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WIEN / Josefstadt: JOSEPH UND SEINE BRÜDER

09.12.2013 | Allgemein, Theater

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Foto: Josefstadt

WIEN / Josefstadt:
JOSEPH UND SEINE BRÜDER – DIE BERÜHRTE
Nach Thomas Mann, dramatisiert von Herbert Schäfer
Uraufführung
Premiere: 5. Dezember 2013
Besucht wurde die Vorstellung am 8. Dezember 2013 nachmittags

Thomas Mann – das ist für die meisten ja wohl doch die „Buddenbrooks“. Vielleicht hat man noch den „Zauberberg“ gelesen, seltener wohl „Doktor Faustus“ und die so amüsanten Bücher „Königliche Hoheit“ oder „Lotte in Weimar“. „Tod in Venedig“ kennen viele aus dem Kino, die andere legendäre Novelle, „Wälsungenblut“, ist für Wagner-Freunde Pflicht. Aber „Joseph und seine Brüder“, der Hanseat auf Bibelspuren? Da wird der Bekanntheitsgrad nicht so groß sein. Kein Wunder, dass Erni Mangold auf der Bühne „Joseph, ach Joseph, was bist Du so keusch“ singt: Darunter kann man sich etwas vorstellen. Und vielleicht noch unter der „Josephslegende“ von  Richard Strauss, vor Jahrzehnten unter John Neumeier an der Wiener Staatsoper so eindrucksvoll vertanzt…

Tatsächlich hat Thomas Mann 1926 in München eine „Joseph“-Geschichte begonnen, die sich bis zu ihrer Vollendung 1943  im kalifornischen Exil zu einer Tetralogie ausgewachsen hatte, die wohl nur die leidenschaftlichsten Mann-Aficionados kennen und gelesen haben. In der Josefstadt wird wieder einmal – heutzutage so modern, aber deshalb nicht sinnvoller – ein Roman verarbeitet. Vom „Joseph“ jener Teil „Die Berührbare“, der sich damit auseinandersetzt, dass die leidenschaftliche Frau des Potiphar in Ägypten ihn begehrte und der junge Hebräer sich erfolgreich ihrem unsittlichen Ansinnen widersetzte. Herbert Schäfer hat das dramatisiert, fungiert auch als Dramaturg und hat, als Drüberstreuer, zusätzlich noch jenes Bühnenbild entworfen, das an diesem Abend, der Günter Krämer wieder einmal an die Josefstadt zurückbringt, so wichtig wird: Viel Gold herrscht vor.

Es ist kein „normaler“ Theaterabend, den das Josefstädter Publikum da geboten bekommt, sondern ein Theaterkunststück der besonderen Art. Vier Personen deklamieren collagierte Texte aus dem Roman, das Geschehen selbst mehr kommentierend als spielend. Thema ist viel weniger Joseph, der von seinen Brüdern ausgesetzt wurde und als Sklave nach Ägypten kam, ins Haus des (kastrierten, also impotenten) hohen Beamten Potiphar, der selbst ein Auge auf den hübschen Jüngling wirft. Was keinen Vergleich dazu duldet, wie sehr der Frau des Potiphar nach ihm gelüstet: Was Thomas Mann erzählt, ist – nicht ohne mitleiderregenden Aspekte – die blinde Leidenschaft, die eine unbefriedigte alternde Frau für einen jungen Mann fasst, wobei es ein tragischer Höhepunkt des Geschehens ist, wenn Potiphar ihm die qualvollen Todesarten schildert, die für diesen Joseph vorgesehen sind, wenn er Wünsche nicht erfüllt…

Nicht mehr, nicht weniger in zweieinviertel Stunden vor einer goldenen Rückwand, die sich gelegentlich auch senken und zu gefährlich schiefem Bühnenboden werden kann. Vorne Wasser und Schilf, man ist schließlich am Nil, es wird viel geplantscht. Ein wirklich hübscher Junge in der kleinen Rolle des Joseph: Florian Teichtmeister. Ein ausgemergelt schlaksiger, brillanter und humorvoller Herr Potiphar: Tonio Arango (in Wien unbekannt, zweifellos vom Regisseur mitgebracht). In mehreren Nebenrollen, eher männlich gepolt: Erni Mangold mit ihrer bekannt zynisch-süffisanten Attitüde.

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Und schließlich jene Schauspielerin, für die man das Ganze wohl spielt: Sandra Cervik ist die Mut-em-Enet, nur bekannt als die Frau des Potiphar, und sie kann an diesem Abend in drückender Dominanz alles geben – von locker-ironischer Berichterstattung über Aktionen und Seelenzuständen bis zur echten Verzweiflung jener, die sich nicht zu helfen weiß, obwohl sie weiß, wie peinvoll und peinlich es ist, sich nach einem jungen Hausklaven zu verzehren… Die Cervik, in Schwarz und in Gold (Kostüme: Alberte Barsacq), macht das souverän. amüsant und wunderbar nuancenreich.

Natürlich, sehr viel „Theater“ ergibt das nicht, zumal Günter Krämer ja doch ein zerebraler Regisseur ist. Nach der Pause fehlte ein Teil des Publikums, die anderen waren „neugierig, wie’s ausgeht“: Bibellektüre ist heutzutage offenbar nicht mehr obligatorisch.

Die Josefstadt hat einen „besonderen“ Abend. Süffiges Theater ist das wahrlich nicht. Aber, wie gesagt, als bewusst zelebriertes Kunststück wohl gelungen.

Renate Wagner

 

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