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WIEN / Josefstadt: WIE IM HIMMEL

08.11.2013 | Theater

Wie_im_Himmel_Teaser

WIEN / Josefstadt: 
WIE IM HIMMEL von Kay Pollak
Premiere: 7. November 2013,
besucht wurde die Voraufführung

In diesem Bühnenbild könnte man den „Theatermacher“ spielen – eine schlichte Bühnenöffnung, wie man sie in Volkshochschulen oder Veranstaltungshäusern findet. Hier geistert die längste Zeit ein einsamer Mann herum, der sich dann auch bis zur Unterwäsche auszieht. Irgendwann fallen Schneeflocken, obwohl man doch in einem Innenraum ist? Seltsam, seltsam – und später wird man die Erkenntnis daraus ziehen, dass das Theater doch andere Gesetze hat als das Kino.

Denn „Wie im Himmel“, was im Theater in der Josefstadt so wie eine fast „weihnachtliche“ Premiere im November erscheint, ist die hauseigene Fassung (Bearbeitung: Ulrike Zemme) eines Drehbuchs des schwedischen Regisseurs Kay Pollak. Sein gleichnamiger Film von 2004 war für den Auslands-„Oscar“ nominiert, gewann aber nicht. Vielleicht muss man auch erwähnen, dass Pollak Autor eines Buches namens „Durch Begegnungen wachsen. Für mehr Achtsamkeit und Nähe im Umgang mit anderen“ ist, was sich ziemlich „ratgeberhaft“ anhört. Und darum geht es auch in diesem Werk: Mensch, öffne Dich – und am besten geht das durch die Macht der Musik.

Der Film kann vieles ausführlich zeigen, was auf der Bühne verknappt werden muss: Daniel Daréus, offenbar ein weltberühmter Dirigent, kommt in sein kleines schwedisches Heimatdorf, anfangs ohne sich erkennen zu geben (er kann sich hinter dem Künstlernamen verstecken). Später erst erfährt man von einem ungeheuren Burnout, der Angst vor Bühne und Öffentlichkeit und dem Wunsch nach Ruhe und Einsamkeit.

Aber dergleichen funktioniert in kleinen Dörfern nicht, wo jeder jeden vereinnahmt – und so soll es auch sein. Schließlich läuft die Moral von der Geschichte darauf hinaus, dass einerseits Daniel wieder beziehungsfähig wird – und dass er den Dörflern durch die Musik völlig neue Erlebniswelten öffnet. Glücklicherweise singen alle schon im Chor, als er kommt: Als Kantor (er nimmt die Stelle vom selbstgerechten Pastor an) geht er allerdings ganz ungewöhnliche Wege. Und seine Schäfchen gehen geradezu begeistert mit…

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Fotos: Barbara Zeininger

Das alles spielt sich auf der Drehbühne rund um den dort aufgebauten Bühnenrahmen ab (Ausstattung: Karin Fritz), hat ein bisschen Handlung und sehr viel Musik. Das bisschen Handlung geht in zwei Fällen mit den Männern schlecht um: Der Pastor und der gewalttätige Conny (wer oder was er ist, erfährt man eigentlich nicht) zeigen sich sehr eifersüchtig, als Daniel von allen Frauen (also auch ihren Ehefrauen) umschwärmt wird. Eine kleine Verkäuferin im Chor angelt sich schließlich den weltberühmten Dirigenten. Als man schließlich nach Wien (kleine Verbeugung vor dem Genius loci, im Film ist es Innsbruck) zu einem Chorwettbewerb fährt, erleidet Daniel einen Herzinfarkt – während sein Chor (in schwarzen Gewändern) herzergreifend singt. Vorhang.

Was soll man dazu sagen? Nicht einmal Janusz Kica, der als Regisseur für viele bemerkenswerte Josefstadt-Aufführungen steht, kann aus diesem kitschigen und schrecklich vordergründig „predigenden“ Stück Filmdramaturgie viel machen. Er hat eine Handvoll guter Schauspieler, die keine besonderen Rollen bekommen, und er positioniert sie. Viel mehr ist da nicht zu tun.

Die halbe Arbeit musste er ohnedies Andreas Salzbrunn überlassen, der als Chorleiter (die mannigfaltigen Musikbeispiele, die den Abend filmmusikartig durchziehen, hat Kyrre Kvam zusammen gestellt) immerhin etwas Erstaunliches schafft. Da singt eine Schar von Josefstädtern (immer wieder mischen sich diskret „Profis“ darunter, die dem so genannten „Chor im Hemd“ – kein Witz! – angehören) geradezu professionell und wunderschön. Man hat den Eindruck, dass dies zu erreichen vermutlich ein vielfaches der Theater-Probenzeit gekostet hat …

Dass ein Mann wie Christian Nickel (immerhin einst Peter Steins Faust) vazieren muss und offenbar auch Rollen annehmen, die eigentlich nicht viel bringen, ist bedauerlich. Natürlich hat er die Persönlichkeit, dass man ihm sowohl den großen Künstler wie auch den ausgebrannten Menschen glaubt, der selbst genest, indem er anderen etwas gibt. Aber das vom Klischee wegzubekommen, ist schwierig. Es gelingt ja auch nicht einmal einem Schauspieler wie Michael Dangl, aus dem Pastor eine richtige Figur zu machen. Sona MacDonald spielt dessen Frau, und ihre fabelhafte Stimme ist eine hörbare Stütze des Chors. Maria Köstlinger muss sich von Oliver Huether dermaßen ausgiebig ohrfeigen und herumschleudern lassen, dass man einwenden will: Na, hoppala, wir sind doch im Theater, macht halblang! Alma Hasun ist das neue junge Gesicht der Josefstadt und bringt Frische mit. Persönlichkeiten wie Peter Scholz und Christian Futterknecht zeigen, was man im Theater unter einem „Ensemblehund“ versteht: persönlichkeitsstark auf der Bühne stehen, auch wenn es nichts zu spielen gibt. Mit der beleidigten alten Jungfer hat Therese Lohner eine Rolle, und die vom Schicksal Benachteiligten sind bei Matthias Franz Stein und Thomas Mraz aufgehoben.

Das ist leider Kintopp in Reinkultur, aber das verfehlt bekanntlich seine Wirkung nicht: Nach dem wunderschön gesungenen Schlusschor herrschte allgemeine Begeisterung im Zuschauerraum. Beim Hinausgehen sagt eine Dame zu einer anderen: „Ich erinnere mich nicht, wann ich im Theater zuletzt so ergriffen war.“ Ja, ja. Die Macht der Musik.

Renate Wagner

 

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