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WIEN / International Theatre: AN INSPECTOR CALLS

22.01.2012 | Theater

WIEN / International Theatre: 
AN INSPECTOR CALLS by  J. B. Priestley
Premiere:  17. Jänner 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 21. Jänner 2012 

„An Inspector Calls“ von John Boyton Priestley ist ein Klassiker in vieler Hinsicht – und bekannte Schullektüre (was die Klassen mit ihren Englischlehrern in Scharen ins International Theatre treiben sollte, denn man sieht das Stück heutzutage selten genug). Vor allem ist es der Paradefall eines „well made play“, das die Voraussetzung der „drei Einheiten“ (von Ort, Zeit und Handlung) erfüllt, diese Handlung aber auf zwei Ebenen transportiert.

Rein äußerlich hat man es mit einem wirklich spannenden Kriminalstück zu tun – eine wohlsaturierte, entsetzlich selbstgefällige Upper Class-Familie im Vorkriegs-England feiert ein Familienfest, als ein „Inspektor“ in die Idylle einbricht und jedem einzelnen Familienmitglied vorrechnet (bzw. das Geständnis abringt), wie unsozial, mitleidlos, verächtlich es sich gegen hilfslose Mitmenschen verhalten hat.

Während die spannende äußere Hülle das Publikum beschäftigt, bekommt man als Subtext soziale Anklage härtesten Kalibers vorgesetzt – und da Priestley so unzweifelhaft erkennbare Menschen auf die Bühne gebracht hat, funktioniert das Gleichnis ohne Schwierigkeiten. Sogar bis heute, wo der hier geschilderte Brutalo-Kapitalismus von einst auf breitester Ebene von der Gleichgültigkeit des Menschen für seinen Mitmenschen abgelöst wurde (wobei es natürlich auch den Brutalo-Kapitalismus schlimmer denn je gibt).

Im International Theatre hat Regisseur Eric Lomas das Stück um einen Weltkrieg versetzt – von „vor dem Ersten“ in „vor dem Zweiten“, wie schon das von ihm geschaffene Bühnenbild anzeigt. Da bröckelte die saturierte Bürgerlichkeit, die am Ende in den Bomben versinkt, auch optisch ganz gewaltig.

Gespielt wird hervorragend, wobei uns heute natürlich besonders die Frage interessiert, wie Menschen mit Schuld umgehen: Die ältere Generation jedenfalls mit der totalen Einsichtslosigkeit, wie Jack Babb als eloquenter Fabrikant und Laura Mitchell (würdig wogend und leicht indigniert wie die mittelalterliche Queen Mum) zeigen. Bewegt und schuldbewusst reagiert die jüngere Generation (Julia C. Thorne und Andrew Phillips, beide mit höchster Intensität), während der künftige Schwiegersohn (mit Haltung: Alex Scott Fairley) versucht, das Geschehene ganz einfach wegzurationalisieren.

Als der Mann, der als unorthodoxer Inspektor diesen Gang ins Unrecht in Bewegung setzt, entwickelt der schottische Schauspieler Alan Burgon enorme Kraft, sowohl als körperliche Präsenz wie als bohrende Stimme des Gewissens.

Mag das Stück heute in seiner Machart (mitsamt dem gewissermaßen irrationalen Schluss) etwas schlicht anmuten – die Wirkung verfehlt es dennoch nicht. Zumal in einer so nachdrücklichen Aufführung.

Renate Wagner

 Through April 21, 2012.  Tuesdays through Saturdays.  Curtain: 19:30

 

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