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WIEN / Burgtheater: ENDSTATION SEHNSUCHT

29.01.2012 | Theater

 

Nicholas Ofczarek /  Dörte Lyssewski  (Fotos: Barbara Zeininger) 

WIEN / Burgtheater:
ENDSTATION SEHNSUCHT von Tennessee Williams
Premiere: 28. Jänner 2012 

Sie ist dahin, die Hoffnung, dass die Werke von Tennessee Williams etwas von ihrem morbid-fragilen Zauber bewahrt haben mögen, den Geschöpfe wie Blanche Dubois einst ausgestrahlt haben. Der Verdacht bestand immer, dass  Williams – wie O’Neill, wie Miller – eine brillante Zeiterscheinung war, aber nicht für die Dauer gedacht. Der Untergang der amerikanischen Südstaaten und ihre Konfrontation mit einem neuen, brutalen Amerika der Einwanderer ist heute nicht nur historisch, sondern als Thema abgearbeitet – und wenn es schon sein muss, dann sieht man sich alle paar Jahre wieder einmal „Vom Winde verweht“ an, wo die Geschichte des sterbenden Südens mit schier unsterblicher Vitalität aufgearbeitet ist.

In Wien wird Williams zu Recht kaum noch gespielt, die „Endstation Sehnsucht“ war vor exakt zwei Jahrzehnten im Volkstheater zu sehen (mit Krista Stadler und der mittlerweile verstorbenen  Gundula Rapsch), und die nunmehrige Aufführung im Burgtheater gleicht dem Begräbnis des Stücks. Allerdings ist da einiges schuldhaftes Verhalten von Regisseur Dieter Giesing zu vermelden, der meinte, man könne die Geschichte aus ihrem Biotop herauslösen – aber dann bleibt gar nichts mehr davon übrig. Das Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann mag glatt, schief, billig wirkend (zweifellos ein wenig von den seelenlosen Bildern Edward Hoppers inspiriert) zwar eine Proletarierwohnung ohne  Eigenschaften darstellen, aber die Konfrontation von Menschen, die einst als „Herrschaft“ in Südstaaten-Plantagen lebten (und ihren ganzen Hochmut, aber auch ihren Stil in ihre neue Armut mitgenommen haben), und den selbstzufriedenen Einwanderern, die ihre Existenz zwischen Arbeit und etwas Geld, Alkohol und Sex gar nicht weiter hinterfragen, bleibt hier ganz aus.

Dieter Giesings Inszenierung entzieht sich jeder fassbaren Interpretation. Sie scheint „vom Blatt“ heruntergespielt, enthält aber wesentliche Verzerrungen der  Figuren, die so, wie sie präsentiert werden, psychologisch einfach nicht stimmen. Tatsächlich sieht man streckenweise pathetisches Gesülze, wie man es nicht für möglich halten will, vor allem aber bleiben alle Beteiligten ohne weitere Überzeugungskraft. Dass in Blanche und Stanley Kowalski kulturelle Gegensätze walten, wird in dieser dreieinviertelstündigen, mühsam dahingewalzten Aufführung so wenig klar wie die Situation der Stella, Schwester von Blanche und Gattin von Stanley, die hier von mehr zerrissen und zerrieben werden müsste als von nur ein bisschen Schwesternliebe und erotischer Anziehungskraft durch den Bullen-Gatten.

Sicher, Dörte Lyssewski liefert als Blanche wieder einmal ein Über-Drüber-Virtuosenstück, wie sie es so besonders gut kann, aber es läuft völlig leer: Man hat kein Mitleid mit dieser Frau, sie ist kein gebrochener Mensch, sondern nur eine stellenweise geradezu widerliche Nervensäge, die man sich selbst auch am liebsten vom Halse schaffte. Dass sie aus einer Situation der  Schwäche heraus einen faszinierenden Überlebenskampf liefert und ihre Lebenslügen bedauernswert verteidigt – nichts davon. Aber alle Tricks und Kunststücke einer Könnerin, die sich total hingibt, bis ins Mini-Höschen und den Mini-BH, ihre Figur ebenso ausstellend wie den manierierten Gesichtsausdruck unter den künstlichen Locken, nützen nichts: So war die Blanche nicht gemeint, und wenn man sie so spielt, trägt sie kein Stück.

Noch totaler ist der Ausfall ihrer Schwester Stella, die als Figur mindestens ebenso interessant ist, von zwei Seiten seelisch attackiert, von starken Gefühlen getrieben, zu einer brutalen Entscheidung getrieben. Katharina Lorenz steht, meist in kurzen Höschen, wie bewegungslos auf der Bühne, lässt nie spüren, was in ihr vorgeht, entfaltet weder Gefühle noch Persönlichkeit.

Dass das Burgtheater für den „Killer Kowalski“ in dem massigen Nicholas Ofczarek eine Idealbesetzung haben würde, schien festzustehen, aber in der Bühnenrealität beschränkte es sich auf die Optik. So wie die anderen drang auch Ofczarek (trotz des Versuchs, gelegentlich wie ein Tier „aufzuheulen“) nicht in die Tiefen der Figur vor, lieferte sich mit Blanche kein wahres Duell, blieb sogar die glaubhafte Brutalität schuldig. Nun, wenn ein Regisseur die Vergewaltigungsszene so inszeniert, dass er sein Opfer fast sanft aufs Bett legt und dann Geigenmusik aufrauscht und das Licht verlischt…

Richtige Figuren hätten etwa Dietmar König als Mitch oder auch Petra Morzé als Eunice auf die Bühne gebracht, aber dazu hätten sie eine richtige Inszenierung gebraucht. Die war es nicht.

Der Applaus jedoch war – muss man es extra erwähnen? – wie immer im Burgtheater lautstark. Oder meinte das Publikum wirklich, eine quälend langweilige Aufführung wie diese, die sich affektiert gibt, sei auch eine wirklich gute, die entweder dem Stück gerecht wird oder in einer neuen Sicht neue Aspekte entdeckt? Mitnichten!

Renate Wagner

 

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