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WIEN / Burgtheater: DER PRINZ VON HOMBURG

06.09.2012 | Theater

WIEN / Burgtheater: 
DER PRINZ VON HOMBURG von Heinrich von Kleist
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
Premiere: 6. September 2012 

In Österreich wäre ein Stück wie „Der Prinz von Homburg“ gar nicht möglich. Ein General, der gegen Befehl handelt, aber dabei eine Schlacht gewinnt, wird belobigt und erhält den Maria-Theresien-Orden. Was wir als positive Eigeninitiative belohnen, war für Preußens Militär als Insubordination das Schlimmste, was es geben konnte. Der Prinz von Homburg wird dafür zum Tode verurteilt, aber das ist nur ein Segment des genial-komplexen Stücks von Heinrich von Kleist, das man in Wien seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

Bei den Salzburger Festspielen wurde Andrea Breths Inszenierung des „Prinzen von Homburg“ teils hoch gepriesen, teils kühl besprochen. Nun ist diese Koproduktion als erste Saisonpremiere im Burgtheater gelandet und erwies sich als außerordentlicher Abend, als einer der großen Breth-Würfe (neben denen es ja durchaus auch Breth-Ärgerlichkeiten gibt). Besonders bewundernswert ist ihr Umgang mit dem Werk, weil es eben – so unendlich schwierig ist. Sprachlich, inhaltlich, gedanklich.

Andrea Breth zieht Kleists Stück erst einmal aus: Sie nimmt ihm jedes Zeitkolorit, wir sind nicht im Jahre 1675, die Brandenburger im Krieg gegen Schweden, die Schlacht von Fehrbellin findet höchstens durch ganz fernes Kanonengedonnere statt. Martin Zehetgruber schuf eine „Landschaft“, vordringlich mit Baumstümpfen, durch die meist Nebel wabert, und glatte, helle, leere, undefinierte Räume. Die Kostüme von Moidele Bickel machen aus Männern wie Frauen schmale Gestalten in attraktivem Schwarz, es wehen die Mäntel, der Silhouetteneffekt wird auch durch eine ausgefeilte Lichtregie (Friedrich Rom) immer wieder beschworen, ob flackerndes Zwielicht, ob grelle Helligkeit, alles erfüllt den atmosphärischen Zweck in der „klinischen Atmosphäre“ dieser Inszenierung.

Da hier kein polterndes Preußentum stattfindet und die Historie im Grunde ausgeklammert ist, konzentriert sich Andrea Breth auf die Psychologie der Figuren, und da leistet sie mit Hilfe einer wirklich höchstkarätigen Besetzung viel. Zumal August Diehl, den man viel öfter im Kino gesehen hat als im Theater, ist für die „Borderline“-Persönlichkeit des Prinzen ideal. Sein anfängliches schwärmerisch-somnambules Gehabe hat bei ihm fast etwas Pathologisches, seine Aktionen als Liebender sind erratisch, als Heerführer hektisch. Das ist kein Romantiker, als den man diesen jungen Mann, der von Kleist gegen den Strich des Herkömmlichen gebürstet wurde, gerne zugerichtet hat. Die Breth setzt auf sein verstörendes Anderssein. Besonders tragisch mutet an, dass ausgerechnet Heinrich von Kleist, der an diesem Prinzen von Homburg die nackte Todesangst gezeichnet hat wie kaum jemand sonst, vor 200 Jahren selbst in den Tod gegangen ist…

Andrea Breth hat auch kein Happyend für den Prinzen bereit, wie es eigentlich im Stück steht. Die Schlussszene ist ja von einer kaum nachzuvollziehenden seelischen Brutalität – dass da ein junger Mann zu seiner Hinrichtung geführt wird, man ihm dann die Augenbinde abnimmt, er erwartet, seinem Exekutionskommando gegenüberzustehen, man ihm aber einen Lorbeerkranz auf die Stirn drückt –  und alles soll gut sein? Ausgeschlossen. Dieser Prinz stirbt auf diesen Schock hinauf – „Nein, sagt! Ist es ein Traum?“ Da mag man ihm noch so sehr versichern: „Ein Traum, was sonst?“ In diese Welt will er nicht mehr erwachen und muss es bei Andrea Breth auch nicht.

Und auch wenn sie dem Prinzen nicht seinen Tod geschenkt hätte – das martialische, aggressive Kriegsstück kann es bei ihr auch nicht werden. Wo bei Kleist am Ende alle sofort begeistert in den Krieg ziehen (und wohl erwarten, der Prinz wäre an ihrer Seite, als wäre nichts geschehen), kommen bei der Breth dem Kurfürsten die berühmten Schlussworte „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“ sehr leise und fast resignativ über die Lippen…

Überhaupt der Kurfürst: In Gestalt von Peter Simonischek ist er die zweite große Leistung des Abends, so gar nicht martialisch, polternd, der große Kriegsherr, sondern ruhig, souverän, zurückhaltend, ungemein vernünftig. Vielleicht hatte die Breth für ihn die eine oder andere Regieidee zu viel: Dass er sich die „Begnadigung“ des Prinzen von seiner Nichte, der jungen Prinzessin, mit einem absolut unkeuschen Kuss bezahlen lässt, wäre möglich, wenngleich es nicht zu dem Mann passt, den Simonischek spielt. Auch dass er sich, noch in Unterwäsche, erst die Hosen anzieht, wenn seine Offiziere schon kommen, und dann seelenruhig eine Karotte frühstückt, könnte fatal ausgehen, erledigte Simonischek das nicht so ruhig und selbstverständlich, dass keine Lacher aufkommen. Dennoch: der Kurfürst, der hier so viel Unbegreifliches vertreten muss – denn das Todesurteil ist sowohl gegen den gesunden Menschenverstand wie gegen jedes Gefühl, es ist einfach nur das Vertreten vor der  preußischen Militarismus-Disziplin – , kann kaum faszinierender dargestellt werden.

Für Andrea Breth stehen Schauspieler bereit, die sonst wohl kaum in solchen Nebenrollen zu finden wären (die Zeiten der „Ensemblehunde“, wo jeder Star am Burgtheater auch Kleines spielte, sind lange vorbei): Udo Samel als Feldmarschall Dörfling, ein Mann, der mit leisem Lächeln und auch mancher Betroffenheit beobachtet; Hans-Michael Rehberg als schon alter, klappriger Obrist Kottwitz und gerade solcherart ein Mensch und kein Militärross; Roland Koch als souveräner Graf Hohenzollern, der das Geschehen nicht hinnehmen will; Bernd Birkhahn, der als Stranz wider Willen als des Prinzen Kerkermeister dienen muss. Und Hans Dieter Knebel, Gerhard König, Marcus Kiepe, Daniel Jesch, Sven Dolinski, jeder an seinem Platz. Branko Samarovski bringt als Siegfried von Mörner völlig lädiert und eingefascht als schwer Verletzter die (später als falsch herausgestellte) Nachricht vom Tod des Kurfürsten. Am Ende, wenn man weiß, dass der Krieg weitergeht, kommt er wieder ins Bild – vielleicht ein bisschen vordergründig, aber besser kann man den Abscheu der Regisseurin vor dem Krieg nicht ausdrücken.

Die Frauen wirken sich ins Geschehen hinein, wobei Elisabeth Orth als Gräfin Bork (im originalen Text nicht zu finden, aber die Orth darf in keiner Breth-Inszenierung fehlen) und auch die großartige Andrea Clausen als Kurfürstin vergleichsweise am Rande bleiben: Denn Pauline Knof beherrscht als Prinzessin Natalie mit stiller Kraft die Szene, wann immer sie auftritt – ohne Pathos (das gibt es an diesem Abend überhaupt nicht) kämpft sie um ihre Liebe, ohne Pathos zahlt sie mit dem (erfundenen) Kuss dem Kurfürsten, ohne Pathos drückt sie dem Prinzen die Augen zu.

Die Kritiken in Salzburg sprachen teilweise von einem lähmend langen und langweiligen Abend. Meines Erachtens haben die pausenlosen zweieinhalb Stunden vor innerer Spannung geradezu vibriert.

Renate Wagner

 

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