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WIEN / Freie Bühne Wieden: MESSENHAUSER

18.09.2012 | Theater

WIEN / Freie Bühne Wieden:
MESSENHAUSER von Wilhelm Pellert
Uraufführung
Premiere: 18. September 2012  

Vor langer Zeit – es ist tatsächlich fast 40 Jahre her, damals war die Autoren noch pudeljung – schien es, als würden mit dem Duo Helmut Korherr / Wilhelm Pellert zwei gefährliche junge Männer heranwachsen, aber was sie mit dem „Jesus von Ottakring“ 1974 im Volkstheater gezeigt haben, blieb ein singulärer Wurf. Die beiden haben sich getrennt, und in den letzten Jahren bedienen sie unabhängig von einander das Theater (und damit wohl ihren Lebensunterhalt) mit derselben Art von Gebrauchtware: Sie schreiben mehr oder minder Solostücke, in denen sie bekannte Namen ausreizen. Wenn das so gut gespielt wird wie Pellerts „Oskar Werner“ und vor allem „Wittgenstein“ durch Reinhard Hauser in der Freien Bühne Wieden, konnten alle zufrieden sein – das Theater, der Autor, der Darsteller, das Publikum.

Nun hat sich Pellert einen Stoff hergenommen, der für alle interessant ist, die sich je genauer mit Wiener Geschichte befasst haben – denn die Revolution von 1848, bei der Wiens Dichter (Größenordnung Grillparzer, Nestroy) zwar interessiert zusahen, aber klugerweise die Köpfe einzogen, hat ein damals prominentes Opfer verlangt: Wenzel Cäsar Messenhauser, ehemaliger kaiserlicher Offizier und Dichter, der sich ins Revolutionsgeschehen hineinziehen ließ und dafür unter den Kugeln eines Exekutionskommandos starb, als die „Kaiserlichen“ siegten.

Diese Revolution ist, wenn man sie in Büchern nachvollziehen will, eine überaus komplexe, komplizierte Sache, und wenn Wilhelm Pellert nun ein „Messenhauser“-Stück geschrieben hat, leider nicht wie sonst monologisch, sondern als Wiener Bilderbogen von Schulfunk-Zuschnitt, dann kapiert man nur sehr wenig von dem, was wirklich vorgeht – und am allerwenigsten, wie die widersprüchlichen Aktionen dieses armen Idealisten psychologisch zu begründen wären. Kurz, das Thema wurde kaum umrissen, wenn der Autor auch brav versucht hat, die gegensätzlichen Positionen – die armen Leut’ hier, der Standpunkt der Oberschicht – einigermaßen lebendig vertreten zu lassen.

Da wird dann auch geschwindelt: Messenhauser war kein Autor, der am Burgtheater aufgeführt worden wäre, er scheint in den Annalen des Hauses nur einmal als Übersetzer eines französischen Stücks auf, und in diesem hat auch nicht die (historische) Anna Zeiner gespielt, die bei Pellert als Geliebte des Dichters für Theaterflair sorgt und die bessere Gesellschaft verkörpert. Dass er nebenbei noch das arme Mädel liebt, dessen Vater ihn dann in die Revolution holt… um dergleichen wirklich in den Griff zu bekommen, müsste man schon ein Schiller sein und eine echte Begabung für politisches Theater haben.

Wilhelm Pellert inszenierte die Uraufführung seines Wiener Bilderbogens in einer geschickten Ausstattung von Erwin Bail in der Freien Bühne selbst, und gehen wir einmal davon aus, dass das Publikum sich in diesem Milieu ganz behaglich fühlen wird. Zumindest, wenn Anita Kolbert sehr elegant und raffiniert weiblich als Burgschauspielerin mit Herz, Köpfchen und schönen Kostümen agiert, wenn Christina Jägersberger das „Mädel aus dem Volk“ wie aus einer Seifenoper herzig macht, Natascha Shalaby raustimmig als ihre Proletarier-Mutter den weiblichen Standpunkt fest vertritt. Alexander Buczolich führt kräftig eine laute Revolution an, René Magul und Andreas Roder immer polternd hinterher.

In jeder zweiten Szene wird der arme Messenhauser in der Nacht vor seinem Tod in seiner Zelle gezeigt, und man weiß schon, was der Autor wollte, als er den Henker vorbeischickt, der da gemütlich wienerisch, aber doch sehr hintergründig und sehr schwarzhumorig plaudert: So vorzüglich Rudi Larsen das mit sanften Tönen macht, so sehr geht er nicht nur Messenhauser, sondern auch dem Publikum auf die Nerven. Des Autors Spekulation auf das Hintergründige, Düstere, Metaphysische erweist sich nahezu als Belästigung, die geradezu von ekligem Sadismus trieft.

Und Reinhard Hauser, der als Wittgenstein (desselben Autors) so herausragend war? Der bekommt als Messenhauser keine Figur, die so, wie sie auf die Bühne geschickt wird, in ihren Handlungen nachvollziehbar wäre. Eigentlich ist er ein hilfloses, manipulierbares Hascherl. Aber dafür steht Messenhauser, der Idealist, der sich am Ende der Kämpfe auf der falschen Seite fand, nun eigentlich nicht.

Renate Wagner

 

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