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WIEN / Josefstadt: JOHN GABRIEL BORKMAN

02.03.2012 | Theater

 

WIEN / Theater in der Josefstadt:
JOHN GABRIEL BORKMAN von Henrik Ibsen
Premiere: 1.März 2012 
Besucht wurde die Generalprobe

Zweifellos ohne Absprache (was sprechen die Wiener Theater wohl ab? Das wäre eine interessante Frage) gibt es derzeit eine Art Ibsen-Schwerpunkt in Wien: Das Volkstheater machte in denBezirken mit „Nora“ den Anfang, die Josefstadt zeigt nun „John Gabriel Borkman“, das Burgtheaterfolgt nächste Woche mit den „Gespenstern“ im Akademietheater. Damit hat man drei der berühmtesten und wichtigsten Stücke von Ibsen auf einem Fleck. Und jenes der Josefstadt ist auch noch zweifellos das aktuellste. Was dem Haus wenig nützt, weil der Regisseur sein Interesse auf ganz etwas anderes gelegt hat.

Die Geschichte von John Gabriel Borkman, von Ibsen 1896 geschrieben und damals schon auf einem echten Fall von Betrug basierend, ist einem Bernie Madoff unserer Tage nicht unähnlich – ein Mann, der wie aus innerem Drang Geschäfte und Geschäfte macht und sich auch nicht scheut, Menschen, die er kennt, um ihren letzten Groschen zu bringen. Ibsen interessierte die Psychologie des Mannes, der aus dem Gefängnis kommt: Wie lebt er nachher? Eingeschlossen in eigene Räume, aber auch in seine eigene Geschichte zwischen zwei Frauen, ist dieser Borkman eine hinreißende Figur.

Und sagen wir gleich, was das Beste an diesem Josefstädter Abend ist: Die Verkörperung der Titelfigur durch Helmuth Lohner. Der elegante Herr macht nämlich ohne weiteres ein Monster begreiflich, was gleichzeitig zur Meisterstudie eines Überzeugungstäters wird, der von keinem Quentchen Einsicht gequält wird. Er hat Menschen geopfert, um seine Machtspiele treiben zu können, er ist als Inbegriff einer kapitalistischen Gesellschaft stur seinem Traum von Macht und Geld gefolgt, und er stirbt mit der großen Pose eines Lear auf sturmumtoster Heide, ohne etwas begriffen zu haben. Dass aus Lohners fragiler Entscheidung so viel negative Kraft erwachsen kann, das ist das Erlebnis des Abends.

Dass es keine weiteren gab, muss man auf das Konto von Regisseur Elmar Goerden schreiben, der über Stuttgart und München nach Bochum kam, wo er allerdings als Intendant nicht auf Langzeit amtierte. Seither „frei“, nahm er nun über Basel und Graz den Weg nach Wien, was der Josefstadt nicht unbedingt gut bekommen ist. Goerden hat – wie auch Babett Arens bei der „Nora“ – in der zwanghaften Suche nach einer anderen Zeitepoche als jener Ibsens auch die gräulich Fünfziger Jahre gewählt, die alles so schäbig machen (die Damen sind in den Kostümen von Lydia Kirchleitner zu bedauern), und am Ende mussten die Bühnenbildgestalter Ulf Stengl und Silvia Merlo (seit wann braucht man eigentlich zwei Leute für den Job?) vor leeren Bühnenwänden den Boden mit Papieren und Büromaterial zumüllen, um dem Borkman-Tod eine zusätzliche seltsame Symbolik zu verleihen… Abgesehen davon, dass der Regisseur die Bühnenarbeiter jeweils schon auftreten und umräumen ließ, bevor der Vorhang fiel. Eine Superidee, man möchte nur wissen, in Hinblick worauf…?

Elmar Goerden hat so inszeniert wie jene Regisseure, denen es weniger um das Stück geht als darum, auf sich selbst aufmerksam zu machen. Der aus dem Gefängnis entlassene und seit Jahren einsam unter dem Dach hausende John Gabriel Borkman steht zwischen zwei Frauen, seiner Gattin, die ihn hasst und verachtet, und deren Schwester Ella, die Borkman einst geliebt und um seiner Karriere willen verlassen hat, die aber noch immer mit allen Fasern ihres leeren Lebens an ihm hängt. Und an seinem Sohn, der zum Spielball der einander leidenschaftlich verabscheuenden Schwestern wird… Zwei Damen am Rande des Nervenzusammenbruchs, kein Zweifel, versteckte Hysterikerinnen. Goerden stellt sie nun mit aller Billigkeit als solche aus: Sie müssen sich regelrecht körperlich verrenken, kleine Ticks ausspielen, sich auf nebensächliche Details konzentrieren (wie wickle ich mich so in eine Telefonschnur, dass ich nicht mehr rauskomme – das ist um einiges schwieriger, als es nicht zu tun!), kurz, sich so zu verhalten, dass man immer die Anweisung des Regisseurs hört und den Darstellerinnen kaum Zeit bleibt, sich der gegebenen Situation und darin der Entwicklung ihrer Figuren zu widmen.

Und was für Darstellerinnen! Wer bringt heute schon ein Trio wie Lohner / Heesters / Jonasson auf die Bühne? Das erinnert ja an goldene Zeiten, als diese Figuren im Burgtheatervon Balser / Seidler / Wessely, in der Josefstadt von Frey / Degischer / Almassy gespielt wurden! Nicole Heesters! Vor einem halben Jahrhundert, 1962, war sie in Schnitzlers „Einsamem Weg“ die unvergessliche Johanna. Heute ist sie eine Schauspielerin, die an den großen deutschen Theatern reüssiert hat, ebenso wie Andrea Jonasson, die ihre Karriere (als Strehler-Gattin) in zwei Sprachen und zwei Kulturräumen gemacht hat. Sicherlich zwei der großartigsten Persönlichkeiten, die es derzeit gibt – wenn diese Damen nicht vermögen, die Ideen des Elmar Goerden wie „selbstverständlich“ zu realisieren, dann stimmt etwas an den Ideen nicht. Aber das nachdrücklichste Opfer ist Maria Köstlinger in der Rolle jener Frau Wilton, die alle Beteiligten unglücklich macht, indem sie den umkämpften Sohn (glaubhaft heutig, knieweich und rücksichtlos zugleich: Martin Bretschneider) abschleppt: Was die Köstlinger an Künstlichkeit und falschen Tönen abliefern muss, geht auf keine Kuhhaut. Raphaela Möst ließ sich in der kleinen Rolle der Frida nicht dermaßen unmöglich verbiegen, aber vielleicht war sie dem Regisseur zu unwichtig.

Noch einmal zurück zu den Frauen, die mit Borkman das Dreieck aus Liebe, Hass, Lebenslüge  und undurchdringlichem, nicht aufzuarbeitendem Vergangenheitsschutt bilden: Nicole Heesters trägt so viel Groll in sich, wie die Rolle erfordert, könnte ihn aber differenzierter herauslassen. Und die wunderbare Andrea Jonasson ist im Rahmen der allgemeinen Unechtheit (sollte das Stilisierung sein?) letztendlich zum Pathos angehalten. Kaum glaublich, dass noch eine so stille, überzeugende, gar nicht überdrehte Figur über die Bühne geht wie der Foldal des Heribert Sasse. Der ist ja auch Regisseur – vielleicht gab er sich seine eigenen Regieanweisungen…

Der „John Gabriel Borkman“ könnte, müsste ein Stück von heute sein, über Gier, Rücksichtslosigkeit, gänzlich verfehlte Lebenskonzeptionen. Hier wurden nur verfehlte Regiespielchen daraus, aus denen sich die drei männlichen Darsteller wie durch ein Wunder befreien konnten, während die Damen zu Opfern wurden.

Renate Wagner  

 

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