Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Armes Theater: TRILOGIE DER SOMMERFRISCHE

14.05.2012 | Theater

WIEN / Armes Theater im Novomatic Forum: 
TRILOGIE DER SOMMERFRISCHE von Carlo Goldoni
Premiere: 5. Mai 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 13. Mai 2012  

Ensembles, die keine fixen Häuser „bewohnen“, haben nicht nur den Vorteil, dass die Gemeinde Wien sie nicht hinauswerfen kann. Es besteht auch die Möglichkeit, sich für gewisse Produktionen an stimmigen Spielstätten einzumieten. Wenn man also Goldonis berühmte „Trilogie der Sommerfrische“ spielt, dann ist das ehemalige Verkehrsbüro (vis a vis von der Secession) gewissermaßen ein idealer Rahmen. Auch wenn heute Novomatic drinnen wohnt, gibt es noch immer die Palmen, die einst den Hauptsaal zierten, wo man seine Reisen buchen konnte. Heute hängen großformatige moderne Werke an der Wand, und es ist Platz genug für ein paar Sesselreihen und die Darsteller.

Zumal das „Arme Theater“ seinem selbst auferlegten „Armuts“-Gebot folgt, und das mühelos. Wenn man die Produktion so sieht, fragt man sich, wozu man mehr brauchen sollte als die paar Koffer, die herumstehen, und die paar Liegestühle, die für den zweiten Akt gebracht werden. Das Prinzip des Ensembles, Werke einfach zu spielen, aus den Schauspielern und Situationen zu begreifen, bewährt sich auch bei Goldoni – in heutigen Alltagskostümen.

Diese „Trilogie“, die uns am Burgtheater einst Giorgio Strehler in einer unvergesslichen Aufführung beschert hat, ist normalerweise ein ungemein langes, weil (wie der Titel sagt) dreiteiliges Werk. Das Arme Theater kommt mit 2 Stunden 20 Minuten aus, das ist ungefähr die Hälfte dessen, was normalerweise dafür benötigt wird. Und trotz dieser perfekten Striche ist die Geschichte nicht nur völlig erhalten – Regisseur Erhard Pauer hat auch dafür gesorgt, dass alles, was für uns besonders interessant daran ist, schonungslos hervorgeholt wird.

An und für sich ist Goldoni mit diesem Stück von 1761 aktuell genug. Wie viele Leute fahren nicht nur auf Urlaub, um (wie im ersten Teil „vor der Sommerfrische“ gezeigt) den gesellschaftlichen Konkurrenzkampf dort auf anderer Ebene weiterzuführen, mit Kleidern, Gelagen, Unterkunft. Das sich-gegenseitig-beobachten, sich-gegenseitig-übertrumpfen, wer kennt es nicht in der einen oder anderen Form?

Teil zwei, „in der Sommerfrische“, zeichnet genau nach, wie langweilig so ein Ausnahmezustand sein kann, wenn man ihn nicht mit sinnlosen Aktivitäten totschlägt – und wie sehr man hier in eine Verwirrung der Gefühle geraten kann, die oft nur durch die permanente Nähe (und auch den Mutwillen mancher Beteiligter) hervorgerufen wird.

Teil drei, „nach der Sommerfrische“, ist dann jener, der uns heute am allernähesten auf den Leib rückt: Denn so gut wie alle Figuren des Stücks leben gewissenlos auf Pump und Borg als gäbe es kein Morgen, und sie zerbrechen sich nicht einmal den Kopf darüber, wie sie die leichtfertig gemachten Schulden je zurückzahlen können… Das ist die Mentalität, die derzeit nicht nur Einzelne, sondern offenbar ganze Länder an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Und darum sind in dieser Inszenierung die Menschen am Ende nicht nur unglücklich, weil sie ihre Gefühle opfern müssen – sondern weil sie im wahrsten Sinn des Wortes am Ende sind. Erstaunlich, wie nahe uns ein Stück aus dem 18. Jahrhundert kommen kann.

Es wird, wie gesagt, einfach und schnörkellos gespielt – im fast leeren Raum, in heutigen Gewändern. Und doch gewinnen alle Figuren ohne Hilfe von außen die völlig richtige Kultur. Vor allem zwei unglückliche junge Frauen – die übrigens auch ganz lästig und vollmundig sein können – bestricken: Krista Pauer als Giacinta, die das schmerzliche Erlebnis wirklicher Liebe machen muss, und Piroska Szekely, die laut beginnt (einen Bruder sekkierend) und immer leiser wird, als sie merkt, dass ihre Liebe nicht erwidert wird. Schön machen sie das.

Manfred Jaksch ist der scheinbar wohlhabende Mann, der mit großer Freundlichkeitsgeste zweifellos ehrlich gemeint alle einlädt und sich überhaupt nicht den Kopf zerbricht, ob er das finanzieren kann. Jörg Stelling liest ihm und allen anderen auch diesbezüglich souverän die Leviten. Im gnadenlosen Konkurrenzkampf ist Markus Pol als Leonardo von Anfang an untergegangen – er hat die Nervosität eines in die Enge getriebenen Tieres. Ungemein direkt, schamlos und dadurch wenig schillernd ist die Schmarotzerfigur des Georg Leskovich, der eine reiche Alte (Doris Richter) ja doch noch ausnimmt. Im übrigen gibt es den unglücklichen Liebhaber, der die eine liebt und die andere nehmen muss (Lawrence Karla). Was das geplagte Dienerpaar betrifft, so ist Dieter Hofinger glaubhafter als Isabella Fritdum.

In der Pause gab’s Wein oder Prosecco (inbegriffen), aber es hätte dieser freundlichen Gabe nicht bedurft, um das Publikum freundlich zu stimmen: Es folgte der Geschichte mit jenem Interesse, das man aufbringt, wenn Dinge einen angehen.

Renate Wagner  

Noch am 2., 3., 16. und 17. Juni 2012

 

 

Diese Seite drucken