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WIEN / Burgtheater-Kasino: CALIGULA

18.05.2012 | Allgemein, Theater

WIEN / Kasino des Burgtheaters: 
CALIGULA von Albert Camus
Premiere: 17. Mai 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 18. Mai 2012  

Von „Freiheit“ schwärmen doch alle, aber ein Philosoph, ein Existenzialist wie Albert Camus dachte den Begriff weiter. Roms wahrlich fürchterlicher Kaiser Caligula wurde ihm zum Exponent der absoluten Freiheit, wie sie absolute Macht mit sich bringt, und die nur im absoluten Grauen enden kann. Als Camus das Stück 1938 begann, mag ihn dieser Kaiser noch als psychologisches Problem interessiert haben – der mit Menschen (und sich selbst) experimentiert. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs war ein Werk daraus geworden, das sich so interpretieren lässt, wie Jan Lauwers es jetzt im Kasino des Burgtheaters tut: als die Geschichte blanken Terrors, brutaler Willkür – und der erschreckenden Erkenntnis, was der um sein Leben bangende Mensch alles zu tun und zu erleiden bereit ist…

Lauwers bietet diesmal, und das war noch nicht da, entschieden mehr Burgtheater als seine Needcompany, die am Haus mit ihren Eigenproduktionen ja Heimatrecht genießt. Er hat nur zwei seiner Schauspieler mitgebracht, Hans Petter Dahl und Anneke Bonnema, die er zur Gattin des Patriziers Lepidus gemacht hat: An ihr lässt sich ein Akt brutalster Gewalt festmachen, als Caligula sie zwingt, mit einem Pferd zu kopulieren. Sie hat auch meist eine Videokamera dabei, die durchs Geschehen wackelt und deren mehr oder minder deutliche Bilder auf Bildschirme projiziert werden. Für die Handlung bringen sie nichts, und langsam ist dieser „Video“-Teil heutiger Regiearbeiten ein Klischee, auf das man – sinnentleert, wie es ist – gerne verzichten könnte. Selbst wenn die Kamera nach der Vergewaltigung zwischen die Beine der Dame fährt.

Caligula also, der Camus immer noch fasziniert hat, als einer, der wissen will, was machbar ist in diesem Leben – dieses gewissermaßen höhere Interesse bringt Darsteller Cornelius Obonya im goldenen Anzug nicht mit. Er ist nun auch kein ätherisch-zerebraler Typ (Gerard Philippe in der Uraufführung hätte man gerne gesehen!), sondern ein Mann, dessen Kraft sich hier in blanken Sadismus, in genossene Gemeinheit und Niedrigkeit umsetzt. Keiner, der selbst leidet, sondern einer, der nur ein Täter ist. Jan Lauwers lässt ihn um einen langen Esstisch, der sich im Zentrum des Geschehen befindet (der Regisseur sorgte auch für seine Ausstattung), herumtoben: Übertrieben differenziert wird das nicht. Das Verständnis, das Camus einigen der Mitspieler von Caligulas Wahn mitgegeben hat, kann der Theaterbesucher nicht aufbringen.

  
Cornelius Obonya                                                          Maria Happel

Eher begreift man noch die anderen, wenn es auch bei jenen, die Caligula wirklich anhängen, nicht leicht ist: Doch Maria Happel macht die leidenschaftliche und dabei angesichts der Verbrechen eiskalte Komplizenschaft der Caesonia wirklich transparent (und man ist froh, ihr Können wieder einmal so anspruchsvoll und nicht bloß wie sonst humoristisch gefordert zu finden), und Hermann Scheidleder als Helicon bringt die blinde Nibelungentreue des Dieners, der sich vor der Gewalt sicher glaubt und in einer Stelle in einen Abgrund des Entsetzens stürzt. Das ist irgendetwas zwischen erschütternd – und lächerlich in seiner Dummheit.

Falk Rockstroh als Lepidus, Hans Petter Dahl als Scipio, André Meyer als Cherea, Nicolas Field als Metellus (auch für die eindrucksvolle „Klanginstallation“ zuständig, die sich „The Shimmering Beast“ nennt und aus Schlagzeugbecken besteht, die eine Bühnenwand bilden) bringen Variationen menschlichen Verhaltens angesichts von Terror und Angst, und es ist klar, dass man dies nicht allein auf  Hitler und Stalin zurückwerfen kann: Das gibt es, in verschiedenen Formen und Abstufungen, in unserer Welt vielfach auch, am blutigsten und letalsten in den Kriegen, das alles ist nicht so fern.

Und darum beschwört Jan Lauwers in seiner durchaus exzentrisch-brutalen, von Psychoterror virbrierenden  Aufführung, wo nicht nur Geschirr durch die Gegend geschmissen wird, ein ausgestopftes Pferd mitspielt und viel Blut verspritzt wird, Situationen und auch Ängste, die man – wenn schon nicht aus erster, so doch aus zweiter Hand – zu kennen meint, und das macht den alten Camus so dicht und so heutig. Aber gute Nerven braucht man stellenweise für diesen Theaterabend schon.

Renate Wagner

 

 

 

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