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WIEN/ Haus Hofmannsthal: KOMÖDIE UND DRAMA IN WORT UND MUSIK – Im Spiegel der Jahresregenten Shakespeare und Strauss

23.5. Haus Hofmannsthal: KOMÖDIE UND DRAMA IN WORT UND MUSIK – Im Spiegel der Jahresregenten Shakespeare und Strauss

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Manfred Schiebl, Andrea Martin, Roman Kollmer. Foto: Herta Haider

99 verschiedene Gesichter – oder vielleicht waren und sind es 100? Die zeigte Andrea Martin im Laufe dieses von ihm zusammengestellten Proramms. In Shakespeare-Vertonungen von Antonio Salieri, Ralph Vaughan Williams, Wolfgang Fortner, Erich Wolfgang Korngold, Bejamin Britten, Frank Martin und Giuseppe Verdi. In englischer und italienischer Sprache mit gleicher Wortdeutlichkeit und Bedeutungsschwere. Nach der Pause eine Hommage an Richard Strauss mit vielen wenig bekannten Liedern unterschiedlichsten Inhalts, natürlich auf deutsch. Der talentierte vokale Wort-Ton-Nachschöpfer genoss das eine wie das andere, und wir mit ihm.

Shakespeare war natürlich mit diversen Falstaff-Varianten am meisten vertreten. Das Salieri-Stück hat Andrea Martin ja schon einmal vollständig im Musikverein gesungen. „Nell impero di Cupido“ fühlt er sich nicht nur bei dem Italiener zuhause – er kann ja wunderbar alle Aspekte der großen Komödie vermitteln: vom wohlkalkulierten Charme des gewieften Verführers bis zum deftigen Auftrumpfen mit seiner Selbstherrlichkeit und der bei Verdi so köstlich gespielten Reflexion über „il reo mondo“. Vortrefflich bei Stimme und Geberlaune reihte Andrea Martin eine musikalische Shakespeare-Perle an die andere, immer mit mit einem anderen Gesicht und anderen Gesten. Jagos Traumerzählung von Cassios Verliebtheit in Desdemona war von einer so infamen Komödiantik geprägt, dass ihm jeder Otello darauf hineinfallen müsste. Das Lied des Pyramus („Sweet moon“) aus „Midsummer Night’s Dream“ vereinte Shakespeare’sches Zupacken mit Britten’scher Noblesse. 

Bei all diesen Eskapaden war ihm der Schauspieler Roman Kollmer ein mitreißender Partner,  indem er aus Shakespeare-Szenen vorlas, die nicht vokal dargeboten wurden, z.B. aus Nicolais „Lustigen Weibern“, oder ergänzende Texte des großen Dichters, u.a aus dem 18. Sonett – in  deutscher Übersetzung. Ganz besonders unterhaltsam wurden diese gespielten Rezitationen bei Richard Strauss, wo wir Ausschnitte aus Briefen des Komponisten und seiner Mitarbeiter sowie aus Kritiken von Zeitgenossen zu hören bekamen – heute von uns als einfach köstlich empfundene Verrisse etwa eines Hanslick oder einer Alma Mahler. Das passte alles bestens etwa zu den Liedern aus dem „Krämerspiegel“ mit dem deftgen „Rosenkavalier“, „An den Verleger“ mit dem wiederholten Zitat von Beethovens Hauptmotiv aus dem Schicksalssymphonie oder dem Lied von der Wanze (mit der jeder seine eigenen – menschlichen – Wanzen identifizieren konnte). Aber auch die Hommage an die Frauen, die „oft fromm und still“ sind, während die Männer aufbrausen, verbunden mit dem Hinweis des Rezitators, dass Richard Strauss seiner Pauline immer treu geblieben ist,  und ganz ernst gemeinten und dargebrachten Gesängen wie „Allerseelen“ oder die abschließende „Heimliche Aufforderung“ mit einem schön verklärten Schluss. Und der weit verbreiteten These, dass „Guntram“ ein minderwertiger Opern-Erstling ist, widersprach nicht nur die tragische Szene des Alten Herzogs an diesem Abend. Wer die Aufführung mit Andrea Martin in eben dieser Rolle unter Gustav Kuhn in Catania erlebt hat, der weiß, dass „Guntram“ ein wunderbares Werk ist, mit einer ganz eigenständigen, prächtigen Musik, die an keiner einzigen Stelle, wie so oft fälschlich behauptet wird, Wagner zitiert, sondern nur auf dessen instrumentalen Errungenschaften aufbaut.

Der vielseitige, mit allen Stilen vertraute Pianist Manfred Schiebl tat sein Möglichstes, dieses Orchester zu ersetzen, und trug im übrigen ganz kräftig zur Unterhaltung des Publikums bei. Das Zusammenspiel der drei unterschiedlichen „Akteure“ ergab einen ebenso fesselnden wie informativen Abend.
Gratulation dem Programmplaner und „Regisseur“ Andrea Martin!

Sieglinde Pfabigan

 

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