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WIEN / Josefstadt: KASIMIR UND KAROLINE

13.09.2012 | Allgemein, Theater

 

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
KASIMIR UND KAROLINE von Ödön von Horváth
Premiere: 13. September 2012

Manchmal wird man das Gefühl nicht los, Horváth werde hierzulande zu Tode gespielt. Als könnten die Regisseure, hilflos mit formalen Spielchen herumrudernd, nichts mehr Neues in ihm finden – und solcherart das Publikum auch nicht, das mit seinen Figuren oft, zu oft schon Bekanntschaft geschlossen hat.

Wenn man nicht auch 2010 nach St. Pölten gefahren ist, um Roland Düringer (übrigens ausgezeichnet) als Kasimir zu erleben, hat man „Kasimir und Karoline“ als Wiener Theaterbesucher zuletzt 2005 im Volkstheater gesehen – in einem grünen Wiesen/Sofa-Bühnenbild, das das Geschehen ins Nirgendwo versetzte. Regisseur Georg Schmiedleitner, dem man im Vorjahr mit dem „Lumpazi“ eine so starke Josefstadt-Eröffnungspremiere verdankte, durfte auch heuer wieder den Auftakt der Saison inszenieren. Ganz so schrankenlos überzeugend ist es nicht ausgefallen, und auch er hat sich für das Nirgendwo entschieden.

Man ist auch bei Horváth den üblichen Weg des „Regietheaters“ gegangen (wenn wir darunter  etwas verstehen wollen, wo die „Ideen“ der Regisseure nicht mehr in unbedingtem Zusammenhang mit dem zu gestaltenden Stück stehen  und auf jeden Fall Vorrang vor den Dichtern genießen): Es begann einst mit jenen realistischen Interpretationen, die die schrille Welt des Oktoberfests atmosphärisch überzeugend bedienten, um davor die tragischen kleinen Schicksale der Allerweltsmenschen umso deutlicher abzuheben, Poesie inbegriffen. Ein Meilenstein auf dem Weg der Umdeutung ist ja immer Marthaler, und nun beließ Georg Schmiedleitner nur jede Menge Bierhumpen am Bühnenboden als letztes Zitat einer realen Situation. Im übrigen hat er Horváth geradezu in eine apokalyptische Welt versetzt, in die „normale“ Figuren mit normalen Problemen kaum hineinzupassen scheinen…

 Foto: Barbara Zeininger

Entscheidenden Anteil daran hat das Bühnenbild von Harald Thor: Vom Bühnenboden hängt ein riesiger Würfel herab, die Vorderwand offen, innen ein gelber Kubus, mit zahlreichen Lämpchen erleuchtet. Er beherrscht die meiste Zeit die Szene (auch als Spielraum, in den man klettern kann) , wenn er nicht hochgezogen wird und der leere Raum vor Plastikplanen in giftigem Grün leuchtet. Eine seltsame Welt, die eigentlich keine ist.

Und ebenso wenig greifbar werden die Figuren, die hier im Eilzugstempo von eineinhalb pausenlosen Stunden vorbeimarschieren. Sie erzählen zwar von ihrer traurigen Situation, aber man begreift sie nicht als real. Sicher, man muss Horváth nicht jenes gerüttelte Maß von Sentimentalität geben, mit dem man die „armen Leute“ früher ausgestellt hat, aber es ist doch einfacher für das Publikum, wenn sie als Menschen erfühlbar sind, statt wie Marionetten zu agieren.

Katharina Strasser (von Alfred Mayerhofer in ein herausforderndes rotes Kleid gesteckt) ist wie immer sehr blond, sehr großflächig, sehr präsent, aber so sonderlich interessiert ihr Wunsch nach „Leben“ (das ist es doch wohl, was sie treibt?) nicht. Noch weniger die Unsicherheit von Harald Windisch als Kasimir (der Tiroler ist neu auf unseren Bühnen), hinter dessen Gefühle man nicht so recht kommt. Aber es mag da vieles an der grob gekürzten Version kranken.

Thomas Mraz, der sich schon in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Haus als Horváth-fit erwiesen hat, spielt den Merkl Franz als Kleinkriminellen der nur scheinbar gemütlich-rundlichen, tatsächlich aber widerlichen Art. Gerti Drassl hat mit der Erna einfach eine fraglos gute Rolle und nützt sie. Die wahrlich miesen Bürger, von klein bis groß, sind mit Peter Scholz, Heribert Sasse und Herbert Föttinger besetzt. Exakte Profile bringt so gut wie keiner.

Ein soziales Drama ist es nicht, ein psychologisches auch nicht, für die optisch angekündigte Apokalypse war es zu wenig nachdrücklich. Was sollte hier also zu Horváth eigentlich gesagt werden?

Renate Wagner

 

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