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WIEN / Josefstadt: EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT

02.05.2012 | Theater

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT von Eugene O’Neill
Premiere:  19. April 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 2. Mai 2012  

Neuerdings viel gespielt, verfehlt Eugene O’Neills Familienhölle selten ihre Wirkung: Man weiß, dass er sich mit „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ persönliche Tragödien von der Seele geschrieben hat – die Geschichte der morphiumsüchtigen Mutter, des eitlen, geizigen Vaters, des lebensuntüchtigen, alkoholkranken Bruders. Und seine eigene in Gestalt des tuberkulosekranken jüngeren Sohnes. Man reibt sich aneinander wund, tritt dabei auf der Stelle, eine „Lösung“ kann es nicht geben – Vorwürfe, Leiden an einander, Aussichtsslosigkeit: Das ist eine never ending story. Da muss schon einiges geleistet werden, um daraus auch noch einen Theaterabend zu machen, der sich für das Publikum – über den Depressionseffekt hinaus! – lohnt.

Die Josefstadt musste kräftig umbesetzen, sowohl Michael Degen wie Gertraud Jesserer, für die Hauptrollen der Eltern angekündigt, stiegen aus. Mit Helmuth Lohner (der solcherart kurz nach Ibsens Borkman zu seiner zweiten Riesenrolle kam – welch eine Leistung, allein von Gedächtnis und Spannkraft her!) und Ulli Maier fand man allerdings vollgültige Alternativen, die das Geschehen beherrschen. Der hauseigene Michael Dangl als der schwerkranke jüngere Sohn bekommt gastweise Markus Gertken als Bruder zu Seite, den man seit vielen, vielen Jahren hier nicht mehr gesehen hat.

Regisseur Torsten Fischer kürzte so brutal, dass eindreiviertel pausenlose Stunden übrig blieben und für ein Hausmädchen kein Platz war. Die Geschichte spielt ja auch nicht mehr im einsamen Sommerhaus am Meer, dort, wo der Nebel wabert: Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos als Ausstatter zeigen neben ein paar Möbeln einen verwaschenen Hintergrund: Wohnklötze, Balkone mit Klimaanlagen, trostlos, zwischendurch leuchtet auch grün und bedrohlich das Signet einer Apotheke, und in diesem Fall muss man Mary Tyrone zusehen, wie sie sich ihren Morphium-Schuss setzt…

  

Michael Dangl, Helmuth Lohner  /  Ulli Maier   (Fotos: Barbara Zeininger)

Der Grundtenor von Fischers Inszenierung ist Hoffnungslosigkeit. Bei anderer Gelegenheit hat man viel von der Liebe verspürt, die diese Menschen aneinander schmiedet und ihre Schicksale umso tragischer macht. Hier hetzen sie einander bloß in die ultimative Verzweiflung. Dabei ist Ulli Maier das Zentrum, um das sich das Geschehen dreht, die drei Männer agieren und reagieren vor allem im Bezug auf sie. Ungeschminkt, schroff, herb ist diese Mary Tyrone immer in Verteidigungsstellung, auch immer auf dem Sprung, sich den nächsten „Schuss“ zu besorgen: Ein Mensch in der Endphase. Ulli Maier spielt das beklemmend.

Helmuth Lohner als ihr Mann bleibt im Hintergrund, die Rolle gäbe noch viel mehr her (etwa den großen Schauspieler, der er doch einmal war – dieses Persönlichkeitsglitzern ist gänzlich ausgespart), aber sie ist auf starre Resignation konzentriert, nur sein Geiz spielt als starke Motivation immer wieder herein, Geld ist ihm wichtig, verlangt man es ihm ab, wird er aggressiv.

Michael Dangl ist der sehr kranke Sohn, schweißgebadet, er hält sich mit Mühe aufrecht, viel würde man auf sein Überleben nicht geben, auch er eine Gestalt, die schon am Ende ist.

Bemerkenswert die strukturierte Klarheit, mit der Markus Gertken (gar nicht so bösartig, wie man zuletzt Ben Becker in der Rolle gesehen hat) seine Position vertritt, dieser James Tyrone jr kann nur aus seinem persönlichem Versagertum schwer argumentieren. Er würde übrigens genau so gut und stark wirken, wenn er sich am Ende nicht splitterfasernackt ausziehen müsste (schon wieder einer, jetzt zeigen die Herren bereits in der Josefstadt [!] ausführlich, was sonst in der Unterhose steckt) – das ist für seinen letzten Ausbruch dramaturgisch absolut nicht nötig.

Das Publikum war, wie man so schön sagt, mucksmäuschenstill, sehr gepackt von der schonungslosen Tragödie, und klatschte stark – da sind ja Repertoirevorstellungen aussagekräftiger als die Premieren, wo jeder Direktor schon für seinen Beifall sorgt…

Renate Wagner

 

 

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