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WIEN / Akademietheater: WINTERREISE

05.04.2012 | Theater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
WINTERREISE von Elfriede Jelinek
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 5. April 2012  

Wer erinnert sich nicht an die neun Stunden „Sportstück“, die im Theaterbesucher die Gleichung „Jelinek = Qual“ nahezu unverrückbar fixierte. Was den Jelinek-Text „Winterreise“ betrifft, so hörte man aus München von einer ebenso langen wie kompakten Uraufführung durch Johan Simons in den Kammerspielen. In Wien hat Stefan Bachmann – auf dem Sprung nach Köln, wo er im nächsten Jahr Schauspielchef wird – erstmals Jelinek inszeniert und dies ohne die hechelnde, Männchen machende Attitüde vieler Kollegen angesichts der Nobelpreisträgerin, vor der zu knien zum guten Ton gehört. Er liefert eineindreiviertel pausenlose, mühelose, wenn auch nicht wirklich interessante Stunden „Jelinek light“.

„Winterreise“ ist, wie immer bei Jelinek, kein genuines Theaterstück, sondern ein Text, der – wie es heißt – in engem Bezug zu Schuberts „Winterreise“ ihre ewigen Themen aufarbeitet, private, ökonomische, gesellschaftskritische. Interpretieren kann man natürlich alles, aber im Grunde holt sich die Jelinek immer „ihre“ Sujets, die sie nicht unbedingt bei Wilhelm Müller (Schuberts Textdichter) anlehnen muss: Tod, Einsamkeit, menschliche Gemeinheit, gesellschaftliche Ächtung gibt es schließlich überall. Aber „Winterreise“ ist ein Begriff von solcher Kraft, dass selbst eine Jelinek offenbar die Assoziation nicht verschmäht.  

Ungegliederter Prosatext, der von Theatermachern wie üblich nach Belieben benützt und dargestellt werden darf: „Das Theaterstück, das auf der Bühne zu sehen sein soll, muss man eigentlich selber erfinden“, sagte Regisseur Bachmann in einem Interview. Er hat erfunden. Und offenbar ganz anders als die Münchner Kollegen. Schon die einführenden Worte über das Fließen der Zeit (wobei die Jelinek wie stets ironisch mit der Sprache herumstolpert) werden keinem Mann, sondern einer Frau in den Mund gelegt: Barbara Petritsch erscheint im ausufernd-fettwülstigen rosa Nacktkörper-Body in einem Loch und wird, man darf es vorwegnehmen, am Ende wiederkehren.

Dann das erste Schubert-Lied: Begleitet von Felix Huber auf einem altmodisch wirkenden Piano, das in der ersten Reihe des Zuschauerraums steht, ergreift Pop-Sänger Jan Plewka das Mikrophon und krächzt Schubert mit rauer Stimme so, wie ein Pop-Sänger das eben tut. Es gibt sicher Leute, die dabei Schmerzen empfinden. Aber man benötigt ja nun etwas, das zu Jelinek passt. Ein klassischer Sänger wäre hier fehl am Platz.

In der nächsten Szene sprechen Dorothee Hartinger und Melanie Kretschmann einerseits, Gerrit Jansen und Simon Kirsch von einer Hochzeit, wie es zuerst scheint. Dann aber stellt sich heraus, dass man es mit einer Banken-Fusion zu tun hat. Die Jelinek ist mit ihren Kontrakten der Kaufmänner noch nicht durch – da muss sie doch ein Schäuferl nachlegen.

Immer wieder von Liedern à la Plewka getrennt, folgt als nächstes die „Kampusch“-Szene, die in München offenbar sehr lebendig „gespielt“ wurde. In Wien hört man sie bloß. Tückische Stimmen wie der Geist, der Gretchen quält, kommen von allen Seiten und sagen Natascha Kampusch, dass man sie nicht leiden kann, dass sie sich auf ihr Unglück nichts einzubilden braucht, dass sie am besten verschwinden soll. Man kennt manche der Argumente, sie verdichten sich in diesem Fall als Stimmengeflecht sehr überzeugend.

Die Satire aufs Internet überzeugt weniger, und wenn man sich der Jelinek’schen Familiengeschichte nähert, wird es unangenehm: Mutter und Tochter, die den dementen Papa gehässig ins Irrenhaus schieben. In München hat der Monolog des gehirnerweichten Vaters eine Stunde gedauert und wurde ein Virtuosenstück des dortigen Darstellers. In Wien steht Rudolf Melichar keine Viertelstunde hilflos und halbnackt in dem Loch in der steilen Mauer, kommentiert bruchstückhaft live den Text, den er vom Tonband spricht, und muss gelegentlich die Souffleuse bemühen.

Wenn der Spuk vorbei ist, flüchtig dahingehuscht, keinerlei Eindruck hinterlassend, ist es noch nicht zu Ende (wie in München, wo man sich den „Epilog“ der Jelinek-Ich-Satire geschenkt hat): Im Loch erscheint erneut Barbara Petritsch, und nun wird klar, dass die rosig-nackte Alte die Jelinek selbst ist, die zu den Tönen des „Leierkastenmannes“ über sich selbst satirisch sinniert: Immer die alte Leier, die sie da von sich gibt, nicht wahr? (Ja, es ist wahr.) Und damit auch ganz klar wird, wie verfolgt sie ist, wie wenig man sie versteht und was eine geistlose Umwelt von ihr hält, entfesselt sich nun eine Skiparty mit Schnee und einer Moderatorin, die gar nicht genug tun kann, die Alte zu höhnen.

Und im Gegensatz zur bisherigen relativen Moderiertheit des Abends geht’s jetzt los, da weiß ein Regisseur, wie er dem Affen Zucker zu geben  und die Stimmung hochzureißen hat, der Schlussbeifall muss ja von irgendetwas angeheizt werden, also Skifahrer, Gaudi, zünftig (das hat ka Schubert g’schrieb’n): Und es funktioniert, keine Frage.

Entscheidend mitgeprägt wird der Abend von der Form, die er durch das Bühnenbild von Olaf Altmann erhält: eine so steile Wand mit nicht als einem runden Loch darin, dass im Abspann, den man darauf wie einer Kinoleinwand abspulen kann, auch ein Herr für das „Klettertraining“ erwähnt wird: Es ist tatsächlich eine sportliche Crew, die hier – stets angeseilt! – mutig balanciert, sich hochziehen lässt, in die Tiefe stürzt. Möge nie ein Seil reißen. Weil, begründete der Regisseur im Interview, „da eine Welt in absolute Schieflage geraten ist.“ Wie symbolträchtig.

Immerhin erspart man sich damit die Eventualität, irgendeine Art von üblichem Theater zu machen. Doch eines ist klar: Die Szenerie lenkt ungemein ab, und der Regisseur tut seinerseits zusätzlich viel, den Text zu stören. Aber was wäre die Jelinek, wenn nicht Sprache? Diese spielt bei Stefan Bachmann nicht die Hauptrolle. Und das ist wahrscheinlich falsch.

Oder es ist vielleicht grundsätzlich falsch, Jelineks Texte als Theater mißzuverstehen? Andererseits bringen sie natürlich viel mehr ein, wenn man sie auf die Bühne stellt, als wenn man sie nur drucken lässt. Auch eine esoterisch verschwindende Autorin lebt nicht nur von Luft allein (angeblich geht sie, wie man lesen kann, seit acht Jahren nicht mehr aus dem Haus?).

Fazit: Ein Abend, der nicht weh tut, aber auch nichts wirklich bringt. Wieder einmal ein Jelinek’sches Theater-als-ob.

Renate Wagner  

 

 

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