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WIEN / Josefstadt: DER ZERRISSENE

02.10.2014 | Theater

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WIEN / Theater in der Josefstadt:
DER ZERRISSENE von Johann Nestroy
Premiere: 2. Oktober 2014
Besucht wurde die Generalprobe 

Unter den sehr vielen Stücken von Johann Nestroy gibt es auch überraschend viele sehr gute. Aber eines der besten unter diesen wiederum ist zweifellos „Der Zerrissene“, den man verschieden ansehen kann – ob als höhnische Satire auf reiche Dandys oder als echt gesehene Problematik derer, die sich jeden Wunsch erfüllen können, folglich keinen mehr haben – und nicht wissen, was sie mit dem Leben anfangen sollen. (nicht dass sie einem leid täten, aber so ist es nun einmal…)

Nestroys superreicher Herr von Lips ist einfach nur müde, weil das Geld zwischen ihm und dem „wahren Leben“ steht. Nun, er bekommt dieses auf komödiantisch-schauerliche Weise mit all seinen Katastrophen serviert – und das gefällt ihm dann auch nicht so sehr. Zumindest am Anfang.

Regisseur Michael Gampe nahm zu dem diffizilen, vielschichtigen Stück den geraden Weg der sehr gut gespielten Posse, wobei man sich bei aller sprachlicher Exaktheit nicht auf die Pointen „gesetzt“ hat – legendäre Lacher fielen einfach aus.

  Zerrissener _MarianneNentwich Zerrissener alle auf der Treppe 
Marianne Nentwich  / Fotos: Barbara Zeininger

Dennoch: Nestroy pur und ohne Umwege, es sei denn, man ließe sich ein wenig von der Ausstattung täuschen. Das Bühnenbild von Erich Uiberlacker und die Kostüme von Elisabeth Binder-Neururer geben sich zwar „modern“, sind es aber nicht wirklich. Die große goldene Treppe für den ersten Akt ist ebenso äußerliches Zeichen des Modernistischen wie die Partygesellschaft ganz in Weiß, wozu Gampe noch ein paar Mädchen im Volant-Mini engagiert hat, mit denen er dann nichts anfängt. Und der Pachthof des Vetter Krautkopf ist überhaupt ganz ein übliches Bühnenbild. Nein, Gampe wollte die Handlung weder wirklich ins Heute versetzen (dann würde ja auch vieles einfach nicht stimmen), noch wollte er irgendjemandem schmerzen: Man ist ja doch noch in der Josefstadt. Und er hat auch recht – hierzulande gereicht einem Regisseur sinnlose Zertrümmerung nicht zur Ehre.

Einzig die Musik mit drei Herren (Thomas Hojsa, Nikolai Tunkowitsch, Hans Nemetz, wobei Erstgenannter mit des Burgtheaters Karsten Riedel nicht sehr sensibel mit dem Original von Adolf Müller umging) tut ein wenig weh – sie ist für wienerische Ohren „schiach“, bringt die Couplets zu keiner großen Wirkung.

Die Besetzung macht’s, voran Michael Dangl als Herr von Lips. Er ist zwar kein müder Dandy, sondern offensiv wütend darüber, dass das Leben so öde ist, und er behält seine Kraft auch nach dem Schicksalsschlag bei, wo er doch meinen muss, absolut alles verloren zu haben. Er blödelt und tobt mit Lust. Es ist eine starke, wirkungsvolle wenn auch etwas eindimensionale Leistung aus einem Guß.

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Siegfried Walther, Martin Zauner

Weniger laut und „lästig“, als es die Tradition kennt, gibt Martin Zauner den Schlosser Gluthammer, kein wilder Polterer, eher ein Narr des Schicksals, die längste Zeit herrlich störrisch unbelehrbar in seiner Liebe zu einer gewissen Mathilde, bis ihn der Augenschein eines Besseren belehrt: Man schließt ihn so, wie er ist, mit seinen gewissermaßen zarteren Seelenregungen, ins Herz.

Für Marianne Nentwich bringt dieser Premieren-Abend jene Ehrung, die man wahrlich verdient, wenn man als allertreuester „Ensemble-Hund“ (wie Alma Seidler es nannte) geschlagene 50 Jahre an einem Haus geblieben ist, obwohl man anderswo möglicherweise eine größere Karriere hätte machen können. Immerhin, „die Nentwich“ wurde hier „die Nentwich“, sie war in ihrer Jugend ein entzückendes, dunkel umflortes Mädchen, sie ist heute mutig und radikal und macht sich als Frau von Schleyer (nicht zuletzt durch ein Kostüm, in dem sie aussieht wie eine ausgestopfte Knackwurst) bewusst und klug lächerlich, eine Frau, die weiß, was sie will und es fast immer bekommen hat, egal, wie sie den anderen erscheint. Nun ist sie Josefstadt-Doyenne (und die ihr altersmäßig vorgelagerte Elfriede Ott wurde zur „Ehren-Doyenne“  –  man muss sich als Theaterdirektor nur was einfallen lassen, dann geht es schon…)

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Michael Dangl, Martina Ebm

Eine angenehme Überraschung war die Besetzung der schlichten Kathi mit einem neuen Gesicht, sprich einer jungen Dame mit dem nicht ganz glücklichen Namen Martina Ebm (auf Wienerisch wird da ein „Eben“ draus, eben, na ja). Vielleicht ist die Frische und Natürlichkeit, die sie da ausspielt, eine winzige Spur zu kalkuliert, zu bewusst noch, aber absolut auf der richtigen Spur für diese Rolle, die nicht nur – ebenso wie die Madame Schleyer – zeigt, dass Nestroy entgegen aller Gerüchte sehr wohl exzellente Frauenrollen schreiben konnte, sondern dass er den Damen auch jenes Quentchen Verstand und Übersicht gab, das den meisten  seiner Männerfiguren fehlt…

Ein Pächter-Bauer Krautkopf, ganz auf den Darsteller Siegfried Walther zugeschnitten, drei „Freunderln“, auf die man verzichten kann: Oliver Huether, Friedrich Schwardtmann, Nicolaus Hagg, dazu Alexander Strobele und Clemens Aap Lindenberg – solide Josefstadt.

Es ist ein guter „Zerrissener“, wenn auch kein besonderer. Er bedient den Nestroy’schen Unterhaltungseffekt mehr, die Abgründigkeit weniger. Dennoch ein Erfolg – natürlich.

Renate Wagner

 

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