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WIEN / Burgtheater: SCHÖNE BESCHERUNGEN

02.12.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater:
SCHÖNE BESCHERUNGEN von Alan Ayckbourn
Premiere: 1. Dezember 2018

Katastrophen können auf dem Theater ein Riesenspaß – oder leider Katastrophen sein. Da „Schöne Bescherungen“ (das Stück hat übrigens fast 40 Jahre auf dem Buckel) von Alan Aybourn stammt, dem mittlerweile 80jährigen englischen Großmeister der Komödie, sollte man annehmen, dass – halb Weihnacht, halb Fasching – das Vergnügen des Burgtheater-Publikums angepeilt sei.

Aber leider – es inszeniert Barbara Frey, von der man spätestens seit ihrer Labiche-Produktion 2015 weiß, dass sie weder Humor hat noch über ein leichtes Händchen verfügt. Und das braucht man für ein Stück, das einerseits sehr komisch, andererseits wirklich abgründig ist  –  wie die guten Briten am Ende angesichts einer halben Leiche gemütlich Tee trinken, das wirft prächtiges Zwielicht auf diese Spezies Mensch…

Die Situation ist so klassisch, dass man sie zu kennen meint. Weihnachten, und die Familie kommt bei denen zusammen, die den meisten Platz haben. Also erwarten Neville und Belinda seine Schwester Phyllis samt Gatten Bernard, den Onkel Harvey , ihre Schwester Rachel, außerdem noch den ehemaligen Geschäftspartner Eddie mit schwangerer Gattin Pattie, und Ayckbourn war klug genug, die dazu gehörige Kinderschar zwar zu zitieren, aber nicht auf die Bühne zu bringen. Es wäre nicht auszuhalten gewesen, verursachen die Erwachsenen schon Wirbel genug.

Die Frauen sind – einander misstrauisch beäugend – mit Kochen, Baumschmücken und Arbeit beschäftigt, die Männer spielen mit technischen Dingen herum, und einer bereitet (alle anderen rollen enerviert mit den Augen) ein langweiliges Puppentheater vor, der alte Onkel sagt allen die Meinung – und dann kommt noch ein Gast.

Und weil alles so öde und abgeschmackt ist, gerät dieser Clive – obwohl eigentlich nur ein unbedeutender Autor – sofort ins Zentrum des weiblichen Interesses. Eigentlich von der altjüngferlichen Schwester eingeladen, bieten auch die Schwägerin und vor allem die plötzlich enthemmte Hausfrau ihm ihre frustrierten Bedürfnisse dar… Bis am Ende, nachdem man einen Teil des Puppenspiels erleiden musste,  geschossen wird.

Man kann sich vorstellen, wie komisch das – sein könnte. Zumal mit dieser Besetzung, die das Burgtheater da locker hinstreut. Da stört nicht einmal das besonders reizlose Bühnenbild (Bettina Meyer), da nimmt man hin, dass alle (Kostüme: Esther Geremus) optisch ziemlich dümmlich daherkommen. Das ist der heutige Blick auf die Welt. Wenn hier ironisches Slapstick stattfände, wer würde sich beschweren? Aber das ist es nun nicht. Der ganze Abend wirkt schlechtweg schwerfällig. Und das – noch einmal gesagt – trotz der Besetzung.

   
Nicholas Ofczarek / Fabian Krüger 

Natürlich sind nicht alle Rollen gleich gut. Die beste hat vermutlich Fabian Krüger als der Autor Clive, der gar nicht weiß, wie er sich in seiner britischen Höflichkeit, die allem zustimmt, der Anforderungen erwehren soll. Er macht es drollig. Eine Prachtrolle ist auch der lästige Onkel, der sein Puppenspiel mit fundamentalistischem Ernst betreibt – Michael Maertens hat etwas Rührendes, könnte die Figur aber etwas weniger schwerfällig gestalten. Witzig brüllt Falk Rockstroh als der rücksichtslose alte Onkel herum, der zwar nur bei einer Wachgesellschaft angestellt war, sich aber offenbar für einen zackigen Militär hält. Auch der zerdrückte Eddie, der seinem Schicksal nur davon laufen möchte (Tino Hillebrand), ist eine greifbare Figur. Schade, dass der Hausherr, immerhin mit Nicholas Ofczarek besetzt, eigentlich am wenigstens zu melden hat, so intensiv er auch mit seinem Werkzeuggürtel herumhantiert…

   
Dörte Lyssewski / Maria Happel 

Vier Damen, in aufsteigender Reihenfolge: wenig die schwangere, reizbare Pattie (Marie-Luise Stockinger), etwas mehr die an sich durchschnittliche, aber einmal sexuell ausrastende Hausfrau (Katharina Lorenz), auf ihre unverwechselbare, fast zynische Art komisch die Schwester des Hausherrn (Maria Happel) – und als Höhepunkt Dörte Lyssewski als die überdrehte alte Jungfer, die sich den Dichter herholt, um zu merken, dass alle anderen ihn mehr interessieren als sie.

Das ist von Ayckbourn (Qualitätssiegel!), da hätte eine Menge mehr dringesteckt und wäre eine Menge mehr herauszuholen gewesen, als man im Burgtheater sieht. Niemand sage, die Direktion habe nicht gewusst, was sie tut, als sie die Regisseurin wählte. Ach ja – viel Beifall, wie auch nicht. Eine Stadt der differenzierten Premieren-Reaktionen ist Wien wahrlich nicht.

Renate Wagner

 

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