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WIEN / Burgtheater: HEDDA GABLER (aus München)

08.04.2016 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Residenztheatr /Hans Jörg Michel

WIEN / Burgtheater: 
HEDDA GABLER von Henrik Ibsen
Gastspiel des Residenztheaters München
7.
April 2016

Wenn Birgit Minichmayr gewollt hätte, könnte sie seit Jahr und Tag unangefochten die „First Lady“ des Burgtheaters sein. Aber sie ist ein zu bunter Vogel, zu unruhig und zu neugierig, um sich einsperren zu lassen, und ist immer wieder zu künstlerischen Abenteuern aufgebrochen, sei es zu Castorf nach Berlin, sei es zu Kušej nach München.

Nun, da sie wieder einmal in Wien an der Burg ist (sie darf das Haus schließlich auch in der Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ beim Berliner Theatertreffen mit vertreten), ergab sich die glückliche Möglichkeit einen Abend als Gastspiel hierher zu bringen, der im Oktober 2012 am Münchner Residenztheater Aufsehen erregt hat. Auch Ibsen, die „Hedda Gabler“, inszeniert von Martin Kušej.

Transportieren lässt sich die Aufführung leicht, da das Bühnenbild von Annette Murschetz ohnedies nur eine Andeutung von Räumlichkeit ist – die zwei pausenlosen Stunden spielen in der Leere, links eine Wand mit großer Tür, rechts im Hintergrund ein paar Stühle, alle Darsteller stehen die meiste Zeit, nur ausnahmsweise wird mal ein Sessel herbeigeholt, einmal brennt für lange Zeit im Hintergrund ein großes Feuer. Kompletter Minimalismus, der nur durch die Kraft der Schauspieler gefüllt wird, dabei aber auch die Leere, die Ibsen gerade in diesem Stück reflektiert, behandelt.

Immerhin sind die Kostüme von Heide Kastler andeutungsweise historisierend – hier braucht’s keine Handys… endlich einmal. (Man merkt allerdings, dass das Münchner Haus doch um einiges kleiner ist als das Burgtheater – denn die Schauspieler können sich mit dem Einsatz ihrer üblichen stimmlichen Mittel, da sie andere Dimensionen gewöhnt sind, nicht immer durchsetzen.)

Die „Hedda Gabler“, die übrigens 1891 in München uraufgeführt wurde, im Hoftheater, dem das heutige „Resi“ einigermaßen entsprechen mag, ist wie bei Ibsen so oft ein klassischer Vierakter, in dem eine überreich ausgestattete Villa (die sich Heddas Gatte Jørgen Tesman eigentlich nicht leisten kann) dramaturgisch mitspielen würde. Nicht so bei Martin Kušej, der auch einen Großteil des „sozialen Ambientes“ des Stücks gestrichen hat wie vieles andere auch (die Erklärung des Hochmuts der Generalstochter, den romantischen Dichter „mit Weinlaub im Haar“…). Er will es so spröde, so trocken, so kalt, so leblos wie möglich. Als hätte die seelenlose Titelheldin die ganze Welt um sich vergiftet… Die Akte werden zerbrochen, Szenen komprimiert, durch harte Dunkelpausen getrennt. Jener Realismus, der mit den Stücken des 19. Jahrhunderts Hand in Hand geht, ist verabschiedet. Man braucht ihn eigentlich auch nicht, um zum Kern des von Ibsen Gezeigten vorzudringen.

Hedda Gabler ist wohl eine der erstaunlichsten, weil negativsten Heldinnen der Weltliteratur. Unzufrieden mit ihrem Schicksal, rücksichtslos abwehrend gegen ihre Umwelt, sinnentleert und gelangweilt steht die Generalstochter, die „unter ihrem Stand“ einen mittelmäßigen Wissenschaftler geheiratet hat, vor dem Publikum. Weiß wie eine Wachsfigur ist die Hedda der Birgit Minichmayr, so unbeteiligt an allem, was um sie vorgeht, dass sie schlafzuwandeln scheint.

Hedda_05 sie mit Pistole

Als eine „schöne Leiche“ analysiert das Programmheft diese Figur – man hat selten eine ähnliche gesehen. Sie wird nicht einmal „lebendig“, wenn sie einmal die Initiative ergreift –  dann aber nur zur zerstörerischen Tat, jemanden in den Tod zu treiben. Birgit Minichmayr, auch körperlich oft wie verbogen, drückt den einzigen Krampf aus, leben zu müssen, spiegelt die Qual derer, die ohne Empathie nur sich selbst umkreisen. Nicht dass diese Sonnambula „sympathisch“ wäre und einem leid täte, dazu blitzt zu viel stille Tücke auf, wenn sie etwa der einstigen Schulkollegin gegenübersteht, die nun jenen Mann „besitzt“, der einst Heddas Liebhaber war (und der darum nun sterben muss). Aber auch wenn sie vernichtet, steigert die Minichmayr kaum ihren darstellerischen Aufwand. Alles kommt aus bleicher Stille… Nur am Ende, wenn alles nicht so gekommen ist, wie sie es sich vorgestellt hat, scheint sie in Wut, Enttäuschung und Empörung kurz (und auch nicht sonderlich laut) aufzuwachen, um dann die einzige mögliche Konsequenz  zu ziehen: Sie bringt sich um…

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Bei Ibsen zeigt die Anfangsszene zwischen dem „Tantchen“ und Heddas Gatten Tesman eine Art bürgerliche Behaglichkeit, die nicht wirklich in Frage gestellt wird, weil sie ja auch als Kontrast zu Heddas Kälte aufgebaut wurde. Bei Kušej ist schon die Tante der Barbara de Koy von einiger negativer Hintergründigkeit und der Ehemann (Norman Hacker) geradezu erstarrt in seiner Hilflosigkeit seiner Frau gegenüber. Man nimmt es fast als Erholung, wenn mit der Frau Elvsted der Hanna Scheibe ein „echter“ Mensch auftritt, eine Frau aus Fleisch und Blut und mit Gefühlen. Auch Oliver Nägele als Richter Brack, so zurückhaltend er vom Inszenierungskonzept her er sein muss, lässt (vor allem am Ende, wenn er Hedda erpresst) den vitalen Menschen nicht vermissen.

Aber Heddas wahrer Gegenspieler ist Ejlert Løvborg, der Mann, den sie fast vernichtet hat, der sich erfangen konnte (mit Hilfe der anderen Frau) und dem dies nicht verziehen wird: Doch selbst bei ihrem Vernichtungsfeldzug gegen einen wahrlich schillernden Sebastian Blomberg zuckt Birgit Minichmayr kaum mit einer Wimper… Sie ist das unheimliche, stille, leblose Zentrum eines Totentanzes, der sich fast stilisiert-choreographisch um sie herum bewegt und Ibsen vom Realisten wegholt und den Absurden annähert.

Das Burgtheaterpublikum zeigte sich beeindruckt, feierte die Gäste (Kušej verneigte sich mit) und an der Spitze natürlich „seine“ Minichmayr.

Renate Wagner

 

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