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WIEN / Burgtheater: DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS (Berliner Ensemble)

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Fotos: Website Burgtheater

WIEN / Burgtheater:
DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS von Bertolt Brecht
Ein Gastspiel des Berliner Ensembles
Premiere in Berlin: 23. September 2017
Premiere in Wien: 1. Februar 2018

Wie neulich schon festgestellt, als wieder einmal (allerdings in keinem großen Haus) ein Brecht-Stück in Wien auftauchte: Bert Brecht ist hierzulande unmodern geworden. Es ist ein unglaubliches Vierteljahrhundert her, seit man zuletzt den „Kaukasischen Kreidekreis“ im Burgtheater gesehen hat (Das war 1993, Ruth Berghaus inszenierte, Maria Happel war die Grusche, Sven-Eric Bechtolf der Azdak). Die Oldies erinnern sich noch an die klassische Aufführung der Klingenberg-Ära 1970, mit Inge Konradi und René Deltgen. Und vor unendlich langer Zeit (1964) waren Hilde Sochor und Fritz Muliar im Volkstheater unter der Regie von Gustav Manker zu sehen… Und immer hat Grusche Vachnadze mit ihrem Schicksal starken Eindruck hinterlassen.

Nun hat das Burgtheater mit diesem Stück das Berliner Ensemble eingeladen, jenes, das einst Bert Brechts eigenes Theater war und das Claus Peymann (nach seinen Wiener Jahren) okkupiert hatte. Mittlerweile ist er ja mit Grant und Grimm geschieden, und nun steht Oliver Reese am Steuer, der sich Michael Thalheimer (zuletzt am Burgtheater mit der Inszenierung der „Perser“ vertreten) als Hausregisseur geholt hat. Die dritte Premiere der neuen Ära galt Brecht – und Stefanie Reinsperger, die Wien in Richtung Berlin verlassen hat, feierte als Grusche ihren Einstand in ihrer neuen Theaterheimat. Da man weiß, wie sehr Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann gerade diese Schauspielerin schätzt, mag das Gastspiel nicht zuletzt damit zusammen hängen, damit sich Stefanie Reinsperger in dieser Rolle auch in Wien zeigen konnte… Der Abend war jedenfalls ausverkauft.

Es steckt viel Brecht-Theorie in diesem „Kaukasischen Kreidekreis“, wo die armen Leute (die, wie immer bei Brecht, keinesfalls durchwegs „gut“ sind – sogar ganz selten) den reichen Leuten schier chancenlos gegenüber stehen und man seinerzeit am Beispiel dieser Geschichte über die Verteilung von Produktionsmitteln und über die Ideologie von „Besitz“ diskutieren konnte. Das Programmheft des Berliner Ensembles vollzieht allerdings einen kühnen Schwung zu Facebook und dass die User eigentlich dafür bezahlt werden müssten, dass sie den Firmen durch ihre Selbstdarstellung so viel Informationskapital liefern, das natürlich schamlos ausgenützt wird… allerdings scheint die Überlegung, so richtig sie an sich sein kann, in diesem Zusammenhang eher weit her geholt. Man sieht sie auch nicht auf der Bühne.

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Was man auf der Bühne sieht, ist szenisch erst einmal – nichts. (In Berlin ging das Gerücht, der Regisseur habe das Bühnenbild in letzter Minute weggeschmissen, aber geklatscht wird ja an jedem Theater.) Ein leerer schwarzer Raum, auch wenig ausgeleuchtet, gerade auf die paar Figuren, die eben auf der Bühne stehen. Sehr wenige sind es sogar – Michael Thalheimer hat gekürzt, dass außer Grusche fast nichts übrig geblieben ist, ein Minimum von nötigem Darsteller-Personal rund um sie herum. Nun, niemand wird dem üppigen Handlungsverlauf und dem „georgischen“ Ambiente dieser geradezu biblischen Geschichte um Mutterliebe und das Recht einer Mutter nachweinen. Aber wenn ein Abend daraus besteht, dass Grusche den Großteil der pausenlosen eindreiviertel Stunden zentral an der Rampe steht und ihren Text vordringlich ins Publikum spricht (so hat Thalheimer einst auch Schnitzlers „Liebelei“ inszeniert…) – dann löst der Regisseur bloß wieder einmal seinen persönlichen Stil ein, aus den Darstellern Bewegungs- und Sprechmaschinen zu machen, wie es ein Kritiker einmal ausgedrückt hat.

Grusche, die Magd, die in den Wirren einer Revolution und eines Krieges das Baby des ermordeten Gouverneurs rettet, weil niemand außer ihr da ist, der die Verantwortung zu übernehmen gewillt ist, kann in solchem Rahmen kaum ideologisch, aber auch nicht wirklich menschlich gedeutet werden. Grusche, die dem Kind ihr Leben und auch ihre Liebe opfert, soll es am Ende verlieren, weil die echte Mutter es zurückfordert (aus rein ökonomischen Gründen) – und dass es höhere Gerechtigkeit gibt, verdankt man einer völlig abgewrackten, charakterlich zweifelhaften Richtergestalt, eben jenem Azdak, der einmal das Richtige tut und dann verschwindet…

Thalheimer liefert Stil, der laut (frontal aggressives, dem Kreischen angenähertes, immer künstliches Sprechen) und puppenhaft in der Aktion ist, demonstrativ überzogen, durch oftmalige Wiederholungen bis zum Wahnsinn „lehrhaft“ geholzhammert. Es gibt laute, ohrenquälende Musik, es gibt einen souveränen „Sänger“ in Gestalt von Ingo Hülsmann, der mehr ein Sprecher und Erzähler mit dem heutzutage offenbar unvermeidlichen Mikro in der Hand ist, es gibt als Azdak den auch in Wien (von einigen Burgtheateraufführungen her) bekannten Tilo Nest, der mit wilder Perücke und rot bemalt, halb nackt wie ein Indianer aussieht und die Figur völlig grotesk verzerrt.

Und es gibt Stefanie Reinsperger als Grusche, in der Michael Thalheimer eine jener Schauspielerinnen gefunden hat, die offenbar gerne bis ins Extrem, bis ins absolut Exzessive gehen, die keine Normalität und keine Psychologie brauchen, um diese Frauengestalt hinzustellen, sondern einfach selbstaufopfernd lautes, kreischendes, brillant „gemachtes“ Theater bieten und mit so viel evident vorgeführtem „Können“ das Publikum begeistern. Auch in Wien, im Burgtheater.

Renate Wagner