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WIEN / Albertina: KIRCHNER HECKEL NOLDE

31.05.2012 | Allgemein, Ausstellungen

WIEN / Albertina: 
KIRCHNER HECKEL NOLDE
Die Sammlung Werner
Vom 1. Juni 2012 bis zum 26. August 2012

Blumen zum Geburtstag – aber gemalt!

Wenn die Albertina unter dem Gesamttitel KIRCHNER HECKEL NOLDE eine gar nicht so kleine, aber überraschend feine Ausstellung zeigt, die vordringlich dem Expressionismus gewidmet ist, und wenn dies unter der schlichten Bezeichnung „Die Sammlung Werner“ läuft, dann konnte die Frage nur lauten: „Werner wer?“ Denn tatsächlich hatte man von diesem Sammler noch nie gehört. Was sich in dieser Ausstellung in der Albertina dann zeigt, ist nicht nur eine erlesene Zusammenstellung von Bildern, sondern auch ein höchst interessantes – Sammlerinnen-Schicksal…

Von Renate Wagner

Irmtraut Werner    Irmtraut Werner, die Frau, die vor Jahrzehnten vermutlich als Assistentin des Düsseldorfer Kunsthändlers Wilhelm Grosshennig in der Branche – aber nicht darüber hinaus – ein Begriff war, holt sich ihren Ruhm posthum. Geboren 1922 in Sachsen, verwitwet 1945, war die Kunst ihre große Leidenschaft, die sie in Grosshennigs Galerie ausleben konnte. Damals schon begann ihre Leidenschaft des Bildersammelns. Ab1959 alleinerziehenden Mutter eines kleinen Mädchens, ab 1965 Gattin eines unvergessenen Musikers, des großen russischen Geigers Ricardo Odnopossoff, lebte sie dann mit ihm in Wien bzw. an seiner Seite bei seinen Konzertreisen. Das Sammeln hat sie damals – lange unterstützt von Grosshennig, der ihr Mentor war – noch intensiviert. Odnopossoff starb 2004 (und ist auf dem Grinzinger Friedhof begraben), seine Gattin verlor 2008 den Kampf gegen den Krebs. Ihre Tochter Henriette Baum-Werner versprach der Sterbenden, dass ihre Sammlung einmal in der Albertina ausgestellt werden würde…

Schröders „Riesenüberraschung“   Anrufe von Privatleuten in der Albertina, die von ihren „Schätzen“ berichten, sind häufig, und nicht immer nimmt sich der Chef persönlich ihrer an (zumal in neun von zehn Fällen es nicht das ist, was man sich erhofft hat). Aber als 2008 Henriette Baum-Werner am Telefon war und vom Vermächtnis ihrer Mutter berichtete, trieb der Instinkt Klaus Albrecht Schröder dazu, sich in den Tresor einer Bank zu begeben – und vor Überraschung schier umzufallen. Irmtraut Werner hatte im Lauf ihres Lebens eine Privatsammlung von seltener Güte zusammen getragen, mit dem Schwerpunkt auf dem deutschen Expressionismus. Natürlich griff Schröder mit beiden Händen zu: Etwa die Hälfte der rund 150 Werke umfassenden Sammlung ging als vorläufige Dauerleihgabe in die Albertina – und werden nun in einer Sonderausstellung gezeigt.

 

 

Das erste Geschenk: Kirchners „Garten in Dresden“

Vor allem „Die Brücke“     Man vermutet, dass es die regionale Verwandtschaft war, dass Irmtraut Werner sich besonders auf die Künstler der „Brücke“ konzentrierte: Schließlich waren die Gründer dieser Gruppe in Chemnitz aufgewachsen, und dort fand sie, selbst in Sachsen geboren, zuerst in der Galerie von Wilhelm Grosshennig jenen Sekretärinnenposten, bei dem sie ihre Vorliebe für die Kunst ausleben konnte. 1951 ging sie mit den Grosshennigs nach Düsseldorf. Und er war es, der ihr zur Taufe ihrer Tochter eines der schönsten Aquarelle Ernst Ludwig Kirchners aus der Blütezeit der „Brücke“ schenkte, „Garten in Dresden“ (um 1911), ein Bild, das dem Besucher in der Ausstellung entgegen leuchtet.

Das Interesse am Gegenständlichen    Irmtraut Werner interessierte sich für die Expressionisten, und sie interessierte sich für gegenständliche Kunst. Sie kannte durch ihre Tätigkeit manche Künstler selbst, oft ihre Frauen, Witwen oder Nachkommen. So konnte sie manches schöne Stück für sich erwerben. In ihrer Sammlung finden sich herrliche Landschaften von Nolde, großartige Zeichnungen und Aquarelle von Ernst Ludwig Kirchner, ganz zu schweigen von dem großformatigen Ölgemälde „Fehmarnlandschaft mit Bäumen“, das zentral dem Eingang gegenüber hängt, suggestive Frauenbildnisse von Erich Heckel. Karl Schmidt-Rottluff oder Franz Marc sind mit starken Werken vertreten, ein Selbstbildnis von Alexej von Jawlensky sieht den Besucher an.

  

Eine Kapelle für Otto Mueller

Schwerpunkt Otto Mueller    Mueller (1873-1930), den Franz von Stuck für so untalentiert hielt, dass er ihn von der Akademie in München wies, war seit seinem Beitritt 1910 neben Kirchner und Heckel einer der bekanntesten „Brücke“-Künstler, ein Expressionist mit ganz eigener Handschrift, einem vielfach „eckig“ anmutenden Strich, der Irmtraut Werner fasziniert haben muss: Von ihm erwarb sie so viele Werke, dass die Albertina den Nebenraum der „Kapelle“ ausschließlich mit seinen Bildern füllen kann, wobei die Farblithographie von zwei Zigeunerinnen den Betrachter anzuspringen scheint.

Blumen von Kokoschka

Blumen von Kokoschka und anderen    Als österreichischer Expressionismus-Exponent ist Oskar Kokoschka mehrfach vertreten, von ihm besaß die Sammlerin einen „Blumenstrauß“ und einen „Tulpenstrauß“. Und Blumen gibt es reichlich, nicht nur von ihm: Kuratorin Marietta Mautner Marhof hat im zweiten Raum überhaupt einen individuell „weiblichen“ Schwerpunkt gesetzt. „Wo anderer Frauen einen Blumenstrauß zu einem Festtag bekamen, erhielt Irmtraut Werner Blumenstilleben großer Künstler“, erklärte sie. Wer könnte sich schon rühmen, solch beständige, unbeschreibliche „Blumen“ von Emil Nolde, Alexej von Jawlensky, Karl Schmidt-Rottluff,  Christian Rohlfs oder Paul Klee zu besitzen?

 Zum Drübersteuen    Auch an Picasso oder Matisse ging die Sammlerin nicht vorbei, von manchem Künstler hatte sie nur ein Werk, sie sammelte zwar gezielt, aber doch durchaus nach dem eigenen Geschmack. Das Katalogbuch, das die Albertina ihr hier erstellt hat, bietet Einblicke in die Sammler-Leistung von Irmtraut Werner. Und der Ausstellungsbesucher, von so viel „schönem“ Expressionismus höchst angetan, fragt sich am Ende nur noch: Und wie viele Meisterwerke mögen noch in Banktresoren lagern, ohne dass ihre Besitzer das Einsehen haben, die Welt daran teilnehmen zu lassen? Der Sammler mag erwerben und sich daran freuen – aber die Bilder gehören doch allen, die Augen haben zu sehen.

 Albertina: Kirchner Heckel Nolde. Die Sammlung Werner
Bis 26. August 2012

 

 

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