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WIEN / Gasthaus Lechner: LUMPAZI IM WIRTSHAUS

12.02.2015 | KRITIKEN, Theater

Wiesner Lumpazi im wirtshaus~1

WIEN / Gasthaus Lechner: 
LUMPAZI IM WIRTSHAUS
Die Gruppe 80 spielt Nestroy
Erste Aufführung 4. Februar 2015,
besucht wurde die zweite Aufführung am 11. Februar 2015 

Es war ein „Schmankerl“ der besonderen Art. Ein paar ehemalige Mitglieder der vor zehn Jahren vom Kulturstadtrat „gekillten“ Gruppe 80, die für Wiens alternative Szene ein Vierteljahrhundert lang so wichtig war, besann sich auf ihre Anfänge. Mit Nestroys „Talisman“ im Wirtshaus hatte es einst begonnen (bevor man 1983 in das ehemalige Kino in der Gumpendorferstraße zog, das heute dem TAG gehört) – und mit Nestroys „Lumpazi“ im Wirtshaus endet es. Aber  nicht wirklich.

Denn wenn Knieriem sein (verkürztes, wie alles an diesem Abend) „Kometenlied“ singt, dann verkündet er die Entschlossenheit: „Spielen ma weiter, solange es noch Wirtshäuser gibt“. Und die werden ihnen in Wien nicht ausgehen. Also – ad multos annos.

Obwohl sie alle natürlich „alt“ geworden sind und es nicht leugnen. Der „Lumpazi“ im Gasthaus Lechner nahe der Volksoper ist eine Hommage auf vieles – u.a. auf die Müdigkeit. So sehr ein best gelauntes, mit Gulasch und Bier gestärktes, die Wirtshausräume eng gedrängt füllendes Publikum das „Event“ genießt (denn in diese zeitgemäße Schiene passt ein Ereignis wie dieses), so sehr ist vor allem der erste Teil eine Geschichte nicht von drei vitalen Handwerksgesellen, sondern von drei müden Männern.

Sicherlich, Knieriem (der unverwüstlich aufröhrende Dieter Hofinger) hat neben seiner Verfallenheit an den Alkohol noch die Leidenschaft für die Astronomie, Zwirn („Chef“ Helmut Wiesner) redet noch immer ausführlich von seinen Mädel-Geschichten und Leim (Alfred Schedl) steigert sich geradezu besessen in seine unzweifelhaft echte Melancholie und Lebensmüdigkeit hinein. Das Wirtshaus, in das sie sich schleppen, ist sozusagen Endstation, der Raum, der sie vom Leben abschottet und letzte Zuflucht bietet. 

    

Geradezu auf Brocken verkürzt, vor allem die berühmten Lazzi-Szenen bedienend, sieht man dann im schnellen Durchlauf den Rest des Stücks, wofür das Publikum willig in weitere Wirtshausräume wandert. Helga Illich und Gabriela Hütter spielen mit herausfordernder Laune alles, was anfällt, zwei Musiker sorgen für die nötige Untermalung, und Wiesner und sein Team brauchen nichts als Nestroy und sich selbst, um einen „Wirtshausabend“ der besonderen Art zu bieten – wo man nachher gern noch „hocken“ bleiben und mit den Schauspielern ins Gespräch kommen kann.

Über Theater, Nestroy, Gott und die Welt… und dann kann man auch das Kompliment loswerden, wie stark die gekürzte Fassung dennoch Nestroys Erkenntnis über die Species Homo Viennensis vermittelt: Einer, der nicht zu domestizieren ist, sondern in der „Gaude“ auch das Leben sucht… Darauf ein „G’mischtes“!

Renate Wagner

 

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