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WIEN / Armes Theater: DREI SCHWESTERN

15.08.2012 | Theater

WIEN / Armes Theater im Bockkeller: 
DREI SCHWESTERN von Anton Tschechow
Premiere. 15. August 2012

Wie die Zeit vergeht… Nun gibt es das „Arme Theater“ auch schon seit sieben Jahren. Beharrlich arbeitet Erhard Pauer daran, große Werke der Weltliteratur nach allen Gesetzen der szenischen „Armut“ auf die Bühne zu bringen, wobei man hingegen bei den Texten ganz genau hinhört. Das geschieht nun wieder bei Tschechows „Drei Schwestern“.

Schauplatz ist, wie meist, der Bockkeller in Ottakring, 1906 als höchst ansehnliches Wirtshaus gebaut, dann verfallen, heute dem Volksliedwerk zugehörig und glücklicherweise als Spielstätte vermietet. Gerade für die „Drei Schwestern“ bietet der ehemalige Speisesaal mit seinen Spiegeln und barocken Deckenfresken den idealen Rahmen: Die „drei Schwestern“, Töchter des verstorbenen Generals, leben zwar seit über einem Jahrzehnt in der Provinz, aber immer noch in einem repräsentativen Haus. (Schade nur, dass die hier programmatisch gewählte Alltagskleidung die Frauen optischer Reizlosigkeit preisgibt.)

Die „Drei Schwestern“ sind Tschechows Lehrstück über die „Sinnsuche“ des Lebens. Für drei Frauen ist ihre derzeitige Existenz in der Provinz Sinnbild des hoffnungslosen Erstickens im Alltag, während ihre Sehnsucht „Nach Moskau!“ den Wunsch nach der möglichen Erfüllung der menschlichen Existenz beinhaltet. Nicht nur in diesem Stück (auch in „Onkel Wanja“ sehr stark) bietet Tschechow die Arbeit als Lebenssinn an, zeigt aber gleichzeitig, wie zermürbend und sinnlos auch diese sein kann, wenn man im Telegraphenamt Telegramme entgegennimmt… Aber gerade, weil die Menschen sich so ernsthaft um das bemühen, was man mit „persönliches Glück“ im edelsten Sinn umschreiben kann, lastet die Traurigkeit, die Tschechow ihnen auferlegt, noch schwerer auf den Personen – und dem Zuschauer.

Die Inszenierung von Erhard Pauer gibt sich allerdings nicht mit ätmosphärischer „russischer Seele“ oder konventionellem Gefühlsüberschwang ab. Ganz genau zeichnet er nach, dass die vier Akte des Stücks sich über Jahre erstrecken, man also den Figuren stets in neuen äußeren Umständen und inneren Befindlichkeiten begegnet – Wandlungen, die sorgfältig spürbar gemacht werden. Im übrigen überrascht der Regisseur durch Gewichtungen, die sich von sonstigen Interpretationen unterscheiden, die meist (logischerweise) die Seelenzustände und Verzweiflungen von drei ganz verschiedenen Frauen ausloten. Hier hingegen sind die Schwestern nur Mitspielerinnen in einem gleichwertigen sozialen Geflecht, in dem die Männer ebenso stark wirken.

Das Stück hat, was die Titelrollen betrifft, eine gewaltige darstellerische Tradition, und man hat Olga, Mascha und Irina oft ausführlicher psychologisch unterfüttert gesehen – Pauer hingegen lässt die drei eher schroff, abgehackt, oft seltsam und sehr „anders“ erscheinen. Neben Sabine Muhar (Olga) und Barbara Braun (Mascha) erreicht Krista Pauer als Irina im dritten Akt in ihrem Monolog ihren persönlichen Höhepunkt. Die immer wirkungsvolle Rolle der Schwägerin könnte eine Spur hintergründiger vermittelt werden als durch Caroline Athanasiadis.

Wirklich interessant sind allesamt die Männer, wenn etwa Jörg Stelling als Werschinin keinerlei Liebhaber-Pose, aber eine wunderbare Ausstrahlung persönlichen Unglücks vermittelt. Älter, reifer und stärker als sonst erscheint Tusenbach in Gestalt des ungemein differenzierten Peter Bocek. Hervorragend, wie Manfred Jaksch den Doktor als „überflüssigen“ Menschen klar macht, der zumal im Suff erkennt und bekennt, das Leben konstitutionell für total sinnlos zu erachten. Ganz jung besetzt ist der unglückselige Bruder der drei Schwestern mit dem in Verzweiflung schwankenden Adrien Papritz. Er und Maschas Gatte – exzellent als Lehrer schlechthin, so wie man sie besserwisserisch verabscheut: Markus Pol – sind von Tschechow in die Situation des betrogenen Ehemannes gebracht worden, die sie beide mit einer geradezu Ibsen’schen Lebenslüge übertünchen: Aber wir sind bei Tschechow, und darum ist die Wirkung besonders stark, wenn man spürt, dass beide die eigenen Versicherungen in tiefster Seele selbst nicht glauben…

Die heimliche Meisterleistung des Abends liefert aber Manuel Walcherberger in der Rolle des Soljony, die in den meisten Inszenierungen vernachlässigt wird (was dann ein dramaturgisches Loch reißt, wenn man den Tod Tusenbachs eigentlich nicht versteht): Walcherberger spielt einen jungen Mann, dessen tiefstinnere Unsicherheit in Besserwisserei und Aggression ausartet – und von dem man sich nicht wundern würde, wenn er eine Pumpgun nähme und in die nächste Menschenversammlung hineinschießt, einfach, weil er sich in seiner Haut so unwohl fühlt. Man hat geradezu eine Figur entdeckt.

An diesem Abend, der vom Publikum mit dem überstarken Applaus der Beeindruckten bedankt wurde, erreicht Erhard Pauer wirklich, den philosophischen Impakt dieses so besonderen Stücks zu transportieren. Kaum jemand wird aus dieser Inszenierung hinausgehen und nicht die Sinnfrage des Leben für sich ganz persönlich mitnehmen.

Renate Wagner

 

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