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WIEN / Akademietheater: VOLKSVERNICHTUNG ODER MEINE LEBER IST SINNLOS

30.11.2018 | KRITIKEN, Theater

Foto: Burgtheater / Georg Soulek

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
VOLKSVERNICHTUNG ODER MEINE LEBER IST SINNLOS
Eine Radikalkomödie von Werner Schwab
Premiere: 29. November 2018

Es gibt Leute, die können mit den abstoßend hässlichen Klappmaulpuppen des Nikolaus Habjan nichts anfangen, und ich bekenne mich voll zu ihnen. Im allgemeinen sehe ich auch nicht ein, warum ich mir „Menschenstücke“ mit solchen Alpträumen aus dem Grusel-Kabinett ansehen soll. Doch halt – „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ von Werner Schwab ist mit Sicherheit kein Menschenstück. Das Programmheft (diesmal wirklich brillant informativ) mag angesichts einzelner Figuren noch so sehr bei der Suche nach „echten“ Grazer Vorbildern in Schwabs Jugend fündig geworden sein – was er daraus gemacht hat, ist Theater in Essenz, ist Gleichnis, Symbolik, Übersteigerung, Verfremdung. Alle, die Schwab dem coolen „Volkstheater“ à la Horvath zuschlagen wollen, liegen total falsch (wie er auch selbst bestätigt hat): Dieser „Skandalautor“, dessen Leben so kurz war (1958-1994) und der so berühmt geworden ist, hat seine eigenen Welten kreiert.

Die haben zu seiner Zeit von den „Präsidentinnen“ an (1990) eingeschlagen wie Bomben. Er befriedigte das Bedürfnis nach dem Negativen, in dem sich die Österreicher besonders gerne suhlen. „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“, 1991 in München uraufgeführt, ist eines seiner frühen, starken Stücke, während sie später immer belangloser wurden. Dennoch – die Aufführung, vom Burgtheater zu Schwabs nicht erlebtem 60er angesetzt, wie man liest, beweist eigentlich nur, dass die einstige Moderne schal wird, auch, weil ja immer Schlimmeres nachkommt.

Damals freilich hatte man in Schwab und Thomas Bernhard die großen Publikumsbeschimpfer, wenn auch mit graduellen Unterschieden – war der eine direkt angriffig auf das Publikum, war der andere untergriffig. Bernhard nannte gleich alle Österreicher Idioten, Schwab ließ sein Mariedl stellvertretend lustvoll ins Klo greifen. Das zutiefst Ordinäre war seine Welt – und ist es auch bei der „Volkvernichtung“.

 
Foto: Barbara Zeininger

Rein von der Handlung her könnte man hier Greifbares nacherzählen – ein Mietshaus, das der verhassten Frau Grollfeuer (welch Nestroy’scher Name) gehört, im Souterrain Mutter Wurm und ihr verkrüppelter Malersohn Hermann. Wie die beiden sich hassen und beschimpfen, welche Ekelhaftigkeiten und Unappetitlichkeiten man sich da anhören muss… stark, wenn man auch die Frage „Wozu das Ganze?“ nicht aus dem Hinterkopf bekommt. In einer anderen Wohnung die Familie Kovacic, Vater, Mutter und zwei Töchter, inzestuöser Sex und auch ein Sprudel an Gemeinheiten. Bis Hausherrin Grollfeuer, im Oberstock hausend, die ganze widerliche Bande kurzerhand vergiftet, was man ihr nicht übel nimmt… aber dann leben sie doch, gewisse Dinge sind offenbar nicht auszurotten.

Keine Menschen also, sondern Fratzen, und hier scheinen zum ersten Mal die Fratzen-Puppen des Nikolaus Habjan zu passen, in die er alle Beteiligten außer Frau Grollfeuer kleidet (obwohl die ja auch nicht übertrieben viel Menschliches an sich hat). Die Puppen werden den Darstellern, die nur gelegentlich hinter ihnen hervorlugen, gewissermaßen vor den Oberkörper gehängt, mit einem Arm wird ein Arm bewegt, mit der anderen Hand geht es an das Aufreißen der Mäuler. Nikolaus Habjan setzt neben seiner eigenen Person (als der bedauernswerte, aber fiese Hermann Wurm) nur drei Darstellerinnen ein – Dorothee Hartinger als seine Mutter, Frau Wurm, und Sarah Viktoria Frick und Alexandra Henkel als je zwei Mitglieder der Familie Kovacic. Wie sie sich bewegen, das macht die Regie, und mit Puppen kennt Habjan sich aus. Was sie darstellerisch einzusetzen haben, sind (mit Mikroport verstärkt) ihre Stimmen, und die Damen genießen es hörbar, in hohen, spitzen, parodistischen Tönen die Obszönitäten in den Raum zu schleudern.

Ein stilistisches Meisterstück, bloß – wie alles, das auf einem sich nicht wandelnden Stil basiert, wird es bald sehr einförmig. Und die so geschätzte Kunstsprache des Werner Schwab wird ja wohl doch ein wenig überschätzt. Gewiß, niemand will witzige, brillante Formulierungen leugnen (die Österreicher haben das offenbar im Blut, man denke auch an Elfriede Jelinek), aber es ist doch unendlich viel Leerlauf dabei, absichtsvoll aufgeblasenes, sinnloses Geplappere. Was passiert? Das Publikum wird schnell müde. Zu jenen, die man bei einem Schläfchen während der Vorstellung beobachtete, zählte auch der künftige Burgtheaterdirektor…

 Barbara Petritsch /
Foto: Barbara Zeininger

Barbara Petritsch als Frau Grollfeuer bleibt die einzige „Menschin“, nicht die große Rächerin, sondern die elegante Dame, fast zu sanft, um als Massenmörderin überzeugend zu wirken, aber unendlich souverän – man muss schließlich bedenken, dass sie im letzten Teil einen geschätzt halbstündigen Monolog zu absolvieren hat, eine enorme Gedächtnis- und Konzentrationsleistung.

Das Bühnenbild des Abends (Jakob Brossmann) hüllt die Hausbewohner in eine Art durchsichtiger Nylonfolie, während die Hausherrin darüber unbeschädigt bleibt (und per Treppe auch immer wieder in den Zuschauerraum abgehen darf). Jede optische Lösung des Abends wäre, da die Puppen ja dominieren, gleich willkürlich gewesen.

Die Reihen im Zuschauerraum waren nach der Pause gelichtet. Der Abend dauerte starke zweieinhalb Stunden (begann mit zehnminütiger Verspätung, da die Demonstrationen am Donnerstag den Innenstadt-Verkehr stark beeinträchtigen) und trug davon höchstens eine halbe. Außer Hass und Verachtung der Menschheit gegenüber hat uns Werner Schwab nicht viel zu bieten. Da nützen Bezeichnungen wie „Radikalkomödie“ oder (hoch berechtigt) „Fäkaliendrama“ wenig, und auch kreischende Puppen bringen es nicht: An diesem Abend ist nicht nur, wie der Titel meint, „meine Leber“ sinnlos…

Renate Wagner

 

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