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WIEN / Burgtheater: ROBINSON CRUSOE

07.05.2012 | Theater

 

Ignaz Kirchner / Joachim Meyerhoff     (Fotos: Barbara Zeininger)

WIEN / Burgtheater: 
ROBINSON CRUSOE – PROJEKT EINER INSEL
nach Daniel Defoe
Premiere: 20. April 2012
Besucht wurde die Vorstellung am 7. Mai 2012  

Einer der nach wie vor berühmtesten Romane der Weltliteratur – fälschlich gerne als „Kinderbuch“ betrachtet – erschien 1719, spielt im 17. Jahrhundert und ist eine Überlebensgeschichte und Kulturphilosophie bzw. Kultursatire erster Ordnung: Es ist der „Robinson Crusoe“ des Engländers Daniel Dafoe, den das Burgtheater nun als „Projekt einer Insel“ in den Zuschauerraum des Hauses stellt, wobei es keinerlei Hinweise dafür gibt, wer die Fassung erstellt hat. Vermutlich Regie, Dramaturgie, Schauspieler miteinander. Agiert wurde vor allem aus der Theatersinnlichkeit heraus – ob im Endeffekt etwas wirklich Sinnvolles herausgekommen ist, mag im Auge des Betrachters liegen.

Dass das Ganze von Regisseur Jan Bosse a priori auf „Event“ ausgelegt ist, zeigt schon die ungewöhnliche Situation, mit der man die Besucher konfrontiert: Die Bühne selbst und der vordere Teil des Zuschauerraum sind nun (im Vergleich zu sonst: verkehrt) als Tribünen für die Besucher gestaltet. Robinson spielt inmitten des Zuschauerraums vor den restlichen Sesselreihen, nach und nach auch in den Logen, schwingt sich per Leiter auf den Balkon, kurz, die Burg ist sein Schiff…

Der Abend ist dreiteilig, im ersten erzählt Joachim Meyerhoff, für den dieser Abend Spielwiese seiner (allerdings schon ausführlich bekannten) Virtuosität ist (neue Züge an ihm werden nicht offenbart), in Ich-Form den Robinson des Buches, der schottische Sohn aus wohlhabendem Haus. Dabei figuriert Ignaz Kirchner hier als sein Vater und singt das Hohelied des reichen Großbürgertums als angenehmster Lebensform (womit er vielleicht gar nicht unrecht hat…) Robinson erzählt von seiner Sehnsucht, zur See zu fahren, von den zahlreichen Abenteuern, die er hier erlebt (u.a. gerät er in Sklaverei) – bis zu jenem Schiffbruch, der ihn dann 28 Jahre auf eine Insel verbannt.

Teil 2 beginnt damit, dass man – neben dem Theater an der Wien und der Josefstadt – nun auch im Burgtheater einen splitterfasernackten Mann genießen kann (sofern das ein Genuss ist – als später auch Ignaz Kirchner Anstalten machte, seine Hose auszuziehen, stöhnte eine Dame hinter mir: „Nicht noch einer!“, aber dieser kleidete sich nur in ein Baströckchen). Der nackte Robinson betrachtet das Burgtheater als jenes „Schiff“, mit dessen Hilfe er sein Leben auf der Insel ausstaffiert. Das ist nun der „Happening“-Teil des Stücks, und es schmerzt das Herz, wie hier Stühle aus der Verankerung gerissen, Vorhänge zerfetzt, alle möglichen Bestandteile der Einrichtung grob kaputt gemacht und umgewidmet werden – immerhin, wenn das die Aufgabe des Bühnenbildners (Stéphane Laimé) war, das Burgtheater zu demolieren, so ist es eindrucksvoll gelungen.

Der dritte Teil gilt dann Robinson und Freitag (jetzt kommt Ignaz Kirchner wieder), und das ist ja nun tatsächlich eine für uns psychologisch und soziologisch hochinteressante Geschichte, die „Zähmung“ des Wilden durch den überlegenen Herrenmenschen (im Grunde ist es ja, als Variation, dasselbe, wenn Old Shatterhand seinen Freund Winnetou so großartig belehrt) – da hängt sich Robinson sogar in einer Loge ans Kreuz, um die Überlegenheit des Christentums zu demonstrieren…

 

Dieser Teil des Abends ist dann die ultimative Verarschung und Verblödelung des Geschehens, ob Robinson und Freitag da „High Society“ singen und swingen oder „ich bin Hochkultur“ brüllen, ob Freitag in Frauenkleidern herumalbert oder Robinson mit immer neuen Bärten oder alternativ Kahlköpfen prunkt, hier ist nur noch Blödsinn angesagt, und das auf ziemlich primitiver Ebene.

Wenn man zu den unsäglichen Theaterbesuchern gehört, die immer noch meinen, dass das Gebotene Sinn machen muss, wird man vielleicht mit leeren Händen dastehen. Sicher, ein Virtuosenstück für Joachim Meyerhoff – aber, entschuldigen schon, sooo gut, dass man dies als Selbstzweck rechtfertigen könnte, ist der Abend auch wieder nicht… (Der bei einer 18 Uhr-Vorstellung, gut zwei Wochen nach der Premiere, nicht überwältigend besucht war.)

Renate Wagner

 

 

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