptanz wurde). Dem an sich prächtigen Katalog, in dem man vieles nachlesen und ansehen kann, hätte man noch ein kleines Lexikon der wichtigsten jüdischen Filmschaffenden Hollywoods als Anhang gewünscht.

 Bis 15. April 2012, täglich außer Samstag von 10 bis 18 Uhr

 

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