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WIEN / Burgtheater: MEDEA

21.12.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Reinhard Werner/Georg Soulek

WIEN / Burgtheater:
MEDEA Simon Stone nach Euripides
Premiere: 20. Dezember 2018

Die Antike hat sie uns hinterlassen, die großen Figuren, vor allem die Frauen, die Elektra, Antigone, Medea, die alle als Arche- und Protoypen urmenschlicher Probleme gelten. Und entsprechend oft und legitim von nachfolgenden Generationen befragt und in neuen Stücken, in Opern, in Filmen bearbeitet wurden. Autor / Regisseur Simon Stone hat sich nun eine so gänzlich neue „Medea“ ausgedacht, dass die Bezeichnung „nach Euripides“ nicht nötig wäre. Denn seine Medea hat ihre wesentlichste Eigenschaft verloren  – nämlich, „die Fremde“ zu sein, die Ausländerin, die Unerwünschte.

Grillparzer hat in seinem „Goldenen Vlies“ meisterlich den Euripides variiert und den temporären Wert der Königstochter aus Kolchis (zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus) herausgearbeitet: Wenn sie Gold bringt, wenn sie Macht repräsentiert, dann wirbt der Grieche Jason dringlich um sie. Wenn er sie nach Hause mitbringt und sie hier nur noch die „Fremde“ ist (möglicherweise vielleicht sogar farbig!), ohne Besitz und Status, steht sie eigentlich bloß noch peinlich im Weg. Schließlich möchte man unter seinesgleichen heiraten und Karriere machen…

Wenn Medea am Ende ihre beiden Kinder tötet, teils um Jason zu bestrafen, teils, um sie nicht in dieser Welt zu lassen, steht sie zwar immer noch als das mordende Muttermonster da, aber ihre Entwicklung folgt einer glasklaren inneren Logik und hat eine atemberaubende Fallhöhe.

Das hat Simon Stone nicht geschafft oder nicht gewollt. Hier stellt sich Medea alias Anna – einst eine Ärztin, die erfolgreich in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet hat – als die Frau vor, die gerade aus der Psychiatrie kommt. Als sie merkte, dass ihr Mann sie betrügt, hat sie ihm Gift gegeben, wohl dosiert, nur zwecks Übelkeit und Bestrafung, aber man hat das nicht leicht genommen. Psychiatrie oder Gefängnis, standen zur Wahl, beides nicht so gut. Als sie herauskommt, will sie ihr Leben wieder, den Mann, die beiden Söhne, die Arbeit. Aber so läuft es nicht.

Der Gatte hat sich längst neu orientiert – aus König Kreon ist Christopher geworden, sein Chef im Betrieb, Kreusa ist dessen Schwester Clara, beide sorgen dafür, dass Anna, die bitteschön doch kein Aufsehen machen, den Mund halten und verschwinden soll, keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt. Zwei unnütze Nebenfiguren: die Betreuerin und ein Buchhändler, bei dem Anna arbeiten soll (einzig und allein, damit er die Geschichte eines Mannes erzählen kann, dem seine Frau den Schwanz abgeschnitten hat – wie metaphorisch). Und schließlich „Jason“ in Gestalt von Lucas, der Schwächling, der alles will, wie ein Rohr im Wind  zwischen starken Frauen schwankt und am Ende alles verliert…

Spät erst darf diese Anna/Medea aufbrausen, darf sagen, dass sie die wichtigste Frau in der Firma war, bevor der Laborassistent sich zweifellos berechnend an sie herangemacht hat, wie sie sich verliebte, seine Kinder bekam, ihm ihre Forschungsergebnisse für seine Karriere überließ – um dann zu erkennen, dass er mit anderen schläft, ihre Leistungen nicht anerkennt, sie liebend gern loswerden möchte.

Bloß – das ist eine Alltagsgeschichte, nicht überlebensgroß. Das passiert zu vielen Frauen, als dass man sich vorstellen möchte, jede ermordet die Rivalin, die eigenen Kinder und tötet in diesem Fall auch sich selbst… die Welt versänke in Blut. Für die Medea des Simon Stone gibt es nur eine profane Erklärung: Sie ist psychisch krank. Wie es vermutlich Stones Vorbild für sein Stück war, die amerikanische Ärztin Debora Green, die nach ihrer Scheidung ihr Haus in Brand setzte und dabei ihre drei Kinder tötete… der tragische Einzelfall, auf den sich die einst wirklich große Tragödie in unserer Welt offenbar reduziert und die zeigt, dass es nicht so eindrucksvoll ist, Zeitungsberichte zu plündern.

Anna / Medea als schwer gestört zu begreifen, funktioniert auch nicht wirklich in diesem Stück, das aus einer eineinhalbstündigen lockeren Szenenfolge besteht. Hauptdarstellerin Caroline Peters, deren sich im Moment geradezu ballender Ruhm voll berechtigt ist, muss sich gewaltsam anstrengen, um ihre gewissermaßen ganz normal verzweifelnde Anna, die mit Klauen und Zähnen um ihren schwankenden Mann kämpft, so weit zu treiben, dass man ihr auch nur glaubt, der Rivalin und deren Bruder das Messer in den Leib zu treiben. Und sich dann per Gift mit ihren Kindern gemeinsam in den Tod hinein zu schlafen. So stark sie ist im Aufbegehren, das geht zu weit. Und der Schwächling Mann, um den es geht, könnte in seiner Schwäche weit stärker profiliert werden, als Steven Scharf es tut…

Mavie Hörbiger sprüht blässlich ein wenig weibliche Bosheit, Irina Sulaver, Christoph Luser und Falk Rockstroh sind kaum vorhanden, die beiden Söhne mehr (so um 10, 12 Jahre alt – Kinderdarsteller!, was immer ein Risiko für eine Theatervorstellung bedeutet). Wenzel Witura (Edgar) und Lucas MacGregor (Georg) agieren allerdings mit bemerkenswerter Glaubwürdigkeit..

Man hat Simon Stone seine „Überschreibungen“ von Klassikern vorgeworfen (und Ibsens „Borkman“ ist in Wien zwar bejubelt worden, aber mehr Kunststück als Kunstwerk gewesen) – in diesem Fall ist es einfach sein eigenes Werk, und ein in Szenenführung und Psychologie eher dürftiges dazu, das er als Regisseur retten sollte. Er tut es mit Ausnahme der Schauspielerführung kaum, lässt alles Szenische diffus. Bob Cousins, Stone durch lange Zusammenarbeit verbunden, schuf die gänzlich „weiße“ Bühne, die für die Augen ein wenig irritierend wirkt. Am Anfang sieht man in einer vollbreiten Leinwand in luftigen Höhen Caroline Peters, die vergleichsweise klein auf der Bühne agiert, wie im Kino in riesiger Nahaufnahme auf einer Videoleinwand. Später wird diese nur noch selten gebraucht, ganz am Ende bekommt man die tote „Medea Gruppe“ noch einmal in der Vogelperspektive. Die unauffällig gekleideten Darsteller (Kostüme: An D’Huys, Fauve Ryckebusch – zwei Verantwortliche für gar nichts) bekommen am Ende anstelle des Schnees, mit dem Stone im „Borkman“ so genervt hat, nun „schwarzen Schnee“, sprich Asche: Das Symbol des Todes…

Natürlich war das Ganze immer wieder eindrucksvoll, aber doch eigentlich in Grenzen. Viel Jubel von Seiten des Publikums, aber zu den wichtigen „Medea“-Versionen wird man Stones Stück sicher nicht zählen.

Renate Wagner

 

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