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WIEN / Freie Bühne Wieden: WERNER KRAUß oder DES TEUFELS RABBI LÖW

18.01.2012 | Theater

WIEN / Freie Bühne Wieden: 
WERNER KRAUß oder DES TEUFELS RABBI LÖW von Gerald Szyskowitz
Uraufführung 17. Jänner 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 18. Jänner 2012 

Es gibt Sach- und Tatbestände, über die kein objektives Urteil (so es dieses überhaupt gibt) möglich ist: Diese Urteile werden stets nur die Position des Urteilenden widerspiegeln. Und Autor Gerald Szyskowitz hat sich im Fall des viel geschmähten Werner Krauß entschlossen: Ebenso wie Wolff Greinert, der Autor der Biographie über den Schauspieler, hält er ihn für keinen „moralischen“ Verbrecher, weil er in dem fatalen „Jud Süß“-Film von Veit Harlan mitgewirkt und den Nazis ihren nachdrücklichsten Propagandafilm mit Judenfiguren bestückt hat: ein Schauspieler, der einfach nur „gut“ sein wollte.  Tatsächlich findet der Dramatiker viele Entschuldigungsgründe für seinen Helden – und nur am Ende scheint er einzuräumen, was wohl auch Fakt war: Dass Werner Krauß wie viele Leute, die nichts gegen das Dritte Reich hatten, weil es ihnen persönlich damals gut ging, eine ziemlich geringe Einsicht und so gut wie gar kein Schuldbewusstsein für die damals begangenen Verbrechen entwickelte…

Szyskowitz hat eine gewisse Vorliebe für „Bio“-Stücke entwickelt, die er nach wie vor an der einst von ihm geleiteten, nun von Michaela Ehrenstein geführten Freien Bühne Wieden herausbringt. Werner Krauß ist ein für Theater- und Filmhistoriker berühmter Fall, kaum aber für ein breites Publikum. Dessen ist sich der Autor wohl bewusst, und darum muss furchtbar viel „erklärt“ werden: An den Schauspielern liegt es dann, die „Informations“-Monologe nach Möglichkeit so aufzulösen, dass sie einigermaßen wie ein menschliches Gespräch wirken.

Die Dramaturgie ist geradlinig und rafft die Fakten, was für ein Stück legitim ist: Werner Krauß probt mit Reinhardt, der wenig später verschwindet, den Shylock, Regisseur Veit Harlan will ihn in seinem „Jud Süß“-Propagandafilm, Goebbels macht den nötigen Druck – man kennt das Argument: Was hätte Krauss tun soll? Seine Karriere ruinieren? Sich an die Ostfront schicken lassen? Man hat dem auch aus der Distanz nichts entgegenzusetzen.

Als dramaturgischen Bruch empfindet man, dass Reinhardt, schon im Exil in New York, mit der Journalistin Riess (eine Verweiblichung von Curt Riess?) über den „Jud Süß“-Film spricht, als gäbe es ihn längst, und wir in der nächsten Szene sehen, wie Harlan Krauß noch umschmeichelt, seine Figuren zu spielen. Sei’s drum.

Nach dem Krieg erleben wir Krauß unter „Anklage“ durch Riess (hier wird gesagt, was der „Jud Süß“-Film, in dem er wahrscheinlich unschuldsvoll mitspielte, tatsächlich bewirkt hat), dann ist dem Autor wohl eingefallen, dass er seinen Hauptdarsteller noch nicht zu ausreichender Wirkung kommen ließ, weshalb Krauß Teile der Prozesse gegen ihn regelrecht vorspielt (mit Aufbietung verschiedener Akzente) – nicht eben geschmackvoll in dem Versuch, hier wenigstens auch noch ein bisschen süffigen Theater-Klatsch und –Tratsch einzubringen… („Warst Du nicht bei der Generalprobe zum ‚Hauptmann von Köpenick’ völlig besoffen?“)

Das Ende hat sich Szyskowitz wohl von „Liliom“ geborgt, ein imaginärer Prozess im Jenseits, wo dann noch zu spät und hier überflüssig Biographisches aufgearbeitet wird, das zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr interessiert. Reinhardt macht Krauß  (im Jenseits) Vorwürfe, Harlan – der im Gegensatz zu Krauß wohl nie irgendwelche Sympathien gewann – erweist sich (im Jenseits) als der übelste aller Opportunisten, sogar Goebbels tänzelt, von einem Teufel geführt (!), noch einmal herein. Und weil Szyskowitz die berühmten, berührenden Worte von Werner Krauß an Josef Meinrad, dem er den Iffland-Ring vermachte, an das Ende stellt, klatscht das entsprechend ergriffene Publikum ganz heftig.

Nun, man muss Szyskowitz zugestehen, dass er versucht hat, einerseits Krauß zu verteidigen, andererseits das Geschehen einigermaßen dialektisch zu betrachten, und das ist immerhin etwas. Dass dennoch viel Papier raschelte – mein Gott, nicht jedes Bio-Stück kann so gut sein wie „Amadeus“.

Der Autor inszenierte selbst mit bescheidendstem Bühnenaufwand. Wer will schon Werner Krauß spielen, den Schauspieler, der viele Menschen so unglaublich fasziniert hat, dass sie bereit waren, ihm einfach alles zu vergeben? (Auch Oskar Werner zählte zu den Aficionados, er hat aus Krauß’ Vornamen sogar seinen Künstlernamen gemacht!) Walter Benn tut es wacker, ist in jenen Stellen berührend, wo er Stellen aus dem „Hauptmann von Köpenick“ berlinerisch rezitiert, wobei das Gespräch, das der Schuster mit dem lieben Gott führt, langsam in den privaten Krauß übergeht…

Die Rolle von Michaela Ehrenstein als Käthe Dorsch (Typus: verständnisvolle Freundin, aber wacher politischer Verstand – sie darf dem Publikum zu Beginn die ganze Situation im Deutschland der dreißiger Jahre schildern) ginge nach der ersten Szene lange verloren, bis sie im zweiten Teil wiederkommen darf. Dem hat der Autor abgeholfen, indem er sie in den Zwischenakten immer wieder singen lässt (am Klavier: Bela Fischer), was sie mit dem Bemühen tut, das dramatische Tremolo der Zarah Leander in ihre Stimme einzubringen – so war es damals eben üblich.

Historische Figuren: Johannes Kaiser als Max Reinhardt, Felix Kurmayer glatt und gewandt als opportunistischer Veit Harlan, Martin Gesslbauer mit dem Versuch, die unverkennbare Sprechweise des Joseph Goebbels nachzuahmen. Kathrin Graf als Journalistin muss viel Richtiges und Moralisches sagen, was dann immer wieder einfach penetrant wirkt.

Tja, dieser Werner Krauß war eben – darauf läuft das Stück bilderbogenhaft hinaus – nichts als ein Schauspieler. Ein Mitläufer. Wie sagt Szyskowitz so richtig: „Wie soll die Gesellschaft mit denen umgehen, die mit ihrem gebogenen Rücken übrig bleiben, wenn die Mächtigen nicht mehr mächtig sind?“ Auch das ist eine Frage, die heute zu stellen ist.

Renate Wagner

 

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