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WIEN / Albertina: RENÉ MAGRITTE

01.02.2012 | Ausstellungen
WIEN / Albertina, Kahn-Galleries:
RENÉ MAGRITTE 
Vom 9. November 2011 bis zum 26. Februar 2012
Welt und Leben als Enigma
 
Was ist Surrealismus? Vielleicht die Erkenntnis, dass die Dinge nicht immer sind, was sie scheinen. Niemand stößt den Betrachter intensiver auf diese Tatsache als René Magritte mit seinen Werken. An sich scheint auf seinen Bildern jeder Gegenstand für sich ganz normal zu sein. Im Zusammenhang miteinander oder in sich selbst in ihre Bestandteile zerlegt, erweisen sie sich im höchsten Sinne als enigmatisch. In der Albertina wird der Kunstfreund durch ein Abenteuer des Schauens und des Rätselns getrieben: Klaus Albrecht Schröder hat für den belgische Surrealisten die größte Ausstellung auf die Beine gestellt, die es in seinem Haus je gab.
 
Von Heiner Wesemann
 
René Magritte    Magritte,  geboren 1898 im Hennegau, gestorben 1967 in Brüssel, war wallonischer Herkunft, Sohn einfacher Eltern, der als Vierzehnjähriger die Mutter verlor (sie beging Selbstmord). Erst in seinen späten Jahren konnte er von seiner „Künstlerschaft“ leben – jahrzehntelang war er „berufstätig“, entwarf anfangs Tapeten, schuf später Gebrauchsgraphik, wovon die Ausstellung zahlreiche Beispiele zu bieten hat. 1927 zog er mit seiner Frau nach Paris, bewegte sich in den Kreisen der Surrealisten und ist für die Nachwelt neben Dali die führende Persönlichkeit dieser Richtung, die lange Zeit – noch über den Zweiten Weltkrieg hinaus – zu den dominierenden Strömungen der Kunstwelt zählte. In den fünfziger Jahren eroberte Magritte die USA, und seit seinem Tod 1967 zählt er zu den populärsten, meist reproduzierten und extrem oft ausgestellten Künstlern der Moderne. In Wien hat zuletzt erst 2005 das BA-CA-Kunstforum eine durchaus umfassende Ausstellung des Künstlers geboten.
 
Schröders Superlative    In der Albertina allerdings kann Klaus Albrecht Schröder für Magritte, für den er offenbar auch eine persönliche besondere Vorliebe hegt, nicht hoch genug greifen: Leihgeber aus aller Welt wirkten zusammen, um 150 Gemälde und Zeichnungen, 117 „flankierende“ Werke in Plakat, Collage, Fotografie, Film (Magrittes eigene HomeVideos flimmern von vielen Leinwänden) sowie dokumentarisches Anschauungsmaterial zusammen zu bekommen. 2000 Quadratmeter der Kahn-Galleries im obersten Stock der Albertina wurden großzügigst und übersichtlich bestückt. Die chronologische Vorgangsweise mit der Ballung von Schwerpunkten (etwa bei den Plakaten) erweist sich als sinnvoll, weil Magrittes Entwicklung solcherart recht deutlich nachzuvollziehen ist – er hat Perioden, in denen er Kitsch, in denen er Erotik und Brutalität bevorzugt, dann wieder solche, wo er seine genialen „Rätsel“-Gemälde schafft.
Der Bürger mit der Melone    Immer wieder wird die Diskrepanz zwischen dem René Magritte, der sich in der Öffentlichkeit als „braver Bürger mit Melone“ zeigte, und dem Maler, der nicht nur diese Bürgerlichkeit radikal in Frage stellte, betont. Der Mann mit der Melone am Kopf ist eines der Magritte-Markenzeichen, er lässt sein Gesicht einfach aus dem Körper herauswandern und frei in der Luft schweben, er lässt ihn zu Dutzenden vom Himmel regnen, er lässt Augen, Nase, Mund frei im Raum schweben und evoziert so unweigerlich die Frage: Was ist eigentlich der Mensch, woraus besteht er, „Ich – was ist das?“ Zumal, wenn sich ein Liebespaar mit verhüllten Köpfen küsst, was allerdings die biographische Interpretation nahe legt, dass man die Leiche von Magrittes Mutter mit einem Tuch, das sich über ihren Kopf geschlungen hatte, aus dem Wasser geholt hat.
 
Rosen, Äpfel, Steine, Wolken, Tauben     Der Kosmos des René Magritte mit gewissen Versatzstücken wiederholt sich in den Bildern, vieles wird – dann noch durch verwirrende Bildtitel verschärft – zu Surrealismus pur. Da ist der Mensch in die Welt der nicht mehr aufzulösenden Träume verwiesen, die hier bildlich Gestalt gefunden haben. Die Herausforderung für etwa so komplexe Werke wie „Der bedrohte Mörder“ (Schröders Lieblingsbild) fassbare Interpretationen zu finden, macht die Auseinandersetzung mit Magritte zur ureigensten Aufgabe jedes Kunstfreundes. Aber auch maskentragende Äpfel, Füße, die nahtlos aus Schuhen wachsen, brennende Kerzen, die sich wie Würmer am Meeresstrand kringeln, Bilder, auf denen es gleichzeitig Tag und Nacht ist… die Beispiele Magritte’scher Phantasie sind sonder Zahl, man könnte gewissermaßen jedes Bild benennen.
 
Bekanntes und Unbekanntes     Natürlich „bedient“ diese Ausstellung den über-populären Magritte, wenn sich hier etwa das Bild der Pfeife mit der Aufschrift „This is not a pipe“ findet, weil das Bild eben nicht das Original ist. Es gibt surreale Ironie, über die man umweglos lächeln bis lachen kann, weil die Pointe sich sofort erschließt – wenn in seiner Perspektive der Madame Recamier von David auf dem berühmten Sofa nicht eine Dame hingegossen liegt, sondern ein Sarg… Kaum surreal, vielmehr ein ganz klares politisches Gleichnis hat man vor sich, wenn auf einem Plakat ein Mann in den Spiegel schaut und Hitler ihm entgegen blickt: Manchmal wurde Magritte, der Mann der Geheimnisse, auch ganz deutlich.
 
Magritte A bis Z     Ein surrealer Künstler verdient auch einen ungewöhnlichen Katalog: „Magritte A bis Z“ (Verlag Albertina Ludion) hat sich eine Vielzahl von Stichworten ausgedacht (Magrittes Paraphrasen der Groschenroman-Figur „Fantomas“ finden sich dann aber nicht unter „F“, sondern bei „A“ unter „Aneignung“) – das ist kein Nachschlagewerk, das ist eine Herausforderung für den Leser, sich einfach auch in surreale Denkwelten entführen zu lassen. Merke: Nicht alles ist, was es zu sein scheint.
 
Bis 26. Februar 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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