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WIEN / Freie Bühne Wieden: KRONPRINZ @ RUDOLF.EU

03.10.2013 | Theater

rudolf Hauser Totenkopf uniform x  rudolf Hauser

WIEN / Freie Bühne Wieden:
KRONPRINZ @ RUDOLF. EU von Wilhelm Pellert
Uraufführung am 24.September 2013,
besucht wurde die Vorstellung am 3. Oktober 2013

Es gibt kein Jubiläum für den Kronprinzen Rudolf (1858-1889), wohl aber eine sehr bewährte Zusammenarbeit von Autor Wilhelm Pellert und dem Schauspieler/Regisseur Reinhard Hauser, die gemeinsam schon monologisch Oskar Werner und Ludwig Wittgenstein zum Leben erweckt haben. Ihr jüngstes Projekt nennt sich „kronprinz @ rudolf.eu“ und erlebte wieder in der Freien Bühne Wieden seine Uraufführung. Der eine schreibt, der andere spielt, inszeniert wird gemeinsam – wieder eine nahtlose Zusammenarbeit.

Dem modernistischen Titel wird Rechnung getragen, wenn ein leicht strubbeliger Herr mit dem Laptop auf die Bühne kommt und dort „Kronprinz Rudolf“ googelt. Ja, eine Apfelsorte dieses Namens gibt es auch. Im Zusammenhang mit dem Kronprinzen ist meist von seinem Tod die Rede. Das möchte Pellert (bzw. der Professor) nicht. Die Worte „Mayerling“ oder „Mary Vetsera“ fallen nicht. Es gibt auch sonst genug über Rudolf zu erzählen, was meist unter den Tisch gekehrt wird (wenn man nicht die Biographie der Hamann liest, aus der Pellert offenbar viel gelernt hat).

Und nun ist es bald Rudolf selbst, der auf der Bühne steht (auf die sich die Herren als Ausstatter nur  eine weiße Uniform des Kaisers, einen Hamlet-Totenkopf und ein paar Möbelstücke geräumt haben). Rudolf im andauernden Dialog mit allen – dem ungeliebten Vater, der angeschmachteten Mutter, der lästigen Ehefrau Stefanie (mit französischem Akzent), mit Moritz Szeps (ungarischer Akzent), in dessen „Neuen Wiener Tagblatt“ sich Rudolf mit anonymen Artikeln, von denen jeder wusste, von wem sie stammen, gewaltig aus dem Fenster gehangen hat, mit dem Leibarzt (eine schnüffelnde Höflingsstudie) und schließlich mit dem Mann, der vielleicht sein einziger Freund war: dem Fiaker Bratfisch.

Und hier, nur hier gibt Hauser vielleicht eine Spur zu wenig: Da könnte man sich schon vorstellen, in ein weit tieferes Wienerisch hinabzusteigen. Im übrigen verwandelt sich der Schauspieler vom gnadenlosen Kaiser bis zum zirpenden Wiener Mädel erfolgreich in jede von Korherr angesprochene Figur.

Der Autor wollte viel, Rudolf in seiner ganzen Zwiespältigkeit und Begabung zu erfassen, vom liberalen Vordenker bis zum Hurenbock, vom gequälten Sohn zum liebenden Vater, vom gereizten Ehemann bis zum Wissenschaftler (wobei die Ornithologie-Schwärmereien entschieden zu lang ausfallen), politischer Kopf und Hedonist, vorwärts gewandter Zukunftsdenker und hoffnungsloser Morphinist, der durch seine Syphilis herunterkam – in dieses Bild kann man viel hineinmalen.

Pellert tut es teilweise spekulativ, Rudolf als Visionär eines Vereinten Europa hinstellend, immer wieder heutige politische Korrektheit bedienend. Auch wird das Stück trotz seiner exakt 90 Minuten manchmal lang, weil der Text durchhängt, dessen inhaltliche Elemente der Autor so bunt und schnell herumwirbelt, als säße in der Freien Bühne Wieden nicht ein beschauliches-ältliches, sondern ein ununterbrochen in seine Handy tippendes junges Publikum mit null Aufmerksamkeitsspanne.

Macht nichts, wer’s nicht gewusst hat und aufmerksam zuhört, lernt eine Menge, wenn auch das eine oder andere nicht stimmt. Möglich, dass Bratfisch den Kronprinzen duzen durfte, aber Kaiser Franz Josef hat zwar das Attentat auf ihn überlebt, aber keinesfalls, wie behauptet wird, danach die Votivkirche gebaut – das tat sein Bruder Maximilian. Und dass Sigmund Freud Kaiserin Elisabeth Kokain verschrieben haben soll, ist schlechtweg Unsinn. Glücklicherweise sind das keine gravierenden Fehler.

Reinhard Hauser bei seinen Alleingängen zuzusehen, ist stets  ein Genuss. Er ist gewiss, wie alle Schauspieler, nicht uneitel auf Wirkung bedacht, aber was immer er tut, steht im Dienst der Figur. Und erreicht berührende Momente: etwa wenn Pellert ganz am Ende jene Botschaft von Kaiser Franz Josef vorlesen lässt, mit welcher jener das Erscheinen seines Sohnes und Erben auf der Welt begrüßt hat. Wie viel Hoffnung lag daran – und wie schief ist alles gelaufen… für alle Beteiligten.

Renate Wagner

 

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