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WIEN / Burgtheater: EINE MITTSOMMERNACHTS-SEX-KOMÖDIE

01.01.2012 | Theater

WIEN / Burgtheater:
EINE MITTSOMMERNACHTS-SEX-KOMÖDIE von Woody Allen
Premiere: 31. Dezember 2011,
besucht wurde die Generalprobe

Nein, Matthias Hartmann ist kein Quäler. Er lässt vielleicht zu, dass andere Autoren und Regisseure sein Publikum ärgern, langweilen, veräppeln, sekkieren, ja schmerzlich quälen, aber er selbst tut es nicht, und dafür sei ihm Dank. Er weiß sogar, dass Heiterkeit von Zeit zu Zeit sein soll und muss, und schon zum zweiten Mal setzt er eine diesbezügliche Silvesterpremiere an. Im Vorjahr hat er Schillers „Parasiten“ ja noch auf den Zeitgeist umgemünzt und unserer Gesellschaft lachend ein paar ungemütliche Wahrheiten gesagt. Heuer geht es „nur“ um die Liebe, die zwar auch kompliziert ist, vielleicht sogar weh tut, aber wenn Woody Allen darüber nachsinnt, darf man auf jeden Fall lachen.

Tatsache ist, dass Allens Filme (alle nach eigenen Drehbüchern) durch die Jahrzehnte qualitativ eine Achterbahnfahrt darstellten, was den Filmkritikern schon manches Kopfzerbrechen bereitet hat: Warum kann er einmal so genial sein und dann wieder so trivial? Nun, „A Midsummer Night’s Sex Comedy“ von 1982 rangierte unter seinen Filmen nie ganz oben, im Gegenteil, eher im unteren Mittelfeld oder noch tiefer. Dennoch– Woody weiß alles über das, was sich gemeiniglich „Liebe“ nennt, über die Sehnsüchte und Ängste, die Missverständnisse und unverhohlenen Begierden, die versäumten Gelegenheiten und die schalen Erfüllungen, das heillose Durcheinander der Gefühle, dass man zu Anfang, in der Mitte und am Ende selber nicht weiß, was man will und empfindet…

Aber man hat ihm die Paraphrase des Shakespeare-Stücks nicht ganz abgenommen, obwohl er für sich und seine damalige Muse Mia Farrow köstliche Rollen geschrieben hat. Doch die Geschichte der drei Paare in einem Landhaus mitten in der Natur ist keinesfalls ohne Reiz, wenn dann die Männer, je nach Temperament, jedenfalls immer eine andere Frau mit lüsternen Augen betrachten als jene, die eigentlich an ihrer Seite ist. Ein Quiproquo, wie man auf gut Wienerisch sagt.

Da sind die Besucher – der Arzt als Sex-Protz, der Professor als Geistes-Protz, dazwischen Woodys Figur, Börsenmakler und Erfinder, der mit gar nichts protzen kann, weil er wie üblich damit beschäftigt ist, über die eigenen Beine, Wünsche und Worte zu stolpern. Schon Shakespeare hat vorgegeben, dass alle Männer im Zauberwald sich plötzlich auf eine einzige Frau, Helena, einschießen… in diesem Fall auf eine Schöne, die den Namen „Ariel“ erhält und ein wahrlich männermordender Luftgeist ist. Schon um Sunnyi Melles in dieser Rolle zu sehen, lohnt sich der ganze Abend.

Die Melles ist Elfenwesen und Nymphomanin zugleich, hintergründig schmachtend und dabei von einer Aura der Ironie umduftet, man kann sich gar nicht sattsehen an ihren raffinierten Details. In der Woody-Allen-Rolle tut Michael Maertens gar nichts, das Vorbild auch nur annähernd zu kopieren, und das ist gut so, denn sein persönlicher Witz füllt die Rolle völlig aus.

Roland Koch als aufgplusterter Verführer und Martin Schwab als alter Geilspecht hecheln hinter den Frauen her, voran hinter der Melles, aber auch die restlichen Damen können sich ausreichend entfalten: Dorothee Hartinger holt alles aus ihren sexuellen Nöten, und Esmée Liliane Amuat ist wirklich ein begehrenswertes junges Stück Frau, das sich durchaus nicht gebrauchen lässt, sondern selbst weiß, was sie will.

Der Abend atmet Nostalgie, Weltfremdheit, sanfte Surrealität, schwebende Esoterik und köstliche Skurrilität, wenn der „Erfinder“ per Fahrrad in die Lüfte geht und die Geister des Waldes beschworen werden. Man ist abgehoben von der heutigen Welt, nicht nur in den Kostümen (Tina Kloempken schuf wehende Kleidchen, weiße Anzüge). Es gibt kein Handy, keinen Laptop, auch keine öden Zeitgeistgespräche über Essen, Mode, Reisen oder den Dow Jones. Nur Sex – ja, der wird verbal und und auch handgreiflich gedreht und gewendet.

Und schließlich trägt noch jemand entscheidend zum Erfolg bei: der Wald. Einen solchen, wie Stéphane Laimé ihn schuf, hat man kaum je gesehen. So stellt man sich den legendären Wald vor, den Max Reinhardt 1905 im Neuen Theater in Berlin für seine „Sommernachtstraum“-Aufführung auf die Bühne gestellt hatte, so dass es dann abends hieß: „Jetzt dreht sich bei Reinhardt der Wald“. Im Burgtheater dreht er sich nicht, sondern schiebt sich über die Bühne, aber er ist von einer Dichtheit und stupenden „Echtheit“, einladend und bedrohlich zugleich, dass man hingerissen weiß, worum es in diesem Zauberwald geht: um ein Märchen. Schließlich schwebt am Ende ja regelrecht ein Geist über dem Zuschauerraum des Burgtheaters…

Renate Wagner

 

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