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WIEN / Burgtheater: ELEKTRA

25.10.2012 | Theater

WIEN / Burgtheater: 
ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal
Premiere: 25. Oktober 2012 

„Elektra“ ohne die Musik von Richard Strauss? Für Opernfreunde undenkbar. Und für Theaterfreunde stets eine zweifelhafte Angelegenheit. Edith Clevers „Schaubühnen“-Inszenierung vor einem Dutzend Jahren wurde deklamiert und pathetisch am Boden gewälzt. Joachim Schlömer bot 2003 im Kasino des Burgtheaters viel rhythmische Gymnastik bei ausgespuckter Raserei. Ja, wie packt man Hugo von Hofmannsthals Paraphrase des großen antiken Themas von Hass und Rache an? Denn in ihm„blühte“ der Jugendstil auch in einer ornamental-pathetischen Sprache, die sich dann so prächtig komponieren ließ, deren „gesprochene“ Möglichkeiten als Text zwischen Psychologie und hehrem Gleichnis allerdings ein inszenatorisches Problem ersten Ranges darstellen.

Regisseur Michael Thalheimer war sich all dessen wohl bewusst. Hofmannsthals Ur-Stück hat zwar weniger Personen als seine Libretto-Fassung für Richard Strauss, aber doch noch einiges Personal am Hof der Atriden (wobei das Stück an sich im Hof spielt). Thalheimer, der auf 80 pausenlose Minuten holzte, verengte das  Geschehen auf die fünf entscheidenden „Familien“-Figuren: Elektra, ihre Schwester Chrysothemis, ihre Mutter Klytämnestra, der Bruder Orest, der verhasste Stiefvater Ägisth. Tatsächlich braucht es nicht viel mehr, um das zu fokusieren, was das Stück erzählt.

Dabei lässt der Regisseur Hofmannsthals Sprache Sprache sein – man könnte sie auch nur mit hohem Verlust realistisch herunternuscheln, und Thalheimer verlangt es nicht. Sie wird gesprochen, manchmal sogar in ihrer ganzen vollen Bombastik. Trotz der Striche ist noch genügend Sprachgewächs vorhanden, das den „Dichter“ hervorkehrt und den Darstellern das Leben schwer macht.

Kurz, ginge man mit dieser Sprache, mit diesen fünf Akteuren „normal“ auf irgendeine große Bühne, sie könnte auch leer sein, es gäbe einiges pathetische Gesülze, und man fragte sich wohl, was es eigentlich soll. Denn dass Elektras lebensverzehrender Hass ein so aktuelles Thema sein sollte – da müsste man sie wohl in andere ideologische Milieus versetzen, wo noch die großen Gefühle herrschen, nicht in unsere labrige Gutmenschen-Erste-Welt, wo man ja politisch korrekt dergleichen überhaupt nicht empfinden darf. Aber nein – Elektra im hellblauen langen Kleidchen, Chrysothemis rosa in kurz, Klytämnestra lang und bauschig in Schwarz (Kostüme: Katrin Lea Tag), da hat man keine Übersetzung in andere Welten angedacht.

Und trotzdem funktioniert der Abend des Burgtheaters auf der formalen Ebene. Bühnenbildner Olaf Altmann hat für Thalheimer eine Lösung gefunden, die den Regisseur und die Darsteller technisch vor ungeheure Schwierigkeiten gestellt hat, die aber ein „Bild“ zaubert, das man vermutlich kaum vergessen wird. Man tut sich nur schwer, es zu benennen. Was ist das? Die Bühne des Hauses ist eine riesige Wand – und in der Mitte, geschätzt zwei Meter über dem Boden hängt ein leicht schräger Schacht, maximal einen Meter breit, würde man einmal schätzen, also sehr schmal und sehr hoch. Darin befindet sich beklemmend beengt Elektra – die ganze Zeit. Ihr Gefängnis, äußerlich und innerlich? Ihr „Aufzug“ in die Hölle?

Eingesperrt sind sie auf diese Art und Weise alle, kleben in den Zweier-Szenen (es gibt hier nur solche) nicht nur eng aufeinander, müssen sich auch schlangenartig an einander vorbeiwinden, pressen sich aufeinander, fliehen einander, kurz, Elektra und die anderen, das ist eine grauenvolle Nähe, das ist Sartre, die Hölle sind die anderen. Und es  ist jedenfalls ein inszenatorisches Kunststück, das versucht, seine selbst gewählte Form in symbolisierenden Inhalt umzusetzen.

Da steht, kniet, hockt, liegt sie also wahlweise, stets verrenkt oder gekrümmt: Christiane von Poelnitz, verbürgte Power-Frau des Ensembles, strähniges Haar, grotesk geschminkt (wie alle anderen auch), deklamierend, maulend, mal kleines Mädchen spielend, mal erstarrter Zombie mit seltsam verzerrter Miene. Kennt man die Elektra-Nuancen der großen Sängerinnen unserer Zeit, dann fehlt ihrer Elektra in der Szene mit der Mutter einiges an Tücke und Hinterfotzigkeit, Bösartigkeit und Häme, in den Szenen mit der Schwester etwas von ihrer Wut auf deren weiblich-bürgerlichen Ansprüche ans Leben. Aber die Poelnitz ist, wie sie ist, Elektra trägt ein schreckliches Schicksal, und das hat man vor sich.

 Poelnitz, Striebeck (Fotos: Barbara Zeininger)

Niemand sage, dass Catrin Striebeck keine Power-Frau sei, sie passt als Persönlichkeit sogar sehr gut zu dieser Tochter, da fehden sich zwei Titaninnen an. Der Regisseur gibt ihr allerdings einen Zug zur Weichheit, der ihr schlecht passen will, wenn sie am Ende des Zwiegesprächs, statt wutentbrannt abzurauschen (das Abrauschen würde in dem engen Schacht ohnedies nicht gelingen), die Tochter liebevoll und andächtig auf die Augen küsst. (Allerdings wird einem fast schlecht, dabei zuzusehen…)

Adina Vetter ist mit der Verzweiflung der Chrysothemis in der ersten Szene ebenso überzeugend wie mit dem Triumph, den sie am Ende blutbeschmiert empfindet, wenn Bruder Orest ihre Probleme gelöst hat (selbst Hand anzulegen, da hat sie sich doch sehr entschlossen geweigert).

Wie dieser Orest allerdings zum Rächer geworden sein soll – da gibt uns Michael Thalheimer doch ein Rätsel auf. Denn nicht nur ist der „rächende Held“ mit Tilo Nest unverhohlen ältlich besetzt, er erscheint auch in Unterhosen, was unweigerlich lächerlich wirkt, und man hatte eigentlich sonst nicht das Gefühl, dass der Regisseur das Stück preisgeben wollte… Der Auftritt von Falk Rockstroh als Ägisth ist minimal und zeigt hilfloses Rasen.

Erst als die Meldung vom Tod der Mutter und des Stiefvaters kommt, lässt sich Elektra aus ihrem Schacht hinunter zum Bühnenboden, den im übrigen das ganze Stück hindurch niemand betreten hat. Keine Frage, dass es ihren berühmten Tanz nicht gibt – so, wie sie sich mit seitlich geneigtem Kopf wie eine Gehenkte hinstellt, ist sie wohl auch am Ende „tot“ gedacht, allerdings ohne ihren „Triumph“. Und Chrysothemis flüstert, wie wir es auch aus der Oper kennen, ihr „Orest“… Dunkelheit (Vorhänge gibt es ja nicht mehr).

War es nur ein formales Kunststück? Eher doch. Denn was uns diese Hassorgie, die uns mit Hilfe der Musik immer so mühelos erreicht, auf dem Theater sagen soll, ist schwer nachzuvollziehen, zumal in dieser minimalistischen, ganz auf Symbolaktion reduzierten Fassung, wo die „Menschen“ nur von Zeit zu Zeit hervorschimmern. Es gab widerspruchslosen Applaus, besonders enthusiastisch hörte er sich nicht an.

Renate Wagner

 

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