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WIEN/ Die Met im Kino/Cineplexx: MARIA STUARDA

20.01.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Die MET im KINO „MARIA STUARDA“ Cineplexx, Village Cinema, Saal 5; 19.1.2013


Klimax der königlichen Begegnungen im Wald von Fotheringhay zwischen Elisabetta (Elza van den Heever) und Mary (Joyce DiDonato) = MetOpera Ken Howard

 Welcher Wiener Opernfreund dachte da nicht daran, ehe er sich aufmachte ins Kino zur Matinée-Live-TV-Übertragung der Metropolitan Opera, um die zweite der drei Donizetti- „Königinnen“-Oper zu sehen – unsere Oper brauchte sich damals nicht zu verstecken! Gab es doch Aufführungen in zwei Serien, die erste 1985-1989 mit 24 Vorstellungen, wo fast ausschließlich „La Stupenda Gruberova“ und eine entfesselte Agnes Baltsa brillierten, einzig abgelöst in 2 bzw. 7 Vorstellungen, wo Katia Ricciarelli und Mara Zampieri die Titelheldin waren. Am Pult stand dabei zumeist Premieren-Dirigent Adam Fischer sowie 10mal Joan Marin.

 In einer zweiten Serie unter Latham-König von 1992-1996 mit 22 Aufführungen war zwar noch 9mal die Baltsa mit dabei, doch nimmer Gruberova. Es wechselten sich schon in der Titelrolle sowohl Ricciarelli als auch Zampieri ab, außerdem sang 5mal Eliane Coelho die unglückliche schottische Königin und 2mal wagte sich sogar Callas-„Nachfolgerin“ Lucia Aliberti an diese Partie! Jedesmal waren zumeist bedeutende Tenöre das „Objekt der Begierde“ zweier rivalisierender Königinnen um den einen Mann, Roberto Conte di Leicester. Aufgeboten dazu in der 1. Serie und am Zug hauptsächlich Francisco Araiza, später in der nachgefolgten Serie sogar bereits Ramon Vargas.

 Könnte heutzutage die New Yorker Met in Konkurrenz treten mit derartigen Namen oder zeigte es sich nun, dass auch über dem Grossem Teich derzeit nur mit Wasser gekocht wird? Natürlich war man schon im voraus bei der Ankündigung in der gedruckten Saison-Vorschau 2012/13 aller TV-Live-Übertragungen gespannt auf die flamboyante Joyce DiDonato. Sie hatte kürzlich bei einem Promotion-Konzert für ihre CD im Theater an der Wien, betitelt „Drama Queens“, heftig die Reklametrommel gerührt und mit Aplomb gesorgt für dramatische Virtuosität akustisch und im flammendroten Outfit optisch für jegliche königliche Allüre. – Konnte neben einer solchen Ausdrucks-Kanone die als Elisabetta angesetzte junge Met-Debutantin Elza van den Heever reüssieren, in unseren Breiten in Europa doch noch ein rechter no-name? – Man brauchte sich keine Sorgen zu machen, obwohl es schien, als hätte van den Heever ein schmerzhaftes Problem mit den Hüften und müßte dieses überspielen. Die groß gewachsene Südafrikanerin bot auch nicht eben gleich eine immens geläufige Gurgel an, doch punktete sie bereits mit resoluter Kraft und Ausdauer von Physis und Erscheinung und ihrem maskulin betontem Gehaben. Doch des Rätsels Lösung war, der Regisseur beharrte ausdrücklich auf einem breitbeinig ruderndem Gang und wollte alles, „nur keine königliche Eleganz“, wie später im Pausen-Interview bei der eloquenten Moderatorin Deborah Voigt bekannt wurde.

 Das Teamwork für Regie und Kostüme teilten sich die beiden Schotten, David McVicar und John MacFarlane und blieben angenehm traditions-verhaftet in der Bühnen-Optik. Für das 1. Bild, statt dem Schauplatz Westminster Palace befand man sich im Inneren des historischen Globe Theatre, da tummelten sich akrobatische Gaukler und Spassmacher, als sei man beim Fest des Duca di Mantua. Prachtvolle weisse Renaissance-Roben markierten den Hofstaat und ein generelles royales Rot gab es für Regina Elisabetta I. von Kopf bis Fuß, vom üppigen Kopfputz auf ihrer (Perücken-)Lockenpracht bis zu den hüfthohen Stiefeln, wobei ihr der von McVicar anbefohlene Seemannsgang doch recht schräg anmutete; aber egal, sei es drum…

 Trefflich aufreizend ungestüm und biestig verletzt gab sie sich in der Konfrontation mit dem auf falsche Liebe tuenden, unsicheren Kantonisten, Roberto Graf Leicester (Francesco Meli), der schon hörbar über einen typischen Donizetti-tenore-di-grazia hinaus ist. Sein Vorschlag an sie, die so lange eingekerkerte Verwandte, Mary Stuart anläßlich einer Jagd bei Fotheringhay für eine Unterredung zu treffen, mündet bekanntlich in einem hitzigen Duetto des so ungleichen Paares zum Aktschluss, von Maestro Maurizio Benini, recht aufgepeitscht auch weiter im folgenden dramatischen musikalischen Geschehen.

 Den musikdramatischen Siedepunkt, ja die Klimax ergibt erst die arrangierte Begegnung der beiden königlichen Verwandten im 2. Akt. Im Grunde genommen würde man á conto des dunkel getöntem Stimmtyp des Mezzo von Joyce DiDonato gerade bei ihr nicht vermuten, daß ihr die stille Sanftmut der schottischen Maria liegen müßte und ihr so eher zum Rollentausch mit ihrer Sopran-Kontrahentin Elisabetta raten. Doch höre da, bis zu ihrer tief empfundenen finalen Preghiera hin, sie schaffte die Partie außer mit Bravour und geradezu unangestrengten tief empfundenen Engelstönen bis zum Schluß. (Musikologen tippen da auf eine Malibran-Fassung!)

 Wenn zuvor noch im Wald von Fotheringhay sich beide Widersacherinnen gegenüber stehen, erreicht diese ihre Konfrontation ihren Höhepunkt mit den zornig herausgeschleuderten gesprochenen Worten der zutiefst gereizten Mary „…figlia impura di Bolena, parli tu di disonore…“ – bis hin zu „…vil bastarda dal tuo pie…“ Dann kulminiert dieses a u c h in einstiger tatsächlicher historisch spiegelbildlicher Diven-Rivalität auf einer Opernbühne. In Wien gerieten derartige Momente für jeden Seher und Hörer unvergesslich zwischen der Gruberova und der Baltsa, die beiden Gefeierten geiferten sich tatsächlich an wie Frauenzimmer auf dem Fischmarkt. Ein treffliches Beispiel symbolisiert auch an der Met der blutigrote Zwischenvorhang mit dem Abbild eines zornig brüllenden Löwen mit gefletschten Zähnen für England gegenüber dem erregt kampfbereit gespreiztem Wappenvogel für Schottland.

 Aus dem so umfangreichen Rollenverzeichnis der Schiller´schen Vorlage „Maria Stuart“ hat der Librettist Giuseppe Bardardi unzählige Figuren gestrichen für Donizettis dreiaktige Tudor-Oper. Als musikalische Stichwortgeber gibt es nur mehr den Grafen Giorgio Talbot (Matthew Rose), den Schatzmeister Lord Guglielmo Cecil (Joshua Hopkins) sowie Anna Kennedy, Marias Amme. Alle genannten Rollen und deren Träger blieben unauffällig.

 N.S. Wenn ich mir was wünschen könnte, käm´ ich nicht in Verlegenheit! (so frei nach F. Holländer): Ich setz´ den Fall, die Wiener Staatsoper könnte nochmals die damals aus Großbritannien in den Achtziger/Neunziger-Jahren speziell ausgeliehene einfache und praktikable Dekoration der „Maria Stuarda“ bekommen und das Werk neu einstudieren, vielleicht gar mit Netrebko und Garanca, oder aus dem Ensemble besetzt mit Elisabeth Kulman, oder etwa mit DiDonato als Gast in einer der Rollen. Gemeinsam mit der bereits bestehenden prächtigen Neu-Inszenierung von „Anna Bolena“ und dem aus 2000 stammenden, etwas schräg inszenierten „Roberto Devereux“ wäre die Trias von Donizettis tragischen Königinnen-Opern komplettiert und Donizettis Belcanto-Himmel stünde weit weit offen….

 Norbert A. Weinberger

 

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