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WIEN / Hamakom: ICHUNDICH

28.01.2012 | Theater

 

WIEN / Theater Hamakom im Nestroyhof: 
ICHUNDICH von Else Lasker-Schüler
Premiere: 24. Jänner 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 27. Jänner 2012  

In der deutschen Literatur ist die Figur der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler, der großen Lyrikerin des Expressionismus, magisch umwittert. Auf dem Theater begegnet man ihr so gut wie nie, unter ihren Stücken ist nur „Die Wupper“ von 1919 bekannt geworden, die in Wien seit Menschengedenken nicht mehr gespielt wurde.

Umso interessanter, dass man nun „IchundIch“, das letzte Stück der Lasker-Schüler, kennen lernt, 1940 in Jerusalem entstanden, bis zum Tod der Dichterin (1945) nie gespielt, tatsächlich erst von Regisseur Michael Gruner 1979 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. Er inszeniert nun auch eine – inhaltlich reduzierte – Fassung des überbordenden, wie wahnwitzig wirkenden Werks in Wiens jüdischem Theater Hamakom, das im Nestroy-Hof zu finden ist.

In „IchundIch“ bringt die Lasker-Schüler sich selbst auf die Bühne, die Dichterin in Auseinandersetzung mit Regisseur Max Reinhardt, der eine „Faust“-Paraphrase inszeniert. Aber Faust, Mephisto und Marthe Schwerdtlein als Reste von Goethe reden nicht dessen Text, sondern den der Lasker-Schüler (teils in Blankversen, teils in Prosa), wobei Faust sich auch in Goethe verwandelt. Hinterfragt die Dichterin im Exil hier gewissermaßen das „deutsche Wesen“, so verschränkt sie dieses gnadenlos mit der damaligen Gegenwart – Goebbels, Göring (von ihr mit „h“ gschrieben – „Göhring“), Hess und Schirach kommen auf die Bühne (den Auftritt Hitlers hat Gruner eliminiert wie auch viele andere irre Effekte des Stücks). Ebenso vorgesehen sind viele biblische Figuren – geblieben ist hier ein König-David-Popanz, der auf das Geschehen blickt.

Dieses ist textlastig, es ist wirr, und es kann in diesem Raum nichts vom optischen und szenischen Aufwand verwirklichen, den sich die Dichterin für diese Apokalypse vorgestellt hat. Nur wenn Schirach mit „Adolf, Adolf, warum hast du mich verlassen?“ über die Bühne saust, ist die Groteske total. Im übrigen inszeniert Michael Gruner zwar mit exzellenten Schauspielern, aber oft bis zur Spannungslosigkeit ruhig. Der Abend dauert nur hundert Minuten, liegt aber schwerer auf den Bühnenbrettern, als es die aufregende Geschichte erlauben würde.

Es ist Gruner-Gattin Juliane Gruner, die hier teils als Dichterin Else Lasker-Schüler, teils als übergroteske Frau Marthe wahrlich durch den Abend irrlichtert, den Hans Escher als Max Reinhardt am Rande nicht wirklich zu leiten scheint. Hans Diehl ist ein ruhiger, ratloser, greiser Faust, Jakob Schneider als Mephisto eine massige, fast grobe Erscheinung mit der denkbar schönsten Stimme und Sprache, man kann sich gar nicht satthören an ihm. Christian Higer,  Patrick Jurowski, Max Mayerhofer und  Eduard Wildner übernehmen die Fülle der restlichen Rollen.

Es ist vielleicht kein Theaterabend, der den Zuschauer aus den Sitzen hebt, aber man sollte sich eine so rare Begegnung mit einem Stück und einer Dichterin nicht entgehen lassen.

Renate Wagner

 

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