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WIEN / Belvedere: TOTENTANZ

08.03.2014 | Ausstellungen

Belvedere Egger Lienz Plakat 
Alle Fotos: Belvedere

WIEN / Orangerie im Unteren Belvedere
TOTENTANZ. Egger-Lienz und der Krieg
Vom 7. März 2014 bis zum 9. Juni 2014 

Eine Lanze für Egger-Lienz

„Der Totentanz“ ist das meist reproduzierte Gemälde von Albin Egger-Lienz, es gilt geradezu als sein „Signet“: Bauern, die festen Schritts ausschreiten, ihr Anführer Arm in Arm mit einem Skelett… Das Belvedere nahm nun eines der österreichischen Meisterwerke des angehenden 20. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt, um gleicherweise seinen Beitrag zum Weltkriegs-Gedenken zu leisten und einen Künstler in den Vordergrund zu stellen, der zumindest im Ausland aus ideologischen Gründen nicht jene Anerkennung findet, die ihm gebührt.

Von Heiner Wesemann 

Albin Egger-Lienz   Geboren am 29. Jänner 1868 als uneheliches Kind einer Bauerntochter und eines Kirchenmalers, erhielt er später den Namen seines Vaters, fügte als Künstler dann dem „Albin Egger“ noch seinen (Beinahe-)Geburtstort Lienz hinzu. Er studierte in München, bewunderte den Tiroler Landsmann Defregger, war ab 1899 in Wien tätig, erst als Mitglied des Künstlerhauses und des Hagenbundes. Thronfolger Franz Ferdinand verhinderte seine Professur an der Akademie – aufgrund des „Totentanzes“, den Egger-Lienz 1908 geschaffen hatte. Er ging daraufhin nach Tirol, später nach Deutschland, nahm kurzfristig am Ersten Weltkrieg teil, kehrte wieder nach Tirol zurück, wo er am 14. November 1926 in der Nähe von Bozen starb.

Keine Huldigung zum Jubiläum      Die Habsburger-Monarchie war nicht so rückständig, wie sie heute gerne dargestellt wird. Als man nach 1900 die „Moderne Galerie“ begründete (Standort: Belvedere, das heutige Museum ist die Nachfolger-Institution), kauften die zuständigen Herren tatsächlich die damalige Moderne und gaben auch Aufträge an zeitgenössische Künstler. Von Egger-Lienz erwarb man das eindrucksvolle Monumentalgemälde „Nach dem Friedensschluss“ (in der Belvedere-Ausstellung zu sehen) und erteilte einen Auftrag zum 60jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph im Jahre 1908. Dass man den Tiroler Freiheitskampf vorgab, schien bei einem Tiroler Künstler nahe liegend, 1809 hatte Andreas Hofer vergebens gegen Napoleon für Habsburg gekämpft, man erwartete vermutlich ein spektakuläres Huldigungsbild. Doch Egger-Lienz schuf den „Der Totentanz von Anno Neun“, ein Bild von geradezu aggressiver Tragik, mit dem er sich keine Freunde machte… was den Künstler wiederum erfreute. Denn dadurch fühlte er sich mit seinem Bild richtig verstanden.

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In den Krieg und darüber hinaus     Niemand hat damals geahnt, dass ein Kriegsbild, ein Antikriegsbild wie dieses so bald aktuell werden würde. Zwar war Egger-Lienz 1915 wegen Herzproblemen nur kurz selbst an der Front, aber seine Erlebnisse als Kriegsmaler gingen tief. Dass er Männer, die buchstäblich „Arm in Arm“ mit dem Tod in den Krieg gehen, immer wieder paraphrasiert hat, zeigt die Bedeutung, die nicht nur das Thema, sondern besonders dieses Sujet für ihn hatte. Bis in die zwanziger Jahre schuf er neue Versionen (von denen wiederum mehrere Fassungen existieren): Die Wiener Ausstellung kann im zentralen Mittelraum fünfmal den „Totentanz“ präsentieren, wobei der Künstler Details der Form-, vor allem aber der Farbgebung variiert hat. Darüber hinaus bietet die Ausstellung weitere Gemälde über Kampf, Krieg und seine Folgen. Skizzen, Zeitungsausschnitte, Fotos (darunter eines Bauern, der ihm als Modell diente) ergänzen.

Nicht genau hingeschaut: die Nazis    „Ein großer Künstler der Ostmark“ titelte ein nationalsozialistischer Zeitungsartikel über den 1926 Verstorbenen, der bei oberflächlicher Betrachtung in eine kraftvolle „Blut und Boden“-Schiene vereinnahmt werden konnte. Doch Leute, die genau hinsahen, haben sehr bald die dezidiert unheldische, in keiner Weise verherrlichende, zutiefst kritische Haltung der Werke von Egger-Lienz erkannt, und dann ging man in Distanz, als klar wurde, dass diese Kunst „das Volk in uns nicht warm werden lässt“.

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Egger-Lienz: Kriegsfrauen                         /                     Käthe Kollwitz: Mütter

Eine Lanze für Egger-Lienz     Und doch ist es die scheinbare Nähe zu einer nationalsozialistischen Kunst, die als Ursache gelten muss, dass Egger-Lienz heute im Ausland kaum bekannt ist. Agnes Husslein-Arco, die eigentlich keine „Weltkriegs“-Ausstellung machen wollte („weil alle anderen eine machen“), erkannte allerdings in der Arbeit der Gastkuratorin Helena Pereña, die sich mit Egger-Lienz befasste, eine doppelte Chance: Denn dieser „Totentanz“ ist mit dem „Ersten Weltkrieg“ untrennbar verbunden – und eine flankierende  Ausstellung, die zahlreiche Werke von ihm und seinen kritischen Zeitgenossen zusammen trägt, kann auch international zum Nachdenken über diesen Künstler beitragen. Rudolf Leopold hat stets versucht, den aktuellen Ruhm von Albin Egger-Lienz wieder herzustellen – vielleicht gelingt es diesmal im Belvedere, zumal er sich innerhalb hochkarätiger Expressionisten wie Dix, Beckmann und Kollwitz als gleichwertiger künstlerischer „Bruder im Geist“ ganz selbstverständlich bewegt.

TOTENTANZ: Egger-Lienz und der Krieg
Orangerie im Unteren Belvedere. Bis 9. Juni 2014, täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr
Der Katalog ist zweisprachig (in deutscher und englischer Sprache) erschienen

 

 

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