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WIEN / Burgtheater: DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE (Gastspiel)

06.10.2013 | Theater


WIEN / Burgtheater: 
DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE von Jean-Paul Sartre
Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin
am 5. und 6. Oktober 2013

Gastspiele sind für alle Beteiligten wichtig. Ein Theaterensemble, das mit einer Produktion in eine fremde Stadt geht, sieht sich mit der Herausforderung eines neuen Publikums konfrontiert und kann sich selbst präsentieren – und die Besuchten können über den Tellerrand blicken und sich wieder einmal klar machen, dass sie (Wien zum Beispiel?) nicht der alleinige Nabel der Welt sind. Das dachten offenbar viele Wiener Theaterbesucher (und das macht ihnen Ehre!), denn der zweite und letzte Abend des Gastspiels des Deutschen Theaters Berlin im Burgtheater war geradezu überlaufen. Oder wollte man bloß wieder einmal einen Autor sehen, der so gut wie völlig aus unseren Spielplänen verschwunden ist, nämlich Jean-Paul Sartre?

Sartre, tatsächlich. In den sechziger bis achtziger Jahren war er – ebenso wie sein Gesinnungsgenosse Albert Camus und die leichtfüßigeren Kollegen Anouilh und Giraudoux – Stammgast auf den deutschen Bühnen. Dann brach eine definitiv neue Theaterwelt und Theaterästhetik herein, und die Genannten sind verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Darum war es natürlich besonders interessant, wieder einmal einer von Sartres kritischen Polit-Reflexionen er Nachkriegszeit zu begegnen.

„Die schmutzigen Hände“ von 1948 gehörten immer zu seinen meist gespielten Stücken. Der Mensch, der dem Moloch der Politik in den Rachen geworfen wird, der Einzelne als Spielball der Parteien, „undercover“ ausgeschickt (wie wir heute sagen würden), mit Mordbefehl, wie er die heutigen Selbstmordattentäter trifft. Bei Sartre wird der junge Hugo bei dem Parteiführer Hoederer eingeschleust, mit dem Auftrag, ihn zu eliminieren. Was sich theoretisch gut anhört, wird in der Realität schlicht unmöglich, wenn sich der junge Mann in das Charisma des geborenen Führers regelrecht verliebt. Den tödlichen Schuss gibt er schließlich nicht im Parteiauftrag ab, sondern aus Eifersucht – als Hoederer mit seiner, Hugos Frau Jessica schläft: Wobei die Eifersucht nicht ihr gilt, sondern ihm…

Die wahre Pointe aber verarbeitete Sartre im Nachspiel, das zur Rahmenhandlung gehört: Während Hugo für seine Tat im Gefängnis saß, hat die Partei vielfach ihren Kurs geändert, Hoederer gilt nun als Held, der Einzelmensch mit seinen Überzeugungen steht vor den „politischen Notwendigkeiten“ der Machtpolitiker, die rücksichtslos ihr Mäntelchen in den Wind hängen. Da richtet Hugo die Pistole gegen sich selbst – nicht jeder junge Idealist kann schnell selbst zum gewissenlosen Politiker mutieren…

Wenn man das als schlicht und einfach psychologisches Drama mit politischem Impakt spielte, gäbe das vermutlich eine ungemein spannende Story. Die Inszenierung von Jette Steckel (in einem interessanten Bühnenbild von sich drehenden grauen Wänden von Florian Lösche) sucht aber immer wieder Verfremdung, wobei viel tremolierende Musik eingesetzt wird. Letztendlich ist der Effekt aber nicht interessant, sondern höchstens affektiert und nervig.  Ein an sich spannendes Stück „aufputzen“ zu wollen, erweist sich als inszenatorischer Selbstzweck, mit dem die Regie bloß auf sich verweist – nicht auf Sartre und seine Intention. Dann sind die 130 pausenlosen Minuten der Aufführung nicht immer auf der Höhe des Stücks.

Seltsam erscheint uns in Wien auch, dass wirklich nur einer der Darsteller das Format für den Autor mitzubringen scheint: Auch wenn Ulrich Matthes den Hoederer immer wieder verzerren muss, hat er doch das Format, ein Faszinosum zu sein – für Hugo und für den Zuschauer. Dieser Hugo ist Ole Lagerpusch, der am Deutschen Theater offenbar Starstatus genießt (sonst spielt man nicht Ferdinand und Homburg), aber mit der Rolle einfach nur hilflos überfordert wirkt, einer, der sich die Seele aus dem Leib schreit, aber nicht wirklich gehört wird. Besonders schrill und daneben scheint die Überzeichnung der Jessica durch Katharina Marie Schubert. Einspringerin Anita Vulesica als Olga zeigte einige Unsicherheit. Aus welchen Gründen auch immer – Sparsamkeit? Jedenfalls eignete sich der Abend dadurch noch besser für ein Gastspiel – sind die Nebenrollen auf nur zwei Darsteller (Bernd Moss, Moritz Grove) verteilt, die dank der Schminkkünste wirklich wie verschiedene Menschen wirken.

Trotz einiger Einwände ist man für das Gastspiel natürlich dankbar: Dass Max Reinhardts Berliner Haus wieder einmal nach Wien kam – und daran erinnerte, dass Jean-Paul Sartre interessante Stücke geschrieben hat.

Renate Wagner

 

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