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WIEN / Josefstadt: EINEN JUX WILL ER SICH MACHEN

10.10.2019 | KRITIKEN, Theater


Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt:
EINEN JUX WILL ER SICH MACHEN von Johann Nestroy
Premiere: 10. Oktober 2019

Man kann sich die Situation gut vorstellen. Da sitzt ein junger Regisseur (oder ein gar nicht mehr so junger, der es sich nicht leisten kann, einen Job abzulehnen) vor der Aufgabe, Nestroys „Einen Jux will er sich machen“ zu inszenieren. Den alten Hadern, der ohnedies niemanden mehr interessiert! Und noch dazu in Wien, wo nur die Weißhaarigen nach Meinrad / Konradi schluchzen (während die anderen diese Namen überhaupt noch nie gehört haben).

Was tun, damit das Unternehmen so sperrig wird, dass erstens niemand lacht, man sich zweitens am besten unbehaglich fühlt (denn war dieser Nestroy nicht ein kritischer Dichter?), und dass drittens das Feuilleton lang und breit über die „Interpretation“ nachsinnt. Positiv natürlich, denn sie ist ja so „anders“, und das muss ja nun heutzutage wirklich sein.

Also? In einer Theaterwelt, wo es immer noch genug Menschen gibt, die eine Inszenierung mit dem Bühnenbild verwechseln, ist es die halbe Miete, dieses so befremdlich und unschön darzustellen wie möglich. Das schafft Sophie Lux auf Anhieb mit Bühnenbild Nr. 1. Die „Gemischte Warenhandlung“ des Herrn Zangler ist eine – Wand. Mit verschiedenen, meist kleinen Öffnungen, aus denen sich die Menschen hervorquetschen. Wie hoch symbolisch: die Eingeschlossenen! Wobei dieses Motiv durchaus in Nestroys Stück enthalten ist – nur nicht so primitiv deutlich.

Wenn Weinberl und Christopherl, das normalerweise im G’wölb eingesperrte „Personal“, sich einen Jux machen, sprich, einmal etwas erleben wollen, kommen sie „in die Stadt“ in den Modesalon von Madame Knorr: Um die Talmi-Oberflächlichkeit dieser Welt zu zeigen, gibt es überall geraffte Vorhänge – auch bei den Kleidern der Damen: Sie können diese, huch, wie lustig (Kostüme: Birgit Hutter), per Schnürl hochziehen wie einen besagten Vorhang.

Für ein Wirtshaus fiel der Ausstatterin nichts ein als Wirtshaustische, dafür ist die Regie hier besonders schlampig, nicht nur – wie den ganzen Abend lang – in der mangelnden Ausarbeitung der bei Nestroy so präzisen Komik, sondern auch in der Darstellerung der faktischen Ereignisse: Wie Weinberl und Christopherl, die die Rechnung nicht zahlen können, da abpaschen, merkt man kaum…

Ja, und nach der Pause wird es bei Fräulein Blumenblatt vor allem giftgrün, ein Zimmer, fast zum Loch verkleinert (ist ja auch logisch, wenn man von der Handlung her so viele Personen hineinstopfen muss), wobei sich die abgesteppten Möbelstoffe auf die Wand und in die Gewänder verirrt haben. Nach dem Warum darf man nicht fragen, nach dem Geschmack (oder der Geschmacklosigkeit) auch nicht, Hauptsache, es ist anders.

Nestroys Stück bewegt sich in seiner Ironie selbstverständlich eine Handbreit über dem Boden, aber die Menschen sind in ihrer Substanz echt, und die Situationen, in die sie geraten, durchaus beängstigend, zumindest für die beiden Hauptfiguren. Aber auf die psychologische Ebene des Stücks lässt sich Regisseur Stephan Müller (derselbe, der in der Josefstadt mit dem „Besuch der alten Dame“ so intelligent umgegangen ist!) überhaupt nicht ein. Er macht Kasperltheater, Kindertheater, bestenfalls Slapstick, schlechtestenfalls Albernheiten. Er hat nicht das geringste Gefühl für die Sprache, die an diesem Abend auf der Strecke bleibt, versteht nichts vom Witz, hat nur grimassierende Zappelei zu bieten.

Wien hat (auch abseits von Meinrad und Konradi) eine darstellerische Nestroy-Tradition, die an diesem Abend nicht annähernd erreicht wurde. Johannes Krisch, dessen Abgang vom Burgtheater in vielen Interviews geschildert wurde, ist für den Weinberl – na, sagen wir, ein bisserl alt. Aber damit könnte man leben, wenn er nicht so spürbar angestrengt und atemlos wirkte. An seiner Seite in einer Rolle, in der Frauen oft köstliche Ergebnisse erzielten, ein junger Mann: Julian Valerio Rehrl macht einzig akustisch darauf aufmerksam, dass seine Theatersprache der Verbesserung bedarf.

Man könnte Madame Knorr und Madame Fischer als kluge Frauen sehen, die sich in einer Männerwelt zu helfen wissen. Hier müssen Martina Stilp und Alexandra Krismer strahlend blöde Funzen spielen, was höchstens dem Mündel Marie (Anna Laimanee) legitim zuzuordnen wäre. Als ihr Bräutigam zappelt Tobias Reinthaller zumindest mit Präzision. Robert Joseph Bartl bietet als Zangler vor allem törichten Gesichtsausdruck.

Im übrigen haben die meisten Darsteller mehrere Rollen, Elfriede Schüsseleder überzeugt als Hausfaktotum mehr denn als Fräulein Blumenblatt, die lächerliche Preziöse. Therese Lohner als Hausmeisterin und Stubenmädchen, Oliver Huether, Paul Matic, Alexander Strömer verkleiden sich nach Bedarf.

Wie sehr eine Inszenierung wie diese „klassische“ Rollen zerstört, zeigt die Figur des Melchior, der normalerweise unfehlbar Pointen verstreut und Lacher kassiert und noch eine köstliche Studie wienerischer Wichtigmacherei bieten könnte: Martin Zauner gibt sich alle Mühe, aber man käme an diesem Abend nicht darauf, warum das eine so berühmte Rolle ist.

Darf man wenigstens froh darüber sein, dass Matthias Jakisic (E-Geige) und Thomas Hojsa (Akkordeon) sich diskret im Hintergrund halten (denn man hat an Musikbeiträgen schon Schlimmes erlebt) und dass Thomas Arzt für die Zusatzstrophen nichts eingefallen ist, wo man auch nur einmal aufgehorcht hätte. Aber das war’s auch schon an Erleichterung an diesem ärgerlich beschwerlichen, sinnlosen Abend.

Fazit: dieser „Jux“ ist ein Krampf. Wenn man Nestroy so spielt, soll man ihn besser gar nicht spielen.

Renate Wagner

 

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