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WIEN / Gloria Theater: ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN

08.09.2012 | Theater

WIEN / Gloria Theater:
ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN von Joseph Kesselring
Premiere: 7. September 2012,
besucht wurde die Nachmittagsvorstellung am 8. September 2012 

Zu diesem Stück braucht man zwei besondere alte Damen, und die haben sich unter Wiens Schauspielerinnen immer noch gefunden: Im Burgtheater vor Jahrzehnten Adrienne Gessner und Alma Seidler, vor einigen Jahren Kirsten Dene und Libgart Schwarz. An der Josefstadt vor Jahrzehnten Vilma Degischer und Susanne von Almassy und vor einigen Jahren Elfriede Ott und Erni Mangold. Auf einer Tournee traten Schwergewichte für das Leichte an: Eva Mattes und Angela Winkler. Sie alle haben sich einmal als Abby und Martha Brewster versucht und mit aller Unschuld der Welt alte Herren unter die Erde gebracht…

„Arsen und Spitzenhäubchen“ ist ein absoluter Klassiker des komischen Theaters und des bitterschwarzen Humors, und Autor Joseph Kesselring hat gewaltig losgelegt, wenn er neben den mörderischen Ladies noch zwei nervtötende  Neffen auf die Bühne bringt – einer hält sich für Theodore Roosevelt, einer sieht aus wie Frankenstein -, lauter Verrückte in dieser Familie. Nebenbei parodiert der Autor das Theater selbst, indem er den Helden Theaterkritiker sein lässt (mit ensprechenden verbalen Exkursen) und einen Polizisten zum besessenen Autor macht, der alle Welt mit seinem Stück belästigt. Und über Pastoren und Pastorentöchter albert er auch – alles drin, fast zu viel, möchte man manchmal meinen.

Im Gloria Theater hat man nun zwei Schauspielerinnen gefunden, die als Film- und Fernsehlieblinge so populär waren bzw. sind, dass sie das Haus mühelos füllen. Die unglaublich gut aussehende Waltraut Haas, die jedem Geburtsschein spottet, spielt die scheinbar so kühl vernünftige Abby, die riegelsame „Seniorin“ Hilli Reschl die verhuschtere, trippelnde Martha, und das Publikum ist entzückt, die beiden auf der Bühne zu sehen. Der Abend hat übrigens noch eine ergötzliche dritte Dame zu bieten: Als eifrige Pastorentochter stolpert Roswitha Straka kurzsichtig und beflissen durch das Geschehen und holt sich ihre verdienten Lacher.

Gerald Pichowetz, der wie immer in seinem Haus inszeniert, wusste vermutlich genau, dass er selbst die Idealbesetzung für den nervenden verrückten Teddy gewesen wäre, überließ die Rolle aber Marcus Ganser, der sie mehr überzeichnet, als der Ausgewogenheit des Abends gut tun. Hingegen bleibt Robert Notsch als der Frankenstein-Bruder im Rahmen (und Rochus Millauer trippelt hinter ihm her, in dem Versuch, die Sterblichkeitsrate niedrig zu halten, die in der Brewster-Familie so schwindelerregende Höhen erreicht).

Pichowetz selbst hat sich den „Helden“ Mortimer zugeteilt (im Film Cary Grant!), und so wird der ernsthaft-verschreckte junge Mann ja doch zum Komiker, der weiß, wo die Pointen wohnen. Im übrigen lässt Pichowetz als Regisseur die Zügel der Groteskkomik nur so schießen – die Polizisten müssen eine ganze Judo-Kampfnummer hinlegen… Aber es gibt eben eine Art von Theater, wo Diskretion nicht Ehrensache ist.

Renate Wagner

 

 

 

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