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WIEN / Café Korb: Steven Schescharegs VON WIEN IN DIE USA

Vom Stillen Zecher zum Quiet Drinker und – manchmal auch - retour

07.09.2020 | Konzert/Liederabende

Steven Scheschareg und Markus Vorzellner. Foto: Manfred A. Schmid

WIEN / Café Korb: Steven Schescharegs Exil-Operette-Programm VON WIEN IN DIE USA

6. September 2020

Von Manfred A. Schmid

Hermann Leopoldi – Urwiener mit jüdischen Wurzeln – gelang es, nach seinem erzwungenen Exiljahren in New York im Nachkriegs-Wien erneut Fuß zu fassen und wieder zum allseits verehrten und beliebten Volkssänger zu werden. In der Emigration schlug er sich mit Auftritten in Lokalen durch, die hauptsächlich von ebenfalls in die USA geflüchteten Landsleuten besucht wurden und in denen er vorzugsweise seine ins Englische übersetzten Lieder vortrug. So wurde „In einem kleinen Café in Hernals“ flugs zu „In a little Café down the Street“ umgedichtet. Aber Leopoldi setzte sich als Komponist – humorvoll – auch mit seinen Herausforderungen in New York auseinander, wovon die Lieder „Ja, da wärs halt gut, wenn ma Englisch könnt“ sowie „Little Erika“ Zeugnis ablegen. Beides Highlights in dem sorgsam zusammengestellten und liebevoll vorgetragenen Programm mit Liedern ausgewanderter österreichischer und aus Altösterreich stammender Komponisten, in dem der amerikanisch-österreichische Bariton Steven Scheschareg von den nicht immer einfachen Lebensumständen in Exil und danach erzählt und wunderbare Beispiele aus ihrem Schaffen bringt. Der als „Exil Operette Programm“ angekündigte Titel ist nicht ganz zutreffend, geht es dabei doch in erster Linie um Wienerlieder.

Nicht allen Emigranten glückte eine Rückkehr und ein Anknüpfen an ihre frühen Erfolge in den 20er und 30er Jahren. Manche, wie Erich Wolfgang Korngold, hier vertreten mit „Sweet Melody of Night“, kehrten enttäuscht in die USA zurück, andere, wie Walter Jurmann, versuchten es gar nicht erst. Fast allen gemeinsam aber ist eine schier unstillbare Liebe zu und Sehnsucht nach Wien, nicht unbedingt zu den Wienern. Man erinnere sich nur an Fritz Kreislers „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“, das in diesem Programm zwar nicht vorkommt, aber dennoch zuweilen mitschwingt. Ralph Benatzky, der musikalische spiritus rector der Erfolgsoperette Im weißen Rössel, schrieb eine sarkastische Bestandaufnahme über seine neue Wirkungsstätte „In Hollywood“ und ein sehnsuchtsvolles „Wiener Lied in New York“. Walter Jurmann steuert „Ein Lied aus meiner Heimat“ bei, Richard Tauber geht der Frage „Warum ist Wien ein Märchen“ nach und Emmerich Kalman beschwört in „One Touch of Vienna“ die Stadt seiner großen Operettenerfolge. Robert Stolz, wie Ralph Benatzky nicht jüdischer Abstammung, sondern aus Überzeugungsgründen ausgewandert, erzählt davon, was es heißt, „Von Wien nimmt man Abschied“, und ist im Programm auch mit seinem von Maurice Chevalier gesungenen Lied „Breath of Scandal“ aus dem gleichnamigen Hollywoodfilm zu hören.

Steven Scheschareg, ein musikalischer Allrounder, auf der Opernbühne ebenso zu Hause wie in den Genres Operette und Musical, bringt diese feinen Zwischentöne zum Klingen, singt voll emotionaler Anteilnahme, aber – wo erforderlich – auch mit ironischem Augenzwinkern, vor allem aber mit Humor und viel Freude. Scheschareg, selbst als Sohn österreichischer Emigranten in Brooklyn aufgewachsen, ist ein Wandler zwischen diesen beiden Welten und mit seinem farbenreichen Bariton ein glänzender wie auch berührender Gestalter dieser Lieder. Angesichts der doch eher beengten räumlichen Verhältnisse des Aufführungsortes wäre es vielleicht wünschenswert gewesen, die Stimme gegebenenfalls etwas zu drosseln. Das ist aber gewiss einfacher gesagt als getan.

Der stärkste Block des Abends im Kunstkeller des Café Korb ist dem Schaffen Fritz Spielmanns gewidmet. Sein herrlich nostalgisches wie auch kritisches „In Wien geht selbst die Straßenbahn zu Fuß“ verdient mehr Bekanntheit, umso dankbarer ist man dem Sänger und Gestalter des Konzerts, dass er auf dieses köstliche Lied aufmerksam gemacht hat. Spielmanns wohl bekanntestes Lied von den „Schinkenfleckerln“, bei denen das Fleisch immer Versteckerln spielt, ist mit „Ham & Noodles!“ zweisprachig zu hören. Für Elvis Presley schrieb er den Hit „My Boy, My Boy“, und das berührende Wienerlied „Wien wird tausendmal schöner“, von Scheschareg ebenfalls zweisprachig dargeboten („Spring Came Back to Vienna“) ist ein ergreifendes Dokument einer versöhnlichen und erwartungsfrohen Sicht auf die einstige Heimatstadt.

Den Abschluss und die vom begeistert applaudierenden Publikum erbetenen Zugaben gestalten Scheschareg und sein schwungvoller pianistischer Begleiter Markus Vorzellner mit Operettenliedern von Paul Abraham. Weitere Termine sind am 25. September im Café Amacord, am 6. Oktober im Theater L.E.O. und am 8. November im Grand Café im Alsergrund. Anmeldung unbedingt erforderlich unter steven@scheschareg.com

 

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