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WIEN / Josefstadt: QUARTETT

06.02.2014 | Theater

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Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Josefstadt:
QUARTETT von Heiner Müller
Premiere: 6. Februar 2014 

Die Josefstadt hat wieder einmal sehr hoch besetzt. Mit Helmuth Lohner, einst Direktor am Haus, immer Publikumsliebling, schon seit einiger Zeit nicht mehr auf den Brettern zu sehen. Und mit dem unzertrennlichen Paar Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels, sie die Wienerin, die höchst selten in ihrer Heimatstadt gespielt hat, er der Regisseur, der auch in höheren Jahren immer noch für Skandale gut ist, man denke an den Bayreuther „Ratten-Lohengrin“ von 2010.

In der Josefstadt gab es natürlich keinen Skandal, nur den zu erwartenden Beifall, nachdem in knapp eindreiviertel Stunden das „Quartett“ von Heiner Müller am Publikum vobeigezogen war. In den großen Jahren des Heiner Müller, der sich immer so prächtig und endlos interpretieren ließ (Feuilletonseiten ohne Ende wurden damit gefüllt), war er auf den Bühnen als der Moderne vom Dienst sehr gefragt. Während aber seine anderen Klassiker-Materialien-Stücke es dem Publikum schwer machten, haben Theaterdirektoren das „Quartett“ immer besonders geliebt, schon aus praktischen Gründen – zwei Darsteller, ein Bühnenbild, kein weiterer Aufwand. Was will man mehr.

Außerdem, eine kostbare Draufgabe: Das Thema ist die Erotik, und das über weite Stellen mit durchaus verbaler Deutlichkeit. Ein Schlagabtausch für zwei große Schauspieler. Zerebral zwar, aber durch Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu überwinden.

Und noch ein Atout: der Autor –  ein berühmter „Moderner“, der gerade in diesem Fall sein Publikum nicht ratlos hinterlässt. Denn der Kampf, den die Intrigantin Marquise de Merteuil und der Lebemann Vicomte de Valmont einander liefern, ist erstens aus den oft verfilmten, auch von Christopher Hamtpon dramatisierten (und solcherart an der Josefstadt gespielten) „Gefährlichen Liebschaften“ des Choderlos de Laclos bekannt. Und dass ein ehemaliges Liebespaar sich nach allen Regeln der Kunst am liebsten verbal totbeißen möchte – das ist ja irgendwie einzusehen.

In der Josefstadt allerdings ermangelt es dem Unternehmen entschieden an Lebendigkeit. Hans Neuenfels hat, mit Absicht wie er im Programmheft sagt, nicht „jung“ besetzt. Das gäbe ihm die Möglichkeit, zwei ebenso erfahrene wie eigentlich ausgelaugte Menschen zu zeigen, denen nur noch die „Einkesselung durch die Sprache“ übrig bleibt. Aber ganz so unglaubhaft darf das vitale erotische Element doch nicht sein, und Neuenfels stimmt –  in einem kunstgewerblich wirkenden und nichtssagenden Bühnenbild von Reinhard von der Thannen –  seine Darsteller außerdem  von Anfang bis zum Ende auf einen Ton der Künstlichkeit ein, der wenige Variationen kennt.

Und da müsste, vor allem, wenn die Rollenspiele einsetzen (Merteuil und Valmont „spielen“ auch noch zwei weitere Frauen, um ihre Kämpfe auszuweiten, woraus sich das titelgebende „Quartett“ erklärt), viel mehr schillernde Differenziertheit herrschen. Vitalität wird durch eine Art gespenstisches Flair ersetzt – und wenn man auch weiß, dass Neuenfels durchaus die „Klamotte“ bedienen möchte, die Heiner Müller hier nach eigener Aussage „auch“ geschrieben hat, so wird man doch das Gefühl einer schrecklichen, weil unfreiwilligen Komik nicht los. Parodieren die beiden da oben sich selbst? Oder wissen sie gar nicht, wie grenzenlos „seltsam“ (um es freundlich auszudrücken) sie wirken?

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Elisabeth Trissenaar hat das langsam dahinschmelzende Gesicht eines ehemaligen süßen Wiener Mädels, aber wie lange kann das halten, wenn Wikipedia verrät, dass man im April schließlich 70 wird? Vor allem ist sie mehr flirrend und hysterisch als kalkulierend und intrigant.

Helmuth Lohner, der im Vorjahr seinen 80er hinter sich brachte, steht klapperdürr, kerzengerade steif und mit jener Weißhaar-Langfrisur auf der Bühne, die zuletzt Groissböck als Wassermann und Domingo als Foscari zeigten und die an die Elben im „Hobbit“-Film erinnern. Er hat die Sprache des Intriganten, aber nicht mehr die Geschmeidigkeit, und vieles, was hier an erotischem Flair verlangt wird, ist einfach nicht mehr da.

War es Konzept, dass beiden Darstellern ganz offensichtlich die Lust an ihrem Spiel abging? Eigentlich liefern sie nur einen Totentanz, aus dem vor allem Müdigkeit schimmert. Am Ende spucken die beiden sehr effektvoll Blut – aber das reißt auch niemanden mehr vom Sessel. Möglicherweise kommen sie mit diesem Nihilismus Heiner Müller  sehr nahe. Einen sonderlich lebendigen Theaterabend liefern sie nicht. Das Publikum klatschte höflich, die „Seitenblicke“ wieselten herum, zweifellos wird von einem großen Erfolg berichtet. Aber es waren nur große Namen, die da auf der Bühne standen (bzw. im Fall des Regisseurs nicht sehr trittfest ihren Applaus abholten).

Renate Wagner

 

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