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WIEN / Josefstadt: GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD

02.02.2012 | Theater

WIEN / Theater in der Josefstadt:
GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD von Ödön von Horváth
Premiere: 2. Februar 2012,
besucht wurde die Generalprobe

Als die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Nachkriegs-Wien erstmals gespielt wurden, provozierte das einen Skandal: Die Menschen, die Ödön von Horváth da auf die Bühne stellte, waren einfach zu „widerlich“, als dass man sie unter dem doch eher gemütlichen Motto eines „Volksstücks“ wieder erkennen wollte. Horváth selbst realisierte den „Widerwillen“, den sein Stück beim Publikum hervorrief. Mittlerweile haben wir erkannt, dass man den Dichter richtiger versteht, je härter man ihn nimmt und je gnadenloser man auf den zu erzeugenden Widerwillen besteht.

Nun gibt es in Wien die „Geschichten“ oft, fast zu oft – 1994 (na, das sind auch schon 18 Jahre her) in der Josefstadt, seither zweimal (1998 und 2008) am Volkstheater, dazwischen 2000 das Festwochen-Gastspiel der Kusej-Inszenierung aus Hamburg, zuletzt im April 2010 im Akademietheater, damals mit dem „Traumpaar“ Minichmayr / Ofczarek, das allerdings in der Regie von Stefan Bachmann nicht vollen Applaus erhielt. Kurz, alles was man damit sagen will: Es gibt reichlich Vergleichsmöglichkeiten.

Und angesichts dieser ist die Josefstädter Aufführung eine der besten, die man je gesehen hat, und das geht zweifellos voll auf das Konto von Direktor und hier auch Regisseur Herbert Föttinger (der in der letzten Josefstädter Aufführung noch den Alfred spielte – nicht ganz Jungspund, aber damals „nur“ viel beschäftigter Schauspieler des Hauses). Er schlägt von der ersten bis zur letzten Minute den richtigen Ton für dieses Stück an, und es gibt wirklich nur Details (muss der deutsche Student  in aller Ausführlichkeit vom Bühnenrand frontal ins Publikum speiben?), die verzichtbar wären. In sich stimmt einfach alles. Denn hier waltet kein eitles Regisseur-Ego („Seht her, was mir alles eingefallen ist!“), hier inszeniert ein Mann mit Theaterverstand Horváth.

Dabei verzichtet er auf einiges. Gewiss, was Horváth „Volksstück“ nannte und was diese Kunstform quasi beendet hat (denn darüber hinaus kann es nichts geben, weder als Rückschritt noch nach vorne), spielt an realen Schauplätzen – im 8. Bezirk bei den Kleinbürgern, in den Donauauen, in der Wachau, aber wir haben gelernt, vom allzu Fassbaren abzusehen und darunter zu blicken. Eines der besten Bühnenbilder, die Rolf Langenfass da geschaffen hat, hilft sehr: Baumstämme, aber schlanke, blattlose, willkürlich verteilt auf einer Drehbühne. Und man ist überall – in der Stadt, im Wald, am Land. Höchstens dass man einmal einen Sessel braucht, eine Bank, einen Rollstuhl für die Großmutter. Nein, mit „Atmosphäre“ hält sich Regisseur Herbert Föttinger nicht auf, sie würde auch nur das Geschehen verwässern, und das lässt er nicht zu.

Er begreift die Geschichte aus den Figuren, und diese werden von uneitlen Schauspielern dargestellt, die angehalten sind, nicht ein bisschen zu viel zu tun, denn das, was Horvath ihnen vorgegeben hat, reicht völlig aus, um das Panoptikum menschlichen Elends aus der verkrüppelten Sprache, die der Dichter ihnen in den Mund gelegt hat, herauszuschälen.

Da ergeben sich unglaubliche Leistungen, vor allem Sandra Cervik als Valerie – der stete Kampf dagegen, eine abgewrackte Alte zu sein, die sich mit ihren jungen Liebhabern selbst verachtet und dennoch immer wieder die Bestätigung aus Frau sucht, obwohl sie genau weiß, wie sehr sie dafür bezahlt (im doppelten Sinn). Das ist eine Großleistung, man merke sie für den nächsten „Nestroy“ vor, was Besseres wird nicht so schnell kommen.

Zentrum jeder „Geschichten“ sollte die Figur der Marianne sein – die einzige, die der Autor nicht a priori ganz negativ gezeichnet hat: ein bisschen Glauben ist noch in ihr, an Liebe, an Glück, darum ist ihr Scheitern umso tragischer. Traditionell schwer zu besetzen, weil junge Mädchen mit großer Ausstrahlung (die vermutlich gerade aus dem Schauspielseminar kommen) in Zeiten wie diesen nicht so leicht zu finden sind – auch heute gar nicht mehr so gefragt. Alma Hasun ist hübsch im Sinn einer Natalie Portman, sie hat einen ganz leisen S-Fehler, sie macht ihre Sache gut, würde einen aber nicht als das Talent (und auch nicht als die genuine Natürlichkeit) anspringen, die man hier erhoffen könnte. Sie muss nicht in der Nachtclubszene nackt sein, sie spielt die ganze Szene im Wald, in der sie ihre Hoffnung und sich selbst auf Alfred wirft, splitterfasernackt (plus Dusche), hoffentlich verkühlt sie sich nicht. So nötig, wie man glauben sollte, ist dergleichen nicht.

Den Strizzi Alfred haben noch so gut wie alle Interpreten getroffen, und das ist bei Florian Teichtmeister nicht anders, der diesen Typen mit einer bestrickenden Fülle von auch widersprüchlichen Tönen ausstattet. Was sollte auch aus ihm geworden sein, wenn man sieht, woher er kommt? Auch die „böse“ Großmutter war immer ein Meisterstück, selbst Humorbomben wie eine Adrienne Gessner ließen einem dabei das Blut gefrieren, und Erni Mangold (schon 2008 im Volkstheater in dieser Rolle zu sehen) bringt menschliche Niedrigkeit und Gemeinheit wie kaum eine andere auf die Bühne (auch wenn der Regisseur sie nicht Zither spielen lässt, was stets ein großer Effekt ist). Böser und schärfer als sonst zeichnet Gabriele Schuchter Alfreds Mutter, während der Hierlinger Ferdinand oft als „böser Dämon“ Alfreds hingestellt wird, aber von Alexander Strobele hier vor allem die äußere Verbindlichkeit dieser Vorstadt-Könige erhält.

Im 8. Bezirk leben neben der Frau Valerie noch mit dem Zauberkönig und dem Fleischhauer Oskar weitere unabdingbare Hauptfiguren des Werks. Erwin Steinhauer, einst Oskar, nun Zauberkönig, lässt sich auf keinerlei wienerische Raunzerei (wie einst Hans Moser) ein, er ist einfach ungemütlich zu seiner Tochter, schleimerisch zur Umwelt, sexuell gierig, wenn sich die Gelegenheit ergibt – eine perfekte, glaubhafte Gestalt, die allerdings nicht schaudern macht. Nachdem es Johannes Krisch in der letzten Burgtheateraufführung fast geschafft hat, den Fleischhauer Oskar sympathisch zu machen, will auch Thomas Mraz diese Figur nicht preisgeben: Er mag uns als Monster erscheinen, er selbst empfindet sich als guten Menschen und handelt auch so. Freilich, der Regisseur greift da schon ein – wenn dieser Oskar, der wie ein Stalker immer hinter Marianne her war, am Ende schließlich siegt, dann packt er sie, die wie eine willenlose Kleiderpuppe in seinen Armen hängt, und dreht sich selig mit ihr im Kreis. Ein Ende, bei dem es dem Zuschauer das Herz umdrehen muss – es ist wahrlich so grauenhaft, wie es sein soll. Der Untergang jeglicher Hoffnung ist besiegelt.

Die Nebenfiguren des Abends fallen so stark aus, wie sie sollen, im besten Fall müssen: der zynische Fleischergeselle Havlitschek von Matthias Franz Stein, die zickige feine Dame der Therese Lohner, der rückgratlose Rittmeister des Toni Slama, der eher zurückhaltende „Mister“ des Alexander Waechter, der deutsche Student des Rasmus Borkowski, der sicherlich hätte mehr geben können, aber vom Regisseur angehalten war, keine billigen Preußen-Lacher im Publikum zu evozieren. Lachen würde Erleichterung bedeuten, und die ist nicht angesagt. Herbert Föttinger lässt alle Pointen des Stücks genau so beiseite wie alles Atmosphärische, und er tut im Rahmen seines kompromisslosen Konzepts gut daran. Er selbst tritt, das ist wohl eine persönliche Pointe, geschminkt als befände er sich in „Cabaret“, in einer Kurzszene als Conferencier im Nachtclub auf.

Wie eine eiserne, böse Klammer waltet ein Herrenchor über diesem Abend, und da hat man sich wirklich die Senioren von überall hergeholt. Sie singen – die Geschichten aus dem Wiener Wald, Wiener Lieder, Musik, die Andreas Salzbrunn geschickt und düster zusammengestellt hat. Keine „schöne Musi“, fürwahr – die Herren sind auch nicht angehalten, schön zu singen, im Gegenteil. Im Grunde wirken sie, als seien sie – in welcher Funktion auch immer – auf einen Friedhof bestellt. So ist es gemeint. Aber weg-begraben kann man Horváths Menschen wohl nicht. Sie sind, es steht zu befürchten, ewig…

Renate Wagner

 

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