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WIEN/ Amtshaus Döbling: KONZERT „BORIS CHRISTOFF zum 100. Geburtstag“ mit Apostol Milenkov /Anna Ryan/Pavel Kachnov

WIEN/ Amtshaus Döbling: 13.5.2014, Merker-Kunstsalon: BORIS CHRISTOFF zum 100. Geburtstag

Diese gelungene tönende Hommage gab einem Nachfolger mit gleicher Nationalität und ähnlicher Stimmfarbe und Gesangsweise die Chance, sich vor einem Kenner-Publikum in seinem eigentlichen Fach zu bewähren und uns, die wir Christoff noch live hören konnten, dieses Faszinosum in Erinnerung zu bringen,oder jüngeren Opernfreunden, die den „Jahrhundert-Bass“ nur von Tonträgern kannten, das Hineindenken in jenen großen Sängerdarsteller zu erleichtern. Apostol Milenkov, gleichfalls Bulgare (und Ehemann von Nadia Krasteva) ist für einen Bass mit Anfang 40 noch recht jung, aber die charakteristische Stimmfarbe für das russische Fach, das er an diesem Abend exklusiv sang, ist voll ausgereift. Am besten konnten wir das bei der Arie des Gremin feststellen, die wir oft auch von Vertretern anderer Sangesschulen gehört haben: rau, aber herzlich, kraftvoll durchdringend, mit hartem Kern in jeder Lage seine Standfestigkeit an der Seite Tatjanas bezeugend, am Ende aber im mezzavocemit sonoren Basstönen, im leisen Verklingen immer noch sehr tragfähig, die nimmer endende Liebe zum Ausdruck bringend. Wilder ging’s bei Rubinstein („Der Dämon“) und Rachmaninoff („Aleko“) zu, wo er von dunkler Leidenschaft getriebene Charaktere darzustellen hatte. Zusammen mit Anna Ryan, der als Armenierin das Russische, das sie in der Schule gelernt hat, ebenso nahe steht, kam es zu erregenden Szenen, in denen der Dämon (eine Mephisto-Variante) einer Frau zusetzt oder diese im Fall des alten Aleko nicht loslassen will, obwohl sie einen Jüngeren liebt. Wer des Russischen nicht mächtig ist, verstand dennoch, was da vorging, weil beide Künstler ihre Stimmen mit plastischer Wort-Ton-Gestaltung auf die jeweilige Situation einzufärben vermochten.

Aus „Boris Godunov“ sang Apostol Milenkov sowohl – zu Beginn -den Titelhelden als auch gegen Ende des Konzerts den Bettelmönch Warlaam mit völlig anderem Ausdruck. Das war nicht die amüsante komische Figur à la Falstaff oder Bartolo, sondern mit seiner stimmlichen Wucht und grellem, ja geradezu aggressivem Gesang eine verlorene Kreatur.

Nachdem Anna Ryan die Sehnsüchte und Nöte von Borodins Jaroslawna(“Fürst Igor“) ebenso überzeugend intoniert hatte wie als Tschaikowskys Lisa (“Pique Dame“) die zum Freitod entschlossene Frau vor dem Sprung in die Newa, trugen die beiden im Dialog Tschaikowskys schottische Ballade von Edward mit beängstigenderIntensität vor.

Der erst 26-jährige ukrainische Pianist Pavel Kachnov (der gerade erst innerhalb eines Monats bei Wettbewerben drei Preise gewonnen hat) tobte sich am (keineswegs erstklassigen) Flügel entsprechend den kompositorischen Vorgaben aus. Zur Polonaise aus „Eugen Onegin“ hätte man wohl kaum tanzen können, so wild fetzte er die hin, aber in den Szenen mit den beiden großartigen Sängern zeigte er sein Einfühlungsvermögen und fesselte das Publikum mit slawischer Urgewalt.

Die einleitenden Worte der Kunstsalon-Erfinderin Elena Habermann und des bewährten Moderators Peter Dusek, der aus eigener Anschauung Boris Christoff kurz charakterisierte, vervollständigten den informativen Opern-Konzert-Abend im Döblinger Amtshaus.

Sieglinde Pfabigan

 

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