Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Belvedere: GUSTAV KLIMT / JOSEF HOFFMANN

01.02.2012 | Ausstellungen
WIEN / Belvedere: 
GUSTAV KLIMT / JOSEF HOFFMANN.
Pioniere der Moderne
Vom 25. Oktober 2011 bis zum 4. März 2012
Vorstoß in die Dreidimensionalität
 
Wenn die jüngste Ausstellung im Belvedere es unternimmt, die Werke und geistigen Welten von Gustav Klimt und Josef Hoffmann zusammen zu führen, dann ist es nicht mit Gemälden hier, Objekten dort getan. Beide Künstler waren dem secessionistischen Credo des „Gesamtkunstwerks“ verpflichtet. Sie haben, was man in diesem Ausmaß nicht wusste, oft zusammen gearbeitet. Die Wiener Ausstellung schafft es, in einer Stadt, wo man meinte, das meiste über diese beiden Ikonen der vorigen Jahrhundertwende zu wissen, neue Erkenntnisse zu transportieren – und auch in neuer Form. Die Nachgestaltung von Räumen und Gebäuden, die der Dreidimensionalität der Architektur huldigen, geben dieser Exposition ihren besonderen, unverwechselbaren und absolut faszinierenden Umriss.
 
Von Heiner Wesemann
 
Zusammenarbeit der Giganten      Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1976) trafen 1897 bei der Gründung der Secession zusammen. Der damals 35jährige, aus Wien stammende Klimt war erster Präsident dieser Vereinigung der modernen Künstler der Stadt, der aus Mähren stammende, damals 27jährige Hoffmann trat gleich in den Anfängen als ordentliches Mitglied bei. 1900 betreute Hoffmann, der ein genialer Ausstellungsgestalter war, die Secessions-Räume bei der Pariser Weltausstellung, wo Klimt eine Goldmedaille erhielt. 1901 baute Hoffmann für den Fotografen Hugo Henneberg eine Villa auf der Hohen Warte, Klimt malte dessen Gattin Marie. 1902 gestaltete Hoffmann die Beethoven-Ausstellung in der Secession, für die Klimt den Beethoven-Fries schuf. Später richtete Hoffmann die Wohnung für Sonja Knips ein, die Klimt ganz wundervoll malte, Hoffmann stattete Klimts Atelier in der Josefstadt aus, schuf auf Klimts Auftrag Broschen für die Klimt-Freundin Emilie Flöge. Ein Hauptwerk für Hoffmann war das Palais Stoclet in Brüssel, für das Klimt einen Fries entwarf. Im von Hoffmann gestalteten Pavillon der Kunstschau von 1908 stellte die Klimt-Gruppe aus, desgleichen kamen die beiden 1911 bei der internationalen Kunstausstellung in Rom zusammen. Als Klimt in sein Atelier in Hietzing übersiedelte, nahm er die Hoffmann-Möbel mit. Moriz Gallia, der sein Geld mit Gaslicht und Elektrizität gemacht hatte, ließ sich von Hoffmann seine Wohnung einrichten, Klimt hatte Hermine Gallia schon davor gemalt. Als Klimt 1918 starb, was Hoffmann zutiefst erschütterte, entwarf er für den Freund ein Grabmal, das allerdings nicht realisiert wurde – die Ausstellung zeigt den Entwurf.
 
Das Konzept     Kurator Alfred Weidinger ging nun einen besonderen Weg, um die Beziehung dieser beiden Künstler zu thematisieren. Diese hat ja nicht in der Zweidimensionalität von Gemälden, sondern so gut wie immer in der Dreidimensionalität von Räumen, ja Gebäuden stattgefunden. So bietet die Ausstellung vier sorglich ausgeführte „Modelle“, wobei jenes der Secession (mit dem Beethoven-Fries) und jenes des Palais Stoclet besonders sensationell anmuten. Man hat Räume nachgebaut, das richtige Umfeld für Kunstwerke geschaffen, Entwicklungen (von der „Kurve“ bis zur „Ecke“) ebenso aufgezeigt wie Beeinflussungen (etwa durch Fernand Khnopff in Richtung Klimt). Am Ende wird die Begegnung von Klimt und Hoffmann als zahlreiche „Wegkreuzungen“ charakterisiert, die zu besonderen, sich gegenseitig beeinflussten Kunstwerken geführt haben.
 
Der Beethovenfries        Die Beethoven-Ausstellung von 1902 hat die Secession nicht mit historischen Objekten, sondern mit Assoziationen der damaligen Zeitgenossen zu Beethoven geschmückt. Der Fries von Klimt ist das berühmteste der Werke geblieben, heute im Unterstock des Hauses, damals auf der Parterre-Ebene zu sehen. Der Besucher blickt in ein offenes Modell der gesamten Secession, steht aber gleichzeitig in dem Nachbau des linken Seitensaales, wo Klimt im Fries das Monster Thyphoeus und seine schauerlichen Töchter gestaltet hat.  
 
Der Wandel der Stile      Nie war die Wiener Secession in jenem Ausmaß „kurvig“, wie sie das Image des Art Deco (etwa mit dem Höhepunkt von Moucha) geprägt hat, aber dass der Jugendstil „fließt“, steht außer Frage. In zwei kleinen Räumen gibt die Ausstellung nun die Beispiele des „kurvlinearen“ Stils, den Hoffmann erfolgreich zugunsten des geometrischen Stils der klaren, eckigen Linien überwand. Ein modisches „interaktives“ Element der Ausstellung besteht darin, dass hier dicke Papierbündel an den Wänden hängen, von denen sich der Besucher einzelne Blätter mit Informationen zum Thema herunterreißen kann.
 
Die belgische Connection     Die Secession, die sich von Anfang an als international begriff, lud zeitgenössische Künstler aus aller Welt ein, bei ihnen auszustellen. Unter den modernen Belgiern war es vor allem Fernand Khnopff, der Klimt eindeutig beeinflusste – die Nebeneinander-Hängung von Khnopffs „Acrasia“ direkt neben der Klimt’schen „Nuda Veritas“ zeigt, dass die belgische Nackte durchaus auf den Österreicher eingewirkt hat. Die Unheimlichkeit von Jan Toroop scheint durchaus mit Klimts „Wasserschlangen“ verwandt. Die Ausstellung zeigt auch ein Modell von Khnopffs aufwendigem Wohnhaus-Atelier in Brüssel.
 
Das Palais Stoclet      Der belgische Industrielle Adolphe Stoclet lebte lange Zeit in Wien und wollte sich von Josef Hoffmann ursprünglich eine Villa auf der Hohen Warte bauen lassen. Als er aus privaten Gründen nach Belgien zurückkehren musste, fand er am Stadtrand von Brüssel, an der Avenue de Tervueren, ein so großes Grundstück, dass Josef Hoffmann hier mit dem „Palais“ sein architektonisches Opus Magnum gestalten konnte. Die magische Formulierung „Geld spielt keine Rolle“ galt sowohl für ihn wie für Gustav Klimt, der für Teile der Einrichtung hinzugezogen wurde, wie auch für die anderen belgischen Künstler, die gleichfalls beteiligt wurden. Österreicher, die heute als Brüssel-Besucher zum Palais Stoclet pilgern (was zumindest eine nicht unerhebliche Straßenbahnfahrt verlangt), stehen dann vor hohen Mauern und vermögen nichts zu sehen, da sich das Gebäude in Privatbesitz befindet und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die Wiener Ausstellung leistet Außerordentliches, indem nicht nur ein Modell erlaubt, das Gebäude als Ganzes wahrzunehmen; man hat auch noch eine originalgetreue Rekonstruktion des Stiegenhauses geschaffen, die sicher einen der größten Raum-Eindrücke beschert, die hier vermittelt werden.
 
Die reichen Auftraggeberinnen     Das Belvedere bringt vier große Klimt’sche Frauenporträts: Sonja Knips hängt in ihrem rosa Kleid an der Wand, wie dies üblich ist, aber schon für Fritza Riedler hat man sich Besonderes ausgedacht: Ihr Porträt wird gewissermaßen in Klimts Atelier gezeigt, auf dem Hoffmann-Fauteuil, in dem sie porträtiert wurde, mit dem Hoffmann-Schrank im Hintergrund, der auch – leicht abstrahiert – am Gemälde zu sehen ist (und den Interpreten so viel Kopfzerbrechen bereitet hat). Zwei weitere Frauenbildnisse kamen als Leihgaben nach Wien, Hermina Gallia aus der National Gallery in London, Marie Henneberg (die auch Plakat und Katalog ziert) aus der Moritzburg in Sachsen: In beiden Fällen stellt die Ausstellung das Ambiente nach, in dem diese Bilder bei ihren Besitzern in den Räumen hingen.
 
Die großen Überraschungen     Die Ausstellung hat einige Überraschungen zu bieten: Von den 130 gezeigten Werken sind, wie man erfährt, 35 Arbeiten von Klimt. Darunter eben nicht nur jene, die sich im Besitz des Belvederes befinden, sondern auch solche, die nahezu vergessen waren bzw. von keinem Lebenden gekannt wurden, weil sie seit vielen Jahrzehnte im Privatbesitz sind. Doch man hat sich für diese Ausstellung davon getrennt – von einem wunderbaren Alt-Frauen-Bildnis, das Emilie Flöges Mutter Barbara zeigt; von einer „Sonnenblume“ von 1907, in der Ausstellungsgestalter Alfred Weidinger zahllose eingearbeitete Goldplättchen entdeckt hat (die man nur erkennt, wenn man vor dem Original steht). Ein frühes Frauenbildnis von 1894 zeigt Klimt noch ganz ohne Jugendstildekor am Werk, aber schon mit dem unvergleichlichen Blick, mit dem er Frauen zu betrachten und zu malen pflegte.
 
Raritäten    Neben Klimt-Zeichnungen und Studien, neben Werken verwandter Künstler, neben Hoffmann-Möbeln bietet die Ausstellung in einem Kabinett Jugendstil-Schmuck, den Josef Hoffmann geschaffen hat – in den Skizzen und den Ausführungen durch die Wiener Werkstätte. Dort stehen weibliche Betrachterinnen mit großen Augen, und man sieht ihnen an, dass sie die Stücke am liebsten aus den Vitrinen nehmen würden…
 
Die Jubiläen    Das nächste Jahr wird ein Klimt-Jahr, kaum ein österreichisches Museum, das sich da nicht beteiligen wird. Das Belvedere hat neben dieser Ausstellung noch eine weitere in Aussicht, wird 2012 „150 Jahre Klimt“ zeigen, aber Direktorin Agnes Husslein-Arco betont, dass ihr Haus keine Jubiläen brauche, um sich mit Klimt und Hoffmann auseinander zu setzen. Die wissenschaftliche Aufgabe, immer mehr zu erforschen und wissen zu wollen, erfolgt im Belvedere nicht nur rund um Ausstellungen, sondern auch davor und danach, kurz, in Permanenz. „Es ist noch lange nicht alles ausrecherchiert“, erklärte Alfred Weidinger. Immerhin erstaunlich, wie viel Neues bereits hier gezeigt werden konnte. Eine Besonderheit ist auch der Katalog (Prestel Verlag), der nicht versucht (wie diese Art von Büchern meist) bloß großformatig schöne und spektakuläre Werke abzubilden, sondern der in Bild und Text um eine beeindruckende Akkumulation von Wissen bemüht ist.
 
Bis 4. März 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

Diese Seite drucken