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WIEN / Akademietheater: WASTWATER

29.04.2012 | Theater

Andrea Clausen, Peter Knaack 
(Foto: Barbara Zeininger)

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
WASTWATER von Simon Stephens
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 29. April 2012    

Hieße der Abend „Wastewater“, dann wäre das Abwasch- oder Schmutzwasser (und der Titel würde auch passen). Doch Simon Stephens nennt sein Stück „Wastwater“ nach einem See im englischen Lake District, den er als düster, von Bergen und Schutt umgeben schildern lässt, mit undurchdringlich stiller Oberfläche – und vielen Leichen drinnen. Dicke Symbolik, die passt.

Man hat das Stück bei den vorjährigen Festwochen in der Uraufführungsinszenierung des Londoner Royal Court Theatre gesehen – und sollte vielleicht wünschen, dem wäre nicht so. Denn die schockhafte Wirkung und die – ja, Begeisterung, die es damals erregt hat, will sich bei der nunmehrigen Österreichische Erstaufführung im Akademietheater nicht recht einstellen. Vielleicht ist die Inszenierung von Stephan Kimmig zu absichtsvoll? Sie geht jedenfalls nicht unter die Haut.

Stephens bindet drei Einakter, die im Grunde drei Dialoge sind (nur im letzten Stück kommen noch minimal zwei Personen vor), durch Äußerlichkeiten zusammen – die Szenen spielen in der Nähe des Flughafens Heathrow (Start und Landung der Flusszeuge geben mehr als Geräuscheffekte ab, sie setzen durchaus dramaturgische Akzente), sie handeln von Abreise, Begegnung und Ankunft, und darüber hinaus erfährt man in Nebensätzen, dass einige Personen der Stücke einander kennen, ohne dass das weiter von Bedeutung wäre.

Tatsächlich hängen die Geschichten nicht essentiell zusammen, und fragt man sich am Ende dieser Aufführung, was sie denn eigentlich erzählen, dann ist es wohl nur die allgemeine Erkenntnis: Die Welt ist ein schrecklicher Ort.

Und da setzt die Meisterschaft dieses jungen Briten (der sich in Wien den herzlichen, wenn auch nicht überaus stürmischen Premierenapplaus selbst abholte) ein: Im Zerbröckeln der scheinbar normalen Fassaden ist Simon Stephens brillant. Zumindest das erste Stück fängt gänzlich harmlos an, aber man verliert schnell den Boden unter den Füssen. Bemerkt bald, dass es kein normaler Abschied ist, wenn „Sohn“ Harry seine Mutter Frieda verlässt, um nach Kanada auszuwandern, dass sie offenbar als Pflegemutter für sozial schwierige Fälle fungiert, dass die sicherlich vorhandene Zuneigung auf schwankenden Beinen steht, dass vieles Unausgesprochene, Unverarbeitete da herumliegt.

Stephens dreht die Schraube an: Stück zwei ist härterer Tobak, wenn das Publikum zusammen mit dem unsicheren Kunstgeschichte-Dozenten merkt, dass er in einem Flughafenhotel nicht zum netten, unverbindlichen Seitensprung kommen wird. Die Lady, die er sich ausgesucht hat, offenbart eine mehr als abgründige Lebensgeschichte, und schockartig steht man vor gänzlich unerwarteten Situationen.

In Stück drei gibt es gar keine Schonung mehr – der ängstliche Bürger, der sich von einer Kriminellen seelisch und körperlich quälen lässt, hat offenbar ein Geheimnis, aber es handelt sich nicht, wie man erst vermutet, um Kinderpornographie. Er hat vielmehr (obwohl er von der Gattin getrennt lebt, was die Geschichte wiederum schief macht) illegal ein asiatisches kleines Mädchen gekauft, das er als Tochter aufziehen will…

Regisseur Stephan Kimmig hat darauf verzichtet, den drei Stücken auch nur einen Hauch von Ambiente zu geben – im leeren Bühnenraum von Anne Ehrlich gibt es vielleicht einmal einen Tisch, zwei Sessel oder ein paar herabgesenkte Lampen, aber nicht die Andeutung eines Haustores, vor dem man sich verabschiedet, oder den Hauch eines Hotelzimmers, in dem man sich einrichtet. Das reduziert die Stücke noch weiter auf die Sprache an sich, auf Dialoge, die Hörspielcharakter annehmen (vor allem die ersten beiden, wo man eigentlich nicht hinsehen müsste). Dies als psychologisches Theater vom Blatt spielen zu lassen, ist sicherlich keine falsche Entscheidung, aber vielleicht geschieht es eine Spur zu vordergründig.

Die Hektik des jungen Harry, der unbedingt weg in ein neues Leben will, aber es zweifellos nicht schaffen wird – das glaubt man Daniel Sträßer. Elisabeth Orth als die „Mutter“ vieler missratener Pflegekinder hat die Verhärmtheit unter der bewahrten Fassade, ergreift aber nicht.

Im zweiten Einakter ist Peter Knaack mit seinem Erschrecken über die potentielle Sexpartnerin besser bedient (auch mit ein paar körpersprachlichen Pointen) als Andrea Clausen mit der Polizistin, die Pornos dreht und geschlagen werden will. Sie führt die flackernde Abwegigkeit zwar perfekt vor, erweckt aber kein besonderes Interesse für ihre Probleme.

Im dritten Stück schließlich muss Mavie Hörbiger eine abstoßende Sadistin spielen, für deren Verhalten das Stück (und die Regie) keine Motivation mitgeben: Sie tut es mit speckigem Haar, Nasenring und einer erschreckenden Aggression. Tilo Nest zittert vor ihr so erbärmlich, dass man ihn mit der Aufforderung in den Hintern treten möchte, sich doch endlich zu wehren.

Eines bleibt dieser ungute Abend jedenfalls schuldig: Er erklärt nicht, was an diesen Einaktern so signifikant ist, dass man sich diese Schrecklichkeit ansehen soll. Komisch, nach der englischen Aufführung, die viel hintergründiger war, hat man es gewusst…

Renate Wagner

 

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