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WIEN / Burgtheater: DER IGNORANT UND DER WAHNSINNIGE

31.12.2012 | Theater

 
Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Burgtheater:
DER IGNORANT UND DER WAHNSINNIGE von Thomas Bernhard 
Premiere: 31. Dezember 2012               

Es beginnt mit Hohn auf die Kritiker und ihre Formulierungen. Weiters geht es um eine Stimme, vielmehr um den Beruf der Sängerin  (im konkreten Fall eine „Koloraturenmaschine“). Die Dame wiederum gibt an, das Publikum zu hassen und äußert den Wunsch, mitten auf der Bühne aus der Rolle zu steigen und einen Skandal zu verursachen…

Kurz, Thomas Bernhard war 1972, mit seinem zweiten großen Drama „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, bei einem seiner Lieblingsthemen – beim Theater. Und beim Beschimpfen der heiligen Kühe, was damals bei den Salzburger Festspielen noch erregte (heute gibt es keine Provokation mehr, die greifen würde). Aber Bernhards Abscheu richtete sich auch gegen das Leben an sich, und indem er ein paar seiner Generalthemen skurril-absurd zusammen mixte, fuhr der Autor (bei der Uraufführung mit der Hilfe von Claus Peymann) auf seine Erfolgsschiene ein.

Funktioniert das, aus der Distanz von 40 Jahren, noch heute? Die Silvester-Premiere des Burgtheaters fand (wie immer, es bedeutet nicht sehr viel) stürmischen Beifall. Aber viele Besucher schienen das Stück so, wie es geboten wurde, schon sehr mühsam zu finden…

Dabei ist es an sich auf Bernhard’sche Art schaurig amüsant. In der Theatergarderobe warten die Titelhelden auf die Sängerin – der Ignorant ist der dauerbesoffene Vater der Dame, der Wahnsinnige ist der „Doktor“, ihr manisch monologisierender Verehrer, der zwischen Philosophie und Sektionsberichten schwankt. Dann kommt die Sängerin, die zickige Diva, sie singt immer die Königin der Nacht, und nach der Vorstellung soupieren die Drei bei den „Drei Husaren“ (u.a. Beef Tartare).

Das „Stück“ ist, wie bei Bernhard immer, Text – aber doch anders und mehr als nur die beliebigen Textbrocken, die den Regisseuren heute hingeworfen werden (von Jelinek und Co.). Hier konnte Bernhards analytischer Kopf bei der Uraufführung perfekt umgesetzt werden, indem alle Figuren sich gnadenlos ernst nahmen (das Video der Aufführung existiert).

Nun, es gibt kein Bernhard-Modell, wie man der Welt einst ein Brecht-Modell aufzwingen wollte, aber die Frage lautet doch, ob der Zugang, den Regisseur Jan Bosse fand, dem Stück gut tut. (Er hat übrigens viel gestrichen, nicht nur vom Monolog des Doktors, auch das typische Wiener Theaterpalaver und Name Dropping, das Bernhard lustvoll ironisiert). Bosse setzt von Anfang an auf Parodie, und der Endzweck seiner Interpretation scheint auf nichts anderes (und nicht mehr als) eine Posse hinaus zu laufen. Was bei dieser lustspielhaften, auf Pointen ausgerichteten Interpretation zu kurz kommt, ist das, woraus Bernhard besteht: der Text.

Man braucht jetzt nicht zu versichern, welch herausragender Schauspieler Joachim Meyerhoff ist, man hat es oft gesehen und bewundert. Aber als Doktor scheint er sich weder im Text noch in der Figur, die er mit Hüftschwung und künstlicher Affektation spielen muss, wohl zu fühlen. Auf Bernhard’sche Art manisch ist er wahrlich nicht.

Der Vater erfährt vom blinden knurrigen Trunkenbold eine Wandlung – so, wie Peter Simonischek ihn in Prolo-Manier lümmelt, fetter Bauch und fette lange Haare, scheint er irgendwo aus Kaisermühlen und inferioren ORF-Serien entsprungen.

 

Und Sunnyi Melles, die immer so Herrliche, die an sich so präzise sein kann wie wenige? Darauf hat es der Regisseur nicht angelegt, sie muss nur die Diven-Hektik noch und noch überdrehen, so dass nur schrille Schusseligkeit bleibt, aber kaum eine greifbare Figur.

Wie sehr Bosse auf Effekt macht, zeigt sich in der Arie der Königin der Nacht, die quasi als „Vorstellung“ die beiden Akte des Stücks verbindet: Kompliment für die Darstellerin, die sich dabei wie wild durch die Lüfte schleudern lässt und den Gesang markiert, während das Bühnenbild (Stéphane Laimé) unter ihr umgebaut wird, von der Garderobe ins Restaurant. Kalkulierte Schrecksekunde: Stößt die in den Lüften segelnde Sängerin mit dem sich senkenden Luster zusammen? Nein. Auf Pointensuche, wie so vieles an diesem Abend (auch Stefan Wieland, erst als Gardrobiere, dann als Kellner).

Schließlich lässt Bosse den Abend in einer absurden Wendung enden – wenn sich der Doktor wieder in seinen verbalen Sektions-Exzessen ergeht, legt ihm der Regisseur die Sängerin auf den Tisch, wie eine Einladung zur Zerstückelung…

Wie amüsant war diese Aufführung, die so sehr auf Amüsement angelegt war, dass man ihr das Bernhard’sche (nämlich die gnadenlose, scharfe Klarheit des Bösen) austrieb? Nicht sehr, offen gesagt. Aber, wie erwähnt, das Publikum klatschte stürmisch.

Renate Wagner

Die Premiere begann um 18 Uhr und dauerte bis 20,10, damit Peter Simonischek noch zu seinem Frosch in der Staatsoper zurecht kam. Ob er wirklich durch die Stadt geradelt ist, wie er in einem Interview ankündigte, kann man angesichts der überfüllten, lautstarken Hölle, die sich „Silversterpfad“ nannte, bezweifeln… da kann er froh gewesen sein, wenn er sich zu Fuß durchgewunden hat oder einen Ring-Wagen fand.

 

 

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