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WIEN / Josefstadt: DER MENTOR

13.12.2012 | Theater

WIEN / Theater in der Josefstadt:
DER MENTOR von Daniel Kehlmann
Uraufführung
Premiere: 8. November 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 13. Dezember 2012 

Früher hätte man so etwas ein „Josefstädter Stück“ genannt, aber die Josefstadt, die solche Stücke spielt, gibt es nicht mehr. Geschrieben wird dergleichen – intellektueller Edelboulevard – heutzutage auch nur noch in England, und diese Stücke erreichen uns nicht. Wieso brachte es dieser leichtfüßige deutschsprachige Dinosaurier, genannt „Der Mentor“, doch zu einer Josefstädter Uraufführung? Weil der Autor so berühmt ist, wie ein Österreicher nur werden kann – Daniel Kehlmann, dessen bestes Buch, „Die Vermessung der Welt“, in nicht weniger als 40 Sprachen übersetzt wurde, wie man im Programmheft erfährt. Dass der noch junge Mann (Jahrgang 1975) mit dem Theater kokettieren muss, versteht sich von seiner Herkunft her: Sein Vater Michael Kehlmann war einer der großen Theater- und Fernsehregisseure, bei vielen Liebhabern österreichischer Literatur (und im Theater: wunderbarerer „altmodischer“ Inszenierungen, wie sie einst möglich waren) unvergessen. Kehlmann Junior hat seinen Ruhm auch schon dazu benützt, im Gedenken an diesen Vater das heutige „Regietheater“ gewaltig in Frage zu stellen, wofür er jede Menge Rüffel einstecken musste. Er hat es überstanden.

Und nun schrieb er etwas, worüber er in seinem Stück von einem „jungen“ Autor lästern lässt: ein „well made play“. Eine übersichtliche Sache (sogar fast die drei Einheiten des klassischen Theaters – des Ortes und der Handlung, beinahe auch der Zeit, wenn man ein paar Tage für die Handlung akzeptiert), eine Satire über Literaten und Literatur, ironisch gezeichnete, nichtsdestoweniger glaubwürdige Charaktere, die alle für etwas stehen, eine „Kampf“-Situation Mann gegen Mann, die auf intellektueller Ebene ausgetragen wird und die klassische Konfrontation Alt-Jung widerspiegelt. Und damit es nicht zu zerebral wird, hat Kehlmann in die Männergeschichte eine Frau hineinverwoben. Begabt. Er weiß, wie es geht. Er wollte eine „schnelle, knappe Komödie“ schreiben. Genau das ist es geworden – und wieder nicht so tiefsinnig, dass er am Ende in den pausenlosen 90 Minuten sein Publikum verliert… Ach ja, und prima Rollen sind es auch noch. Wie gesagt – das „Josefstädter Stück“ ist für einen kurzen Theatermoment überzeugend wieder belebt worden.

„Der Mentor“ basiert auf einer realistischen Situation, deren Konfliktpotential man von der ersten Sekunde an wittert. Irgendein betuchter Verein denkt sich eine „Mentor“-Situation aus: Eine Woche lang darf ein hoffnungsvoller junger Autor mit einem arrivierten alten Autor an seinem Stück arbeiten. Welch grandiose Gelegenheit für den Austausch der Generationen! Was kann der Junge lernen, was kann der Alte geben! Nebbich – wenn es sich bei beiden um Schriftsteller aus echtem Schrot und Korn handelt, sprich, Egomanen, die nichts anderes im Kopf haben als sich selbst und ihre Eitelkeit (und das Geld, das sie abcashen können und wollen, wo immer sie es in die Krallen bekommen). Da lässt Daniel Kehlmann (und er kennt ja nicht nur sein eigenes Schriftsteller-Selbst, sondern auch das vieler Kollegen) der eigenen Spezies nichts durchgehen…

Als Darsteller des großen alten Benjamin Rubin war ursprünglich Michael Degen vorgesehen  – wie echt oder unecht er „krank“ wurde, wäre vielleicht auch eine Kehlmann-Komödie wert (er vertritt ja den Schnitzler/Pirandello-Standpunkt, dass nichts unbedingt so ist, wie es ist…). Tatsache bleibt, dass Regisseur Herbert Föttinger zweifellos nicht ungern in der Hauptrolle einsprang, und wenn er auch nicht wirklich alt wirkt, so bringt er doch die typischen Macken des Alters (etwa das selbstgefällige Wiederholen von einmal gefundenen effektvollen Formulierungen) so perfekt herüber wie Arroganz, Unverschämtheit, Boshaftigkeit und die ungebrochene Lust auf schöne junge Frauen. (An ihm wirft Kehlmann ein Problem auf, das er übrigens vielleicht angstvoll als sein eigenes erkennt – den übergroßen Erfolg in jungen Jahren. Was wird er, Kehlmann, tun, wenn man noch in Jahrzehnten von ihm sagt: Aber etwas so Gelungenes wie „Die Vermessung der Welt“ hat er nie wieder geschrieben!?!)

  

Die andere Rolle ist genau so gut: Florian Teichtmeister als der junge Schriftsteller, der aus innerer Unsicherheit heraus den Alten mit dem Hochmut der Jugend belächelt, sich scheinbar unendlich überlegen fühlt,  der auf Kritik naturgemäß sehr schlecht reagiert und natürlich überhaupt nicht weiß, wo sein Platz im Literaturbetrieb einmal sein wird. Da gehen höchst unterschiedliche Gefühle in rasender Geschwindigkeit durch ihn hindurch, und Teichtmeister macht das hervorragend.

Noch eine Gestalt am Rande, die jeder kennt, der ein bisschen mit dem „Betrieb“ zu tun hat: Der Schammes, der das zweifelhafte Glück, mit den „Großen“ aus der Nähe zu verkehren, damit bezahlt, dass sie ihn wie den letzten Dreck behandeln. Siegfried Walther, schon zutiefst illusionsfrei, windet sich hinreißend durch seine Rolle.

Ja, und da ist noch die schöne Frau, Ehefrau des jungen Schriftstellers (und intelligent genug, sein Schaffen gar nicht zu bewundern), die den Quantensprung zum alten Schriftsteller, der immerhin schon etwas geleistet hat (ein großes Stück!) erkennt. Wie weit der Flirt der beiden geht, weiß man nicht, Föttinger inszeniert sich und die hinreißende Ruth Brauer-Kvam hier wie ein Paar von Schnitzler, und dass dergleichen möglich ist, spricht ja auch für Kehlmanns Text.

Der wird gewiss vielfach nachgespielt werden, denn Superrollen für vier Schauspieler bei geringem szenischem Aufwand (Bühnenbild & Kostüme: Herbert Schäfer) sind auch heute noch auf dem Theater begehrt. Vielleicht stößt Kehlmann auch ein paar Kollegen an, nach seinem Beispiel wieder Stücke zu schreiben, mit denen das Publikum etwas anfangen kann – statt es selbstgefällig zu sekkieren, wie es Pollesch, Schimmelpfennig & Co. so zeitgeistig durchexerzieren.

Renate Wagner

 

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