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WIEN / Albertina: KLIMT. DIE ZEICHNUNGEN

14.03.2012 | Ausstellungen

Fotos: Wesemann

WIEN / Albertina:
GUSTAV KLIMT. DIE ZEICHNUNGEN
Vom 14. März 2012 bis zum 10. Juni 2012 

 Täglich den Bleistift in der Hand

 Ein Künstler, der an die 4000 Zeichnungen hinterlässt, der hat vermutlich wirklich täglich den Bleistift in der Hand gehabt, wie Marian Bisanz-Prakken, die Kuratorin der Klimt-Ausstellung der Albertina berichtet. Und wenn eine Institution davon rund 170 hochrangige Werke besitzt, dann ist das Klimt-Jahr wohl der Zeitpunkt, diese auszustellen. Zumal sich die Albertina als Forschungszentrum für Klimt begreift, wie Direktor Klaus Albrecht Schröder betont. Seit Jahrzehnten werden hier die Zeichnungen des Künstlers aufgearbeitet – wobei es auch gilt, bei all den Neufunden („Sehr viel von Klimt befindet sich auch in Privatbesitz“) die Fälschungen auszuscheiden. Bei der derzeitigen Ausstellung ist mit Sicherheit alles echt.

Von Heiner Wesemann

Verspielter Rahmen   Hinauf in die Propter Homines Halle, wo man von einem überdimensionalen Foto des Künstlers begrüßt wird. Als ob er in sein privates Atelier einladen würde. Man hat die einzelnen Räume auch von der Starrheit der nackten Wände befreit – immer wieder erstreckt sich über eine ganze Seitenwand überdimensional eine locker hingeworfene Zeichnung. Die Originale hängen dann gewissermaßen drinnen. Es hilft der Belebung, denn was man sieht, ist auf den ersten Blick nicht sehr bewegt – nahezu gleich große Blätter, die meisten mit Bleistift gezeichnet, viele so filigran, dass sie schwer erkennbar sind. Nur selten ragt ein Bild heraus als auffallender Blickfang, mit Tusche , Bleiweiß oder Rot von der Skizze weitergestaltet zum Kunstwerk (was nicht bedeutet, dass nicht viele der Skizzen genuine Kunstwerke sind). Dennoch: Der Welterfolg des Gustav Klimt besteht nicht zuletzt darin, dass seine großen Gemälde so spektakulär, so grandios bunt, vielfach so „golden“ sind. Davon spürt man hier nichts. Man befindet sich gewissermaßen in der Werkstatt. Nur dass es glücklicherweise immer schöne Frauen zu sehen gibt…

 

Zu Beginn das Handwerk         Die Kuratorin geht chronologisch vor, teilt das Werk in vier Entwicklungsstufen. Die erste setzt sich deutlich von den folgenden ab, zeigt den Klimt der Frühzeit, der das Handwerk brillant gelernt hat und in einer Welt der Historismus-Malerei mühelos seinen Platz findet. Er arbeitet geradezu auf der Suche nach Schwierigkeiten – gedrehte Köpfe, die völlig „echt“ wirken. Das Wien Museum lieh sein (im Original kleines, von zahllosen Abbildungen bekanntes) Aquarell vom Inneren des Burgtheater-Zuschauerraums. Geld verdiente man auch mit Entwürfen für Banknoten…

Die Secession       Klimt war Mitte 30, als er sich radikal der Secession zuwandte. Das bedeutete nicht nur gänzlich neue Formen, Stiliserung mit Hilfe des Ornaments, sondern auch eine veränderte, nun wirklich „moderne“ Lebenseinstellung. Der „nackte“ Mensch wird für den Künstler in doppelter Hinsicht zum Symbol – die existenzielle Verlorenheit der Seelen hat Sigmund Freud bewusst gemacht. Hier gibt es nicht nur Zeichnungen für „Ver Sacrum“, hier finden sich auch Studien für die „Fakultätsbilder“ der Universität – und da diese ja verloren gegangen sind, stellen diese Blätter einen besonderen Wert dar. Zahlreiche „Körperstudien“, die Bewegungen nachspüren, zeigen Klimt als Künstler geradezu auf den Spuren der Kollegen der Renaissance, die ähnlich penibel versuchten, den menschlichen Körper zu erfassen.  

Immer und überall: die Frauen    Die Studien zu den Frauenbildnissen durchziehen die Ausstellung. Sie sind durch Klimts Porträts berühmt, ja unsterblich geworden, jene Damen der Wiener Gesellschaft, deren Gatten reich genug waren, sie von dem berühmtesten Maler der Zeit darstellen zu lassen – ob sie Sonja Knips hießen, Serena Lederer, Melanie Henneberg, Fritza Riedler, Friederike Maria Beer, Margarethe Stonborough-Wittgenstein, Paula und Amalie  Zuckerkandl  oder jene Adele Bloch-Bauer, die als „goldene Adele“ in die Kunstgeschichte (und als „zurück-gestohlen“ in die Zeitgeschichte) einging. Dazu gibt es Namenlose in vollendeter Schönheit – und die zahllosen Nackten, die jeglicher Individualität beraubt, zum Prinzip geworden sind.

Der „goldene Stil“    Nie war Klimt berühmter als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als er zu seinem ureigenen Stil gefunden hatte, Menschen in ornamentale Welten einzubauen. Manche Muster erscheinen auch auf diversen Zeichnungen, aber es gibt auch Porträtskizzen: Eines der spektakulärsten, weil größten Werke ist die Übertragungsskizze für das Gemälde „Die drei Lebensalter“ zu dem es auch Detailarbeit gibt, die dann gar nicht in das Endprodukt eingingen wie der Kopf einer alten Frau. Einander unschlingende Paare waren „Proben“ für den „Kuss“. Auch zu jenem „Tod und Leben“, einem Glanzstück des Leopold Museums, gibt es Studien.

 

Die späten Jahre    Wenn Klimt den Ruf des „Erotikers“ genießt, dann wohl vor allem wegen der Zeichnungen, die er in seinen späten Jahren schuf – wo die Geschichten über sein Atelier und die nackten Models, die sich darin tummelten, die Phantasie der Zeitgenossen reizte. Klimts Darstellungen nackter Frauen sind von teils verführerischer Erotik, gehen gelegentlich weit über jeden „Sittsamkeits“-Kodex hinaus. Aber Klimt schaffte es auch, in den Skizzen der halbwüchsigen Mada Primavesi, die er damals malte, einen Hauch von kindlicher Femme fatale zu beschwören

Katalog geht über die Ausstellung hinaus     Im Falle dieser Ausstellung ist der Katalog eine nötige Zusatzinformation, will man das Gesehene richtig bewerten. Früher, in auch finanziell besseren Zeiten, hat Klaus Albrecht Schröder durch Ausstellungen beeindruckt, in denen er imstande war, Graphik und Ölgemälde korrespondierend und quasi kommentierend nebeneinander zu hängen. In Zeiten wie diesen kann die Albertina zu den Studien und Entwürfen nicht mehr die Ölgemälde dazu liefern, deren Entstehung hier punktuell begleitet wird. Der Katalog vermag es, und darum fügen sich die Zeichnungen dort erst in das Gesamtwerk. Die Ausstellung bedeutet einen gewissermaßen impressionistischen Spaziergang durch Blätter, die genau betrachtet werden wollen. Der Katalog (Hirmer Verlag) leistet zuhause Hilfestellung bei der Arbeit, das Gesehene in den Kosmos Klimt einzubauen.

 Bis 10. Juni 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

 

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