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WIEN / Freie Bühne Wieden: BECKET ODER DIE EHRE GOTTES

06.04.2016 | KRITIKEN, Theater

Becket 2
Foto: Freie Bühne Wieden

WIEN / Freie Bühne Wieden: 
BECKET ODER DIE EHRE GOTTES von Jean Anouilh
Premiere:  5. April 2016 

Die Zeiten ändern sich. Einst haben die großen Theater die „großen“ Stücke gespielt, die Klassiker und jene Werke von Zeitgenossen, die mit ihren „well made Plays“ die Häuser und das Publikum bestens bedienten (Jean Anouilh war einer der begabtesten unter ihnen). Kleinbühnen blieb es vorbehalten, sich mit der Avantgarde auseinander zu setzen, jenen Stücken, mit denen das breite Publikum nichts anfangen konnte und wollte, die aber als Salz in der Theatersuppe natürlich ungemein spannend waren.

Heute spielen die großen Häuser alles, was neu ist (die Frage, wie gut es ist, scheint dabei oft überhaupt keine Rolle spielen), während die Kleinbühnen, ihrer einstigen Funktion beraubt, zwischen „Überschreibungen“ der Klassiker (teils bis zur unnützen Unkenntlichkeit), dem Nachwuchs, der noch keine Lobby hat und froh ist, wenn er überhaupt aufgeführt wird, und… ja, zwischen dem Rückblick auf andere Theaterzeiten schwanken. Viele Autoren von einst sind verschwunden, und nicht immer zurecht, ein echtes Defizit an dem, was man früher „normales Theater“ genannt hätte, existiert – Stücke in ihrer „kenntlichen“ Form.

So mag es kommen, dass eine Kleinbühne wie die wackere Freie Bühne Wieden der wackeren Michaela Ehrenstein sich fast überhebt, wenn sie ein Stück wie Anouilhs „Becket oder die Ehre Gottes“ auf die Bühne stellt, einen Raum, der von den Theatereffekten her nichts „kann“, dazu ein Aufwand von immerhin 18 Schauspielern an einem Abend, was für ein Haus dieser Größenordnung sehr viel ist. Der eben verstorbene Dieter Haspel hat in seinen letzten Jahren im Ensembletheater Ähnliches getan, Bruno Max tut es in seiner „Scala“ gelegentlich noch immer – und gerade in Wien gibt es immer noch ein Publikum dafür. Die großen Häuser – weder Burg noch Josefstadt noch Volkstheater – befriedigen es nicht. Die haben viel zu viel Angst, als „gestrig“ gescholten zu werden…

Thomas Becket und König Heinrich II. von England – das hätten nicht T. S. Eliot („Mord im Dom“, 1935), Jean Anouilh („Becket oder die Ehre Gottes“, 1959) und Christopher Fry („König Kurzrock“, 1961), alles keine Leichtgewichte, auf die Bühne gebracht, wenn es nicht eine spannende Story wäre. Anouilhs Stück wurde am berühmtesten, seine Konfrontation der Hauptfiguren ist ein wahrer Psychothriller, Laurence Olivier hat am Broadway nacheinander beide Rollen gespielt, die Verfilmung mit Richard Burton als Becket und Peter O’Toole als König ist nach wie vor legendär (und dass zwei Schauspieler eines Films beide für den Hauptrollen-„Oscar“ nominiert wurden, ist ein ziemlich singulärer Fall in der Filmgeschichte. Beide haben ihn übrigens nicht bekommen…)

Anouilh hielt sich nur in einigen äußeren Fakten an die Realität, wo die „wahre“ Historie damals im 12. Jahrhundert sich beispielhaft zum Polit-Drama verdichtete. Das bietet Anouilh zwar auch, allerdings mit französisch-ironischer Leichtigkeit. Vor allem aber ist es die Geschichte zweier Männer, zusammen geschmiedet durch das Schicksal, geprägt durch das Gefälle zwischen König und Untertan – und getrieben von der leidenschaftlichen Liebe eines unreifen Königs, der einen „Freund“ sucht, der diese Gefühle nicht erwidert, ja, der diese Liebe schließlich ablehnt, als er die „Ehre Gottes“ über die Bedürfnisse seines nur weltlichen Herrschers stellt.

Eine äußerst spannende Geschichte und in den politischen Analysen, die wie nebenbei einfließen, weit mehr als nur ein Historischenschinken, so brav sich das Geschehen auch von Bild zu Bild entwickelt. Das spielt sich an sich glücklicherweise von selbst, denn an Äußerlichkeiten kann die Freie Bühne rein gar nichts bieten, ein paar „historische“ Kostüme aus einem Theaterfundus (Babsi Langbein) und ein paar Kisten am Bühnenboden (mehr darf der sonst immer so einfallsreiche Erwin Bail nicht beisteuern). Aber darauf kommt es nicht an.

In der Regie von Hausherrin Michaela Ehrenstein vom Blatt gespielt, müssen die beiden Hauptdarsteller das Stück stemmen, was zumindest zur Hälfte gelingt. Marcus Strahl verzichtet auf die Locken, die man von ihm kennt, und steht fast kahl auf der Bühne, ein wenig dicklich, ein launisches Kind, das leider König ist und kreischend-trotzig nach der Erfüllung seiner Wünsche verlangt. Aber darunter spürt man die Sehnsucht des Einsamen, Unsicheren nach wahrer Zuneigung, nach einem Gefährten, dem er vertrauen kann – und als Becket dieses Vertrauen enttäuscht, kippt die Liebe in Haß (ohne je ganz zu vergehen), und Strahl bringt Wandlung und Zerstörung eines Charakters in zahllosen richtig gesehenen Facetten auf die Bühne. Es ist nun einmal die stärkere Rolle.

Aber man würde natürlich auch einen interessanten Thomas Becket brauchen, der Mann, der keine Gefühle haben (oder zugeben) will, um nicht schwach zu erscheinen, der zu klug ist, um sich innerlich auf diesen unsicheren König einzulassen, den er nur ein wenig „erziehen“ möchte und von dessen Tücke er immer wieder ausgehebelt wird… Anfangs ein recht fröhlicher Lebemann, erfährt er die Wandlung vom Politiker zum Kirchenfürsten, der ein wahrer Glaubender  wird – viel zu spielen. So brav und gemessen und letztlich temperamentlos, wie der sehr solide Philipp Limbach das angeht, kann die Figur ihren Platz als starker Gegenpol zu diesem König nicht wirklich behaupten.

Am leichtesten macht es Anouilh ein paar vordergründig skizzierten Gestalten, deren Interpreten ihre Möglichkeiten bestens nützen: Reinhard Hauser (wäre er nicht der überzeugendere Becket gewesen?) als französischer König, der über die Notwendigkeiten der Politik nur zynisch,  wissend und bedauernd die Achseln zucken kann, oder Gerhard Karzel und Johannes Kaiser, die als Papst und Kardinal sozusagen eine Doppel-Conference über die gewundenen Wege der Vatikan-Politik hinlegen…

Direktorin Michaela Ehrenstein gibt sich einen elegischen Auftritt als Edel-Konkubine, Ulli Fessl ist eine spitzzüngige Königinmutter, Birgit Wolf (mit S-Fehler und eher hilflos wirkend) alles andere als die berühmte Eleonore von Aquitanien („Der Löwe im Winter“ nicht zu vergessen, Heinrich II. und Eleonore in Gestalt von – wieder! – Peter O’Toole und Katherine Hepburn auf der Kinoleinwand, das ist Power!).

Klaus Haberl und Michael Gert tragen das geistliche Gewand, der Rest des Ensembles absolviert seine Rollen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hat die Freie Bühne Wieden einiges geleistet und wurde vom Premierenpublikum gefeiert. Vielleicht erinnert sich ein großes Haus wieder an Anouilh – oder ist er wirklich hoffnungslos von gestern?

Renate Wagner

 

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