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WIEN / Belvedere: ORIENT & OKZIDENT

29.06.2012 | Ausstellungen

WIEN / Unteres Belvedere:
ORIENT & OKZIDENT
Österreichische Künstler auf Reisen
Vom 29. Juni 2012 bis zum 14. Oktober 2012  

 

Kamele lächeln herab

 Der „Orientalismus“ kam als Spielart des Exotismus im 19. Jahrhundert nachdrücklich in die europäische Kunst, als das Reisen in den Nahen Osten durch den Ausbau der  Verkehrsmittel erleichtert wurde. Zehn Jahre nach der letzten „Orient“-Ausstellung in Wien (damals in der Hermesvilla) setzt nun das Belvedere auf das ewig wirkungsvolle Thema. Auch weil Direktorin Agnes Husslein-Arco dafür, wie sie in der Pressekonferenz sagte, wieder reichlich auf eigene Bestände des Hauses zurückgreifen kann. Wer immer zwischen dem Biedermeier und der ausklingenden Habsburger-Monarchie im Osten unterwegs war und von dort seine Bilder zurückbrachte, ist hier versammelt.

Von Heiner Wesemann

Die Menschen, die dahinter stecken     Überdimensionale Landkarten bedecken einige Wände, viele Gesichter blicken dem Betrachter entgegen: Das Belvedere möchte allen 37 Künstlern, die hier zum Thema „Orient“ befragt werden, Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn ihr Beitrag ganz unterschiedlich ausgefallen ist. Manche Künstler waren im Gefolge von kaiserlichen Herrschaften oder offiziellen Expeditionen oder in Begleitung von Wissenschaftlern unterwegs, aber es erstaunt, wie viele offenbar auf eigene Faust aufbrachen. Das andere Licht, die Reize von Natur und Kultur stellten für die Maler eine besondere Herausforderung dar. Vieles erscheint in geradezu idealisierender Schönheit, aber Johann Viktor Krämer malte beispielsweise bei Tanger auch ausgebleichte Tierskelette in der Wüste.

Schwerpunkt Landschaft    Die Ausstellung setzt bewusst auf einen quasi „dokumentarischen“ Aspekt. Üblicherweise ist der Begriff des „Orientalismus“ hoch erotisch besetzt. Es waren vor allem die Franzosen, die aus der Phantasie heraus die nackten Odalisken malten oder lüstern in die Geheimnisse des Harems eindrangen. Die Österreicher, deren Werke hier zu sehen sind, fingen Landschaften und Genreszenen zwar mit künstlerischen Ambitionen, aber doch weitgehend realistisch so ein, wie sie sie vorfanden. Es waren keine Wunschbilder, sondern Abbilder des Orients, und das erhöht ihren Wert.

 

Der Zauber der Kamele    Leopold Carl Müller, „Orient-Müller“ genannt, der dem Zauber Ägyptens nicht nur erlag, sondern diesen auch malerisch bannte, erweist sich auch in der Ausstellung als künstlerischer Schwerpunkt (obwohl man seine orientalischen Frauenporträts ausklammert). Das Belvedere besitzt einige seiner Hauptwerke, darunter etwa den berühmten „Markt in Kairo“, wo man in das Menschengewühl regelrecht hineingehen könnte. Müller war ein großartiger Gestalter der Kamele, deren Bedeutung in der Wüste gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. So, wie sie in seinem Gemälde „Die Karawane“ (Leihgabe aus Graz) oder in der Darstellung eines Beduinen auf dem Kamel erscheinen, erinnert man sich an den arabischen Spruch, warum diese Tiere so „hochmütig“ – oder besser gesagt: so erhaben – dreinsehen. Kennt der Mensch doch nur 99 Namen Allahs, das Kamel hingegen den hundertsten, wie es heißt…

 

Schwerpunkt Ägypten     Bis heute noch ist Ägypten eines der ersten Reiseländer der Welt. Man findet in dieser Ausstellung zwar kein dezidiertes Bild der Pyramiden oder der Sphinx als zentrales Motiv, aber viele Besonderheiten. Vor allem die Nilkatarakte haben zahlreiche Maler interessiert, neben Müller auch Charles Wilda, Karl Ludwig Libay oder Hubert Sattler, von dem auch jene Darstellung der Memnon-Kolosse stammt, die Ausstellungsplakat und Katalog zieren. Bernhard Fiedler malte den Tempel von Philae, Johann Viktor Krämer Abu Simbel (das heutige Touristen in weit „restaurierterem“ Zustand erleben als die Reisenden des 19. Jahrhunderts).

In Ungarn beginnt’s         Kuratorin Sabine Grabner hat die Reise in den Orient in der Ausstellung stufenweise nach Abschnitten gegliedert und dabei in Ungarn begonnen. Tatsächlich ergab sich ein „exotischer“ Aspekt durch Landschaft, Tiere, Dorfszenen schon hier (August von Pettenkofen ist hier schwerpunktmäßig vertreten, aber auch Tina Blau malte die Puszta) und setzte sich im Balkan nahtlos fort, wo man etwa Bilder aus Dalmatien von Rudolf von Alt oder Emil Jakob Schindler sieht. Griechenland war immer schon ein klassisches Reiseziel (bereits bevor Kaiserin Elisabeth ihrer Korfu-Leidenschaft frönte). Ein eigener Raum ist den Bildern gewidmet, die Thomas Ender auf seiner Reise auf die Krim und nach Konstantinopel und Griechenland malte, wo er Erzherzog Johann (dessen „Kammermaler“ er war) begleitete. Die Ausstellungs-Reise führt bis Asien, über Lahore nach Indien und Ceylon (Hermann von Königsbrun) – schließlich musste man nach der Öffnung des Suez-Kanals dafür nicht mehr Afrika umrunden.

 

Eine Taucherglocke…   Im letzten Raum steht der Besucher vor einem großen schwarzen Blechkasten mit einem runden „Guckauge“ darin. Das Naturhistorische Museum hat dieses „Gerät“ nachgebaut, mit dessen Hilfe Eugen von Ransonnet-Villez auf eigens präpariertem Papier, das auch bei Nässe bezeichnet werden konnte, Unterwasseransichten anfertigte, wofür es auch ein verblüffendes Beispiel einer „Unterseeischen Landschaft“ von 1864 gibt. Hass und Cousteau hatten es Jahrzehnte später leichter, den Zauber der Tiefe einzufangen…

Der Reiz des „vor Ort“    Künstler, die in die Ferne zogen, verließen die Enge der Ateliers und tauchten geradezu berauscht in andere Welten ein. Sie fanden vielfach nicht nur neue Themen, sondern auch neue Gestaltungsformen. Eine Ausstellung wie diese ist aus vielen Gesichtspunkten heraus zu betrachten.

Bis 14. Oktober 2012,  täglich 10 – 18 Uhr, Mittwoch 10 – 21 Uhr

 

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