Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Burgtheater: DIE SCHUTZBEFOHLENEN

12.05.2015 | KRITIKEN, Theater

Schutzbefohlenen_71s-071 
Foto: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Burgtheater: 
DIE SCHUTZBEFOHLENEN von Elfriede Jelinek
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 28. März 2015,
besucht wurde die Vorstellung am 12. Mai 2015 

Jeder Flüchtling, der im Mittelmeer ertrinkt, macht das Problem quälender. Jeder Flüchtling, der das europäische Ufer erreicht, macht das Problem dringlicher. Dennoch wird der Normalbürger versuchen, es von sich weg zu schieben, in dem beruhigten Bewusstsein, dass er ohnedies nichts tun kann – und zur Tagesordnung zurückkehren.

Aber das lässt Elfriede Jelinek nicht zu. Sie ist die große Instanz, die die Moralkeule über uns schwingt. Die denen, die sie – fast im antiken Sinn – „Die Schutzbefohlenen“ nennt, eine Stimme gibt. Die aufrütteln will und es teilweise auch schafft. Wenngleich sie natürlich immer eine Demagogin ist – dialektisch kann der, der ein Anliegen hat, ja schon grundlegend nicht denken.

Es ist ein Jelinek-Text, wie immer, und der Regisseur ist aufgefordert, etwas „Theatergerechtes“ daraus zu machen. Michael Thalheimer ging in diesem Fall minimalistisch vor. Ja, die Darsteller – von Bühnenbildner Olaf Altmann vor ein weißes Kreuz gestellt – kommen aus dem Wasser, plantschen den Abend lang in diesem, aber es spielt gewissermaßen nicht mit. Auch die übergestülpten Gesichtsmasken sind kein Prinzip, sie werden immer wieder abgenommen, man kann dann einzelne Schauspieler erkennen. Die Intention des Regisseurs zielte ganz zweifellos darauf ab, das Publikum in erster Linie zum Zuhören zu zwingen.

Denn die Jelinek hat zweifellos etwas zu sagen, auch wenn es nicht einer ihrer geschliffensten Texte ist (trotz Feinheiten, wie etwa die Verhöhnung eines Rilke-Gedichts): Hier ging es nicht in erster Linie um ihre bekannten brillanten Wortspiele, sondern um die Aussage. Um die Menschen, die da kommen und nicht erwünscht sind. Sie dürfen sagen, was – das setzt Frau Jelinek voraus – nicht gehört werden will: ihre Befindlichkeiten, ihre Nöte, ihre Hilflosigkeit. Man hört es, und es geht unter die Haut.

Dass die Gegenseite auch ihre Argumente hat, das lässt man weniger gelten – die abwehrenden Texte von Politikern, von Durchschnittsmenschen kommen vor Gehässigkeit triefend von der Rampe, Einwände sind in diesem Stück unerwünscht. Wenn nach etwa 50 Minuten des 90minütigen Abends eine Sängerin im Riesenkrinolinen-Abendkleid hereinrauscht und Händels betörendes „Lascia ch’io pianga“ singt, ist das nicht erbauliche Unterbrechung, sondern Hohn – ja, wenn man singen kann wie die Netrebko; oder wenn man als Oligarch Millionen springen lässt: dann ist man schon willkommen, samt Staatsbürgerschaft am Silbertablett. Aber die armen Schweine?

Sie agieren als Chor, sie treten auch einzeln hervor, wenn sie die Masken abnehmen, erkennt man sie – große Namen des Hauses (Catrin Striebeck, Christiane von Poelnitz oder Sarah Viktoria Frick beispielsweise) machen aus kleinen Texten große Auftritte, schleudern ihre Anklagen vehement und emotional ins Publikum.

Wer da nicht ergriffen ist, muss man sich sagen, hat kein Herz. Das Publikum, nicht in Scharen erschienen, klatschte beeindruckt. Jelineks Sprechoper, ein Oratorium, das auf Menschlichkeit hinzielt, macht Zustimmung leicht. Zumindest, wenn man diese anlässlich eines so relativ leicht verdaulich Theaterabends bekunden kann – und darüber hinaus nur eine kleine Spende beim Hinausgehen verlangt wird. So kauft man sich doch glatt frei und fühlt sich als Gutmensch, der selbstverständlich alles richtig macht…

Oder herrscht da irgendwo ein Missverständnis?

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken