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WIEN/ Arnold Schönberg-Center: ABSCHLUSSKONZERT 2. KOMPONIERWERKSTATT für junge KomponistInnen

23.01.2018 | Konzert/Liederabende

Können Kinder und Jugendliche komponieren?
Zum Abschlusskonzert der 2. Komponierwerkstatt für junge KomponistInnen
21. Januar 2018 / Arnold Schönberg Center
(von Renate Publig)

Können Kinder und Jugendliche komponieren? – „Nein. Das ist eine hehre Kunst, die geistige Reife erfordert.“ … Wirklich? Fragen wir doch einen Fachmann!

„Natürlich können bereits junge Menschen komponieren und eigene Werke schaffen, wie sie malen und eigene Bilder schaffen können. Spannend zu beobachten ist, dass diese Frage beim Malen und Gedichte schreiben nicht gestellt wird. Eine Antwort könnte darin liegen, dass der Begriff des Komponierens in jungen Jahren historisch betrachtet eher „wunderkindmäßig“ besetzt ist – und damit im Bewusstsein eine gewisse Exklusivität erlangt. Und: Komponieren kann man lernen – wie ein Instrument.“ meint Helmut Schmidinger, Komponist, Veranstalter und Pädagoge.
Und er muss es wissen, denn in seiner Zeit als Instrumentallehrer wurde er oft mit dem Phänomen konfrontiert, dass SchülerInnen eigene kleine Erfindungen anstelle der Übungsaufgaben spielen wollten. Erlebnisse, die übrigens viele KollegInnen teil(t)en. Statt diesen Schöpfungsdrang im Keim zu ersticken, beschäftigte sich Schmidinger mit dem Thema „Kompositorische Kreativität von Kindern und Jugendlichen“; derart intensiv, dass er seine Dissertation dem Thema „Kompositionspädagogik“ widmete: „Meine Dissertation liefert den theoretischen Background für das Studium der Kompositionspädagogik und geht der Frage nach, in welchem Verhältnis sie zu anderen Bereichen der Musikpädagogik wie z. B. der  Instrumental- und Gesangspädagogik steht, wie das Berufsbild eine(r)s KompositionspädagogIn aussieht und ob es sich um eine künstlerische, eine wissenschaftliche oder eine künstlerisch-wissenschaftliche Disziplin handelt.  All diese wissenschaftlichen Basics sind in dieser Dissertation aufgearbeitet!“

Zu dem wissenschaftlich-forschenden Ansatz ist Schmidinger die praktische Umsetzung wichtig. So fördert er auch – oder besser gesagt, vor allem! – in der Praxis die kreativen Ansätze junger Menschen. An der KUG, der Kunstuniversität Graz, wurde eine Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche eingerichtet, sowie ein Studiengang Kompositionspädagogik, denn entscheidend ist eine entsprechende Ausbildung zukünftiger Kompositionslehrender. „Ein Langzeitprojekt!“, wie Schmidinger betont. Doch eines, das sich lohnt, umgesetzt zu werden.
Denn jetzt schon konnte man erleben, welch kompositorisches Potential junge Menschen mitbringen: Bereits zum zweiten Mal gab es in Zusammenarbeit mit dem Arnold Schönberg Center die „Komponierwerkstatt für junge KomponistInnen“, unterstützt von der Ernst von Siemens Musikstiftung. Aus einer großen Anzahl an Einreichungen von Kompositionsskizzen (wobei die maximale Besetzung und maximale Dauer vorgegeben waren) wurden sechs StipendiatInnen ausgewählt, die im Rahmen der Werkstatt an ihrer Komposition arbeiteten: Ein verlängertes Wochenende im November, ein weiteres im Januar, in welchen sie einerseits von Helmut Schmidinger Unterstützung in kompositorischer Hinsicht erfuhren; zum anderen gab es eine Zusammenarbeit mit jenen Musikern, die die Werke bei einem Abschlusskonzert uraufführten. Somit erhielten die TeilnehmerInnen die Möglichkeit, mit „Gleichgesinnten“ in Kontakt zu treten, „um festzustellen, dass man mit diesem Virus nicht allein ist – ein Virus übrigens, der einen nicht mehr loslässt“, wie Schmidinger lachend ergänzt. Die praktischen Erfahrungen boten einen höchst motivierenden Input, und für alle Beteiligten war wohl das größte Erlebnis, ihre Werke live zu hören.

Am 21. Januar fand nun die Präsentation der Uraufführungen statt, das Arnold-Schönberg-Center öffnete seine Pforten, eine Einladung, der viele neugierige KonzertbesucherInnen folgten. Die Neugierde wurde belohnt, als das hervorragende Ensemble (Johannes Fleischmann, Violine; Lukas Seifried, Saxophon; Maria Radutu, Klavier; Joachim Murnig, Marimbaphon) die Werke mit technischer Raffinesse und einer Begeisterung zum Klingen brachten, als spielten sie um den Sieg bei einem Wettbewerb. Neben Bearbeitungen der Sechs kleinen Klavierstücke op.19 von Arnold Schönberg durch die StipendiatInnen standen am Programm:

–    Benedikt Alphart (*1998): Fixsternwälder
–    Georg Schenk (*2003): Nacht
–    Oliver Rutz (*1998): Quo vadis …? Klavierstück mit nicht mehr als vier simultan
 angeschlagenen Tasten
–    Vincent Welz (*2002): Konzertwalzer „Hommage an Wien“
–    Valerie Ettenauer (*2004): Scherzo Caprice
–    Julius von Lorentz (*2003): ONE

Ein wunderbar reichhaltiges Konzerterlebnis, das einen höchst zuversichtlich stimmenden Blick in die Zukunft gestattete!
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( c) Eike Feß / Arnold Schönberg Center
(v.l.n.r: Georg Schenk, Julius von Lorentz, Maria Radutu, Angelika Möser, Helmut Schmidinger, Valerie Ettenauer, Benedikt Alphart, Oliver Rutz, Vincent Welz, Johannes Fleischmann, Joachim Murnig, Lukas Seifried)

Benedikt Alphart über sein Werk „Fixsternwälder“:
Der Titel „Fixsternwälder“ stammt aus einem Gedicht von Arno Holz, seine Bedeutung im Kontext dieses Stückes zu interpretieren, überlasse ich der Phantasie des Zuhörers. Das Nebeneinander unterschiedlicher Klangfarben und Stimmungen – von grellen Glocken und dunklem Donnern bis hin zu aufbrausenden Ausbrüchen – hat mich beim Komponieren dieses Klaviersolos besonders interessiert. Auch zitatfreie Bezüge auf das Werk Arnold Schönbergs sind Teil des Stückes.

Georg Schenk über sein Werk „Nacht“:
Das Stück „Nacht“ lädt die Zuhörer zum Träumen und Phantasieren ein. Szenen, die in dieser Nacht passieren können, sind in diesem Stück vertont. Kaum Höhepunkte und teilweise schlichte Einfachheit sollen besonders viel Freiraum dafür geben. Viele Klangteppiche, Melodien und die Schlichtheit sind nicht nur für Phantasie gedacht, sondern auch für das generelle philosophische Denken. Auch die Form des Stückes ist nicht fest gegliedert, um ebenfalls dem Zuhörer die Hörfreiheit im Formgedanken zu gewähren. Mir als Komponist ist dabei wichtig, dass jeder Zuhörer im Dialog und Konflikt mit sich selbst und dem Stück zum eigenen, vollkommenen Musikgenuss gelangt.

Oliver Rutz über sein Werk „Quo vadis …?“:
„Quo vadis …?“ stellt das Motto des Stückes dar. Sich selber zu fragen, wohin es denn noch gehen soll, bedingt, sich in verschiedene Teilgebiete eines Problems hineinzuversetzen. Diese Überlegungen versuchte ich als Konzept anzuwenden. Ich frage mich aus der Perspektive der Harmonik, Rhythmik und Melodik, wohin es denn gehen soll und spiele dabei bewusst die verschiedenen Ebenen auch gegeneinander aus. Ich bewege mich zur Reflexion und halte mir das Motto ständig vor Augen, indem ich mir die Regel setze, niemals mehr als vier Tasten gelichzeitig anschlagen zu lassen, trotzdem aber die von mir gewünschte Wirkung zu erzielen probiere. Das Stück ist zweiteilig, jedoch wird der zweite Teil in diesem Konzert nicht gespielt.

Vincent Welz über sein Werk „Konzertwalzer ‚Hommage an Wien‘“:
Mein Konzertwalzer ist eine leidenschaftliche Hommage an die kontrastreiche und pulsierende Großstadt an der Donau. In der Strauss’schen fünfteiligen Walzerform zeige ich 4 kurze Spots auf 4 Orte, die auf mich einen besonders großen Eindruck hatten. Hier arbeite ich viel mit Kontrasten, die auch durch die gewählte Besetzung unterstützt werden. Der dritte Walzer dreht als Mittelpunkt den Spieß um und zeigt meine Reflexion des Ganzen. Hier spiele ich mit einer Figur und auch der Ästhetik eines der 6 kleinen Klavierstücke op. 11 von Arnold Schönberg, der ja nun auch ein wichtiger Teil meiner Beziehung zu Wien ist.
Mein Stück endet nach einer Coda mit einem Dominantseptakkord, als Symbol für eine Art „Fortsetzung folgt …“, jedoch nicht unbedingt des Stücks, sondern eher meiner Beziehung zu Wien, von Wien allgemein …

Valerie Ettenauer über ihr Werk „Scherzo Caprice“:
Da ich selbst Violine spiele, hatte ich schon länger die Idee, ein Stück für Violine zu komponieren. Das prägnante Anfangsthema hatte ich allerdings ursprünglich für ein Klavierstück geplant. Als ich das Thema aber auf der Geige ausprobierte, entdeckte ich, dass es auf diesem Instrument besser klingt, da der große Klang der Violine meiner Meinung nach besser zu diesem Stück passt.
Nach dem majestätischen Anfangsthema gibt es einen scherzoartigen Mittelteil, welcher mit kleinen Umwegen wieder in das abgewandelte Anfangsthema führt.

Julius von Lorentz über sein Werk „ONE“:
Mit ONE habe ich versucht, Saxophon, Violine, Marimbaphon und Klavier in vier unterschiedlichen Teilen eines Stücks wie ein Instrument klingen zu lassen. In jedem Teil tritt auch ganz deutlich eines davon hervor: Zuerst das Saxophon, dann die Marimba, die Geige und im letzten Stück das Klavier. Es gibt Momente, die durch alle vier Teile laufen und welche, die nur für einen Teil bleiben.
Jedes Instrument wird durch typische Klangfarben und Stimmungen charakterisiert, manche Stimmungen entstehen auch durch außergewöhnliche Klangeffekte

Renate Publig

 

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