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WIEN / Josestadt: MINNA VON BARNHELM (Gastspiel)

26.06.2012 | Allgemein, Theater

 

WIEN / Theater in der Josestadt /
Gastspiel Schauspielhaus Graz: 
MINNA VON BARNHELM von Gotthold Ephraim Lessing
25. Juni 2012  

Er sei ein rechter Grobian, sagt Just, der Diener des Majors von Tellheim, dem gierigen Berliner Wirt ins Gesicht. Man hat es von vielen, vielen Vorstellungen der „Minna von Barnhelm“ im Ohr. Nicht so in der Produktion des Schauspielhauses Graz, wo es statt „Grobian“ nun „Arschloch“ heißt, immer und immer wieder lustvoll wiederholt… Und wer genau hinhört, der weiß über kurz oder lang – da gibt es auf der Bühne vieles, das kein Lessing geschrieben hat. Regisseur Elmar Goerden hat das Stück nicht nur flott gekürzt, sondern auch in unserer Sprache dazu gedichtet. Und findet ein Konglomerat von einst und jetzt, das anfangs gewöhnungsbedürftig ist. Lässt man sich aber darauf ein, dann ist das eine vergnügte, enorm freche und sehr heutige Produktion, die nun im Theater in der Josefstadt gastierte.

Freilich entfernt sich der Abend oft gar weit von Lessing – vor allem von seiner Qualität im Menschlichen und im Sprachlichen, wo sich bewusste Primitivität einschleicht. Andererseits gibt es durchaus amüsante Einsprengsel, etwa wenn Franziska die immer verwirrende Geschichte, wie Minna Tellheim mit den gegenseitig getauschten Ringen quält,  dem Publikum ausführlich zu erklären sucht…

Grundsätzlich hat Goerden – obwohl Lydia Kirchleitner die Darsteller in Kostüme kleidet, die einigermaßen dem 18. Jahrhundert entsprechen – das ganze Zeitkolorit des Werks eliminiert. Die „Nachkriegs-Geschichte“ nach dem Siebenjährigen Krieg, die bei Lessing die Triebkraft des Stücks ist, bleibt in dieser Inszenierung ausgeklammert. Darum gibt es auch keine Dame in Trauer (wo es um zerstörte Existenzen geht), keinen Riccault (wo die abgewrackten Glücksritter der Epoche gegeißelt werden), schließlich braucht man auch keinen Herrn von Bruchsall für das Happyend. Reduziert auf die sechs Hauptpersonen und eine ganz „private“ Handlung, läuft das Geschehen in flotten Eindreiviertelstunden ab.

Und das sehr flapsig und lapidar, vor einer weißen Wand mit  einer Handvoll schiefer Stühle davor (dafür braucht es aber gleich zwei Bühnenbildner, Ulf Stengl und Silvia Merlo). Dass Tellheim immer wieder von einem Stuhl fällt, ist freilich von recht vordergründiger Symbolik…

Die Inszenierung interessiert sich vor allem für das „Zusammenraufen“ von Minna und Tellheim – und versucht die Aktualität dieser Auseinandersetzung weniger vom Intellektuellen, als vom Gestus her zu definieren: Die Minna von Verena Lercher mit Bubikopf und Brille (die gilt ja nun immer als Signal für Intellektuelle oder, bei Frauen, für Emanzen) ist durch und durch eine blitzgescheite, mutwillige  Frau von heute im Reifrock von gestern, und auch Jan Thümer als selbstironischer Tellheim flapst in seiner Uniform herum wie ein junger Mann, der eher in der Disco als am Schlachtfeld daheim ist.

Dass dieses zentrale Paar von der Figur der Franziska ausgetrickst wird, erreicht man mit einem einfachen Trick: Sophie Hottinger sächselt und outriert, was es das Zeug hält, tut es aber mit voller, bewusster Könnerschaft. Wachtmeister Werner (Leon Ullrich) und Just (Stefan Suske) haben schon viel mehr Profil bekommen als hier. Dass Gerhard Balluch immer wieder sein weißes Haar löst und affektiert herumflattern lässt, würde zwar nicht zu einem Wirten von 1763 passen, aber ein Oldie von heute würde das schon tun…

Der Abend im Theater in der Josefstadt war gut besucht und wurde vom Publikum sehr freundlich akklamiert – abgesehen von jenen, die die Vorstellung verlassen hatten. Denn diese Lessing-Modernisierung war doch nicht jedermanns Sache. Aber als Beweis dafür, dass die Bundesländer keinesfalls „Provinz“ sind, sondern Interessantes zu bieten haben, war dieser Abend hoch tauglich.

Renate Wagner

 

 

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